Februar 2022: Russland greift an
Maxim Donyuk
»Als ich aufwachte, hatte ich vielleicht 1000 verpasste Anrufe und Nachrichten. Ira und ich hatten keine Explosionen gehört, wir hatten geschlafen. Am Morgen sahen wir, dass der Krieg begonnen hatte. Es war einfach ein unglaubliches Gefühl. Wir alle kennen die Bilder des Zweiten Weltkriegs. Mein Großvater hat immer davon erzählt. Es ist unglaublich, wenn man selbst Teil eines so großen, blutigen Krieges wird, was ein Staat mit einem anderen macht, wie er einfach große Städte zerstört, wie er alles zerstört.«
Februar 2022: Konvoi in den Tod
Maxim Donyuk
»In der zweiten Nacht des Krieges war ich in Kiew und wurde von einer Explosion geweckt, einer starken Explosion. Es kam aus nächster Nähe. Am Morgen erfuhr ich, dass eine russische Militärkolonne mit Soldaten, Waffen und Munition beschossen und zerstört worden war. Ich war überrascht, dass diese Autos auf der langen Peremohy-Straße bis ins Stadtzentrum fahren konnten, ohne aufgehalten zu werden. Die russischen Soldaten dachten anscheinend, sie würden in Kiew begrüßt werden – wie bei einer Militärparade. Aber sie schafften es nicht einmal, sich einen Kampf zu liefern. Die ukrainische Armee hat sie einfach vernichtet.«
April 2022: Rettung aus Sjewjerodonezk
Juan Carlos
»Es war dramatisch, die freiwilligen Helfer bei der Suche nach sicheren Häusern für die Evakuierten zu beobachten. Es war gefährlich, weil die Stadt ohne Pause bombardiert wurde und es Gefechte gab. Es war schön, die Mitmenschlichkeit der Helfer zu sehen, die ihr Leben dafür riskierten, die Zivilisten herauszuholen, die die Stadt unbedingt verlassen wollten, um kein Opfer des Krieges zu werden.«
Juli 2022: Raketen auf Winnyzja
Julia Kochetova
»Das war einer der schlimmsten Tage meines Lebens. Russen hatten das Haus meiner Eltern angegriffen. Ich wurde in Winnyzja geboren, und in diesem Moment war meine persönliche Geschichte nicht hilfreich. Dein Zuhause wird angegriffen, deine Lieblingsorte sind zerstört und verbrannt. Der Platz ist mit Asche und Kinderspielzeug bedeckt, um an die vierjährige Lisa zu erinnern, die bei dem Angriff getötet wurde. Es war extrem merkwürdig für mich, aus meiner Stadt, aus meinem Hinterhof zu berichten, aber es hat auch mein Einfühlungsvermögen gesteigert. Es ist, als habe jemand dein Familienalbum verbrannt.«
November 2022: Befreites Cherson
Emre Caylak
»Diese Freude und Emotionen werde ich nie vergessen. Wir kamen auf dem Freiheitsplatz in Cherson an, kurz nachdem ukrainische Truppen ihn befreit hatten. Die Menschen hatten neun Monate unter einer gewaltsamen Besatzung gelebt. Der Platz war voller feiernder Menschen. Frauen weinten und umarmten und küssten die Soldaten. Junge Männer sangen die Nationalhymne. Alle schwenkten ukrainische Flaggen, die unter den Russen verboten waren. Im Krieg machen die Menschen so viel Schreckliches durch. Es war unglaublich, so eine Freude zu sehen.«
Dezember 2022: Kinder im Keller
Johanna-Maria Fritz
»In Saporischschja haben wir Geflüchtete, Binnenflüchtlinge getroffen, die in einem Keller in einer Fabrik leben. Und man hatte wirklich das Gefühl, dass die Kinder fast nie Tageslicht sehen, die immer noch total verängstigt waren und wahrscheinlich auch sind und in der Dunkelheit komplett klarkommen und da auch spielen. Und das hat mich so traurig gemacht, dass den Kindern einfach die Kindheit genommen wird. Natürlich gab es Mama und Papa, aber trotzdem haben sich auch alle um alle gekümmert und das fand ich sehr sehr schön zu sehen, aber auch unfassbar traurig.«
Februar 2023: Porträt des Präsidenten
Julia Kochetova
»Einen Staatspräsidenten zu fotografieren, ist alles andere als einfach, vor allem, wenn es einer der meistfotografierten Präsidenten des vergangenen Jahres ist. Vor dem Interview haben wir mit dem Team des Präsidenten über den Ort für das Cover-Foto verhandelt. Auf einer Etage fiel mir eine Ausstellung von riesigen Soldatenporträts auf. Ich stand vor dem ersten Bild, es war Andrii Verhoglyad von der 72. Brigade, einer der jüngsten und großartigsten Kommandeure meines Landes. Er ist am 22. Juni gefallen, bei Switlodarsk in der Donezk-Region. Lasst uns das Porträt hier machen, sagte ich. Mir war wichtig, hervorzuheben, wer im Krieg hinter dem Anführer des Landes steht. Jedes Mal, wenn ich den SPIEGEL-Titel sehe, den wir zusammen gemacht haben, sehe ich nicht nur das Jahr des großen Krieges in den Falten in Selenskyjs Gesicht, sondern ich sehe auch Andrii und Tausende seiner Kameraden, die für immer auf dem Schlachtfeld geblieben sind.«
Juan Carlos
Emre Caylak
Maxim Donyuk
Johanna-Maria Fritz
Julia Kochetova