SPIEGEL-Reporter in der Ukraine Fußmärsche ins Dickicht – und plötzlich Drohnenalarm
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Thore Schröder, DER SPIEGEL:
»Links und zurück, wie wir kamen, ne?«
Fedir Petrov, lokaler SPIEGEL-Mitarbeiter:
»Links, rechts, genau…«
SPIEGEL-Reporter Thore Schröder ist mit seinem Team erneut unterwegs im Donbass.
Fedir Petrov, lokaler SPIEGEL-Mitarbeiter:
»Vorsicht! «
Eine zeitweilig beschwerliche Reise. Mit dabei: die Fotografin Julia Kochetova und der lokale Mitarbeiter Fedir Petrov. Gemeinsam startet das Team Mitte Juli seine Reportagereise: von Kiew nach Kramatorsk im Osten – und von dort in die Nähe der Front.
Thore Schröder, Der SPIEGEL:
»Wir fahren jetzt zu einem Stabilisationspunkt in der Nähe von Bachmut, in einem Vorort von Bachmut. Und wir haben schon unsere Westen angezogen. Denn auch dort, obwohl es relativ weit entfernt ist von der Front, kann es durchaus Beschuss geben.«
Das Wetter schlägt um. Das Team folgt dem Krankenwagen, der mehrere verwundete Soldaten zu einem Stabilisierungspunkt bringt, irgendwo in Frontnähe, die genauen Standorte dürfen aus Sicherheitsgründen nicht genannt werden. In der provisorischen Notaufnahme herrscht Hochbetrieb.
Dmytro, Arzt:
»Wir sorgen dafür, dass der Patient stabilisiert und seine Wunde gereinigt wird. Wir führen schmerzlindernde Behandlung durch, geben Antibiotika-Behandlung und eine Flüssigkeitsinfusion. Und dann bringen wir diese Soldaten so schnell wie möglich ins Krankenhaus.«
Dieser Soldat hat eine Schrapnellwunde unter dem Knie. Sie muss schnell behandelt werden, um das Bein zu retten. Allein in der vorigen Nacht wurden hier 40 Patienten versorgt. Die verwundeten Soldaten kommen in Gruppen, das medizinische Personal arbeitet im Akkord. Der Anblick ist oftmals nichts für schwache Nerven. Der Leiter des Stabilisierungspunkts schildert dem Reporter seinen Alltag. Alles, was wir hier sehen, ist keine Ausnahmesituation, sondern schreckliche Routine.
Es ist ein langer Tag für das Team – und er ist noch nicht zu Ende:
Thore Schröder, DER SPIEGEL:
»Wir waren jetzt über 12 Stunden in diesem Stabilisierungspunkt und müssen jetzt ganz schnell aufbrechen, weil wir jetzt die Gelegenheit bekommen, in Kolonne mit dem Notarztwagen rauszufahren, der einen Soldaten evakuiert.«
Aufbruch in die Dunkelheit. Für das Team wird es eine kurze Nacht.
Thore Schröder, DER SPIEGEL:
»Nächster Tag, wir sind jetzt wieder hier in Kostjantyniwka, wir haben gerade unseren Kontakt getroffen von der 3. Sturmbrigade. Und fahren mit denen wieder in Kolonne zu deren Position in der Nähe von Bachmut. Und wir sollen heute Artillerie vorgeführt bekommen. Mal schauen, ob das klappt.«
Ukrainischer Soldat:
»Ich habe im Auto zwei Maschinenpistolen, ein Maschinengewehr.«
Der Fußmarsch zur Position führt über einen Feldweg – und dann hinein ins Dickicht. Doch plötzlich gibt es Drohnenalarm. Das Team muss sich schnell in einen nahen Unterstand zurückziehen. Nun heißt es: abwarten. Erst nach einigen Minuten kann die Weiterfahrt gewagt werden.
Ukrainischer Soldat:
»Ich bin gleich da!«
Fedir Petrov, SPIEGEL-Mitarbeiter:
»Sie haben die Position gewechselt. Ganz, ganz schnell.«
Das Team erreicht endlich die Position der Artilleriebatterie der 3. Sturmbrigade. Der Kommandeur erklärt das Ziel seiner Einheit:
Vlad, Kommandeur:
»Wir versuchen, die Russen nicht durchzulassen, wir lassen ihre Manöver nicht zu. Wir machen das, damit sie ihre Truppen nicht in den Süden schicken können.«
Thore Schröder, DER SPIEGEL:
»Jetzt sind wir hier bei der Position angekommen und haben auf dem Weg gerade schon Beschuss gesehen, also incoming, eingehendes Feuer, russisches Feuer auf ukrainische Positionen. Unklar, was das war. Was wir hören, sind Artillerie und Grad-Raketen. Aber wir sind hier zumindest visuell erst einmal geschützt. Und da hört man jetzt auch Panzerketten und die Motoren.«
Die Soldaten zeigen dem Team ihr Geschütz. Eine Haubitze aus sowjetischer Zeit. Sie wurde schon dreimal mit Kamikazedrohnen angegriffen. Deshalb steht sie nun in einem Käfig aus Maschendraht, Tarnnetzen und Stahlträgern. Zurück in der Stellung, zeigen sich die Soldaten alarmiert.
Thore Schröder, DER SPIEGEL
»Wie man hört, gibt’s hier gerade, in etwas Entfernung allerdings, einigen Beschuss. Und deswegen sind wir jetzt wieder zurück zum Unterstand und warten ab und schauen, wann wir denn weiterkönnen. Denn eigentlich hatten wir geplant, dass wir jetzt noch Leute von den Sturmtruppen treffen, aber jetzt bleiben wir erst mal bei den Artilleristen. Was sie uns auch gesagt haben, ist: Eigentlich sind sie tagsüber, also im Hellen, gar nicht zu Fuß unterwegs, weil das eben zu gefährlich ist.«
Nach etwa drei Stunden in der Position kann das Team endlich wegfahren. Doch es sind noch Drohnen in der Luft, sie müssen sich erneut beeilen.
Thore Schröder, DER SPIEGEL:
»Also, wir mussten sehr rasant gerade noch rausfahren von der Position und mit unserem, also mit Julias Auto, von unserem Parkplatz da im Gebüsch. Und jetzt sind wir wieder in Kostjantyniwka, also in relativer Sicherheit, und haben gleich noch einen Termin. Und zwar treffen wir noch einen Sturmtrupp dieser Sturmbrigade, zumindest für ein erstes Vorgespräch, und hoffentlich dann morgen noch einmal für ein längeres Gespräch und vielleicht für irgendeine Form der Begleitung.«
Immer wieder wird auf dieser Reise klar, wie gefährlich die Lage werden kann. Wie man damit umgehen muss, weiß Julia Kochetova; sie ist die erfahrenste im Team, was die Berichterstattung aus ukrainischem Kriegsgebiet angeht.
Thore Schröder, DER SPIEGEL:
»Erzähl uns kurz: Was ist das Wichtigste, das man beachten muss, wenn man in eine solche Situation gerät?«
Julia Kochetova, Fotografin:
»Das Wichtigste ist, zu recherchieren und das Risiko, so gut es geht, einzuschätzen: das Gebiet zu überprüfen und Menschen vor Ort zu befragen, mindestens zwei Quellen, und zwar Militärs, nicht irgendwelche zufällig vorbeikommende Zivilisten. Sind in letzter Zeit Granaten eingeschlagen? Welche Art von Munition verwendet der Feind? Wo ist die nächste Deckung? Ist die Straße sicher? Was passiert an der vordersten Frontlinie? All das ist superwichtig, um das Risiko, wenn schon nicht zu verringern, es zumindest zu verstehen und anzunehmen.«
Die genaue Recherche im Vorfeld ist extrem wichtig. Hier, in der Wohnung des Teams in Kramatorsk, führt Fedir Petrov Interviews und klärt Termine. Das Organisieren vor Ort ist nicht immer einfach – und es braucht vor allem Geduld.
Thore Schröder, DER SPIEGEL:
»Denn tatsächlich besteht unsere Arbeit auch viel aus Warten und aus Organisation. Und für diese Organisation ist vor allem unser lokaler Mitarbeiter Fedir Petrov verantwortlich. Und der erklärt uns jetzt mal, was er jetzt gerade zu tun hat.«
Fedir Petrov, lokaler SPIEGEL-Mitarbeiter:
»Genau, gerade warten wir vor allem auf zwei Sachen: Erstens haben wir angefragt, und wir warten auf eine Bestätigung, ob wir einen Sturmangriff aus der Ferne, aus der Kommandozentrale begleiten können und dürfen. Ob es klappt oder nicht, ist zurzeit noch unklar. Zweitens warten wir noch auf eine Bestätigung, ob wir zu einer Artillerieeinheit gehen können, ob wir sie besuchen können und über Streumunition reden und die Notwendigkeit dafür hier an der Front in der Ostukraine.«
Fahrt raus aus Kramatorsk. Endlich geht es weiter.
Thore Schröder, DER SPIEGEL:
»So, der nächste Tag. Erst mal haben wir stundenlang in unserer Wohnung in Kramatorsk gewartet, darauf dass sich der Presseoffizier der 3. Sturmbrigade bei uns meldet. Und dann kam die Nachricht, so, wie schnell könnt ihr in einem bestimmten Ort sein? Jetzt sind wir auf dem Weg dahin, ohne genau zu wissen, was wir jetzt eigentlich präsentiert bekommen. Ob wir bei einer Einheit dabei sein können oder mitbekommen, wie die Sturm gehen, oder ob wir vielleicht Kriegsgefangene interviewen können. Insofern ist das jetzt ’ne Überraschung.«
Es stellt sich heraus: Es ist die zweite Option. Streng bewacht werden hier russische Kriegsgefangene vorgeführt. Wir zeigen ihre Gesichter nicht. Das Team darf zwei der Männer interviewen.
Fedir Petrov, lokaler SPIEGEL-Mitarbeiter:
»Er hat diese Ausbildung gemacht zum Feuerwehrmann. Ein Jahr lang.«
Die Soldaten geben Auskunft über ihre Herkunft und ihren Werdegang. Und sie nennen ihre letzte Position im Krieg.
Thore Schröder, DER SPIEGEL:
»Also wo waren Sie? Hier ungefähr, ja. Und davor?«
Thore Schröder, DER SPIEGEL:
»Wir haben gerade fast drei Stunden mit zwei russischen Kriegsgefangenen gesprochen. Natürlich werden wir das komplett anonymisieren, wir werden deren Namen nicht veröffentlichen und wir werden deren Gesichter auch nicht zeigen. Erstaunlich fand ich vor allem, wie unpolitisch die beiden waren. Aufgeregt haben sie sich eigentlich nur, als sie davon erzählt haben, dass die russischen Soldaten, die hinter ihnen waren, offenbar den Befehl hatten, sie zu erschießen, falls sie sich zurückgezogen hätten von ihren Positionen, ohne Befehl.«
Es sind aber auch solche Einblicke, die das Team aus dem Alltag in der Frontnähe bekommt. Kochen für Militärsanitäter.
Köchin:
»Mit meiner Familie treffen wir uns selten alle zusammen zum Essen. Aber immer wieder koche ich für bis zu 15 Menschen.«
Heute stehen mit Hackfleisch gefüllte Paprika auf dem Speiseplan. Die Frauen bereiten rote Bete, Karotten und Gewürzgurken zu – traditionelle Beilagen. An den Wänden neben der Kantine hängen Bilder der getöteten Sanitäter.
Thore Schröder, DER SPIEGEL:
»Guten Morgen. Wir sind unterwegs an unserem hoffentlich letzten Tag der Reise und haben noch einmal eine besondere Aufgabe. Und zwar müssen wir für eine Geschichte über die Beschaffung von Artilleriegranaten noch einen 155. Geschütz, eine Haubitze besuchen.«
Doch der Besuch gestaltet sich schwierig.
Thore Schröder, DER SPIEGEL:
»Also wir sind vorgefahren bis dahin, wo das Geschütz sein soll, oder in die Nähe, und dann war es aber doch sehr laut. Gab Beschuss, nicht ganz in der Nähe, aber eben auch nicht allzu weit entfernt. Wir wollten uns erst einmal schlau machen, wo genau das ist und welche Brigade da ist, und deswegen sind wir zurückgefahren und sind hier zu einer Mörsereinheit, die wir vorhin schon getroffen hatten, und haben mit denen gesprochen. Und die haben uns bei der Gelegenheit – jetzt ist hier auch outgoing – auch noch eine russische Rakete gezeigt, mit der Streumunition auf sie geschossen worden ist.«
Schließlich erreichen die Reporter die 155er-Haubitze. Es sind Geschosse aus dem Nato-Bestand. Die Soldaten zeigen dem Team eine Treibladung. Je größer die Ladung, desto weiter können sie schießen. Damit lässt sich aber auch ein Feuer entfachen – etwa für einen gemeinsamen Kaffee.
Etwa neun Stunden dauert die Rückreise aus dem Osten – in einen Alltag, der zumindest augenscheinlich fernab vom Krieg ist.
Thore Schröder, DER SPIEGEL:
»Ja, nach über einer Woche sind wir endlich zurück hier in Kiew, vor unserer SPIEGEL-Wohnung, wo diese Reise begann. Und es war wirklich eine turbulente, aber auch ertragreiche Woche. Und ich hoffe, es war für Sie interessant, zu sehen, wie wir hier eigentlich arbeiten.«