Montessa Lee hat immer daran geglaubt: Sie wird den Lungenkrebs besiegen. Und seit sie das geschafft hat, setzt sie sich für die Rechte von Krebspatienten ein.
Montessa Lee, Patientensprecherin:
»Ich bin eine Kämpferin für die Underdogs. Ich gebe denen eine Stimme, die oft vergessen werden.«
Am Sonntagmorgen in ihrer Kirche in einem Vorort von Washington, D.C. Lee ist Mitglied einer Baptistengemeinde, einer der größten im Bundesstaat Maryland.
»Wir dienen einem Gott, der die Macht und die Kraft hat, für euch Wunder zu bewirken!«
Seit ihrer Heilung glaubt die 47-Jährige noch fester an göttliche Wunder. Aber auch daran, dass im Gesundheitssystem der USA vieles falsch läuft – und geändert werden muss.
Montessa Lee, Patientensprecherin:
»Am Anfang meiner Lungenkrebs-Reise habe ich meine Wut in Engagement verwandelt. Im Moment setze ich mich für niedrigere Medikamentenpreise ein. Ich sehe so viel Unzulänglichkeiten im System, je nachdem ob ich ins Krankenhaus A oder B gehe.«
Seit fast 20 Jahren organisiert die Sonderschulpädagogin Selbsthilfegruppen für Krebspatienten, vor allem in afroamerikanischen Communitys. Und so große Sorgen wie heute hat sie dort noch nie erlebt, trotz aller medizinischer Fortschritte. Das liegt vor allem an einem Mann.
Robert F. Kennedy, Gesundheitsminister:
»1, 2, 3…«
Robert F. Kennedy Junior ist Gesundheitsminister in der Regierung von Donald Trump. Und der 71-Jährige inszeniert sich gern als eine Art oberster Fitness-Influencer des Landes.
Wenn er nicht gerade trainiert, so erzählt es sein YouTube-Kanal, kämpft RFK Junior für gesunde Ernährung, möglichst naturbelassen soll sie sein, am besten selbst angebaut oder gefangen.
Dabei wird Kennedy unterstützt von einer ganzen Armee von Influencern, die mit der Sorge vieler Amerikaner vor schädlichen Stoffen im Essen gute Geschäfte machen.
Fitness und gute Ernährung, wer sollte etwas gegen Kennedys Agenda haben, besonders in einem Land, in dem Millionen Menschen übergewichtig sind? Ist das vielleicht das Thema, das die ansonsten gespaltenen USA zusammenbringt?
Denkbar wäre es, aber es gibt da noch die andere Seite von Kennedys Programm:
Tausende Entlassungen in den Gesundheitsbehörden, Impfskeptiker erhalten wichtige Posten
Milliardenkürzungen in der medizinischen Forschung, zum Beispiel bei mRNA-Impfstoffen
geplante Sparmaßnahmen bei der Krankenversicherung, die Schätzungen zufolge allein im kommenden Jahr bei 3,3 Millionen Amerikanern zum Verlust der Versicherung führen könnten
Was bedeutet dieser brachiale Umbau des Gesundheitssystems für Krebspatienten? Montessa Lee erlebt vor allem viel Unsicherheit. Und auch das Gerede über sauberes Essen und gesunden Lifestyle hat für sie wenig mit der Realität in großen Teilen der USA zu tun.
Montessa Lee, Patientensprecherin:
»Wo sind denn diese Wochenmärkte? Ich lebe in einer sogenannten ›Food desert‹ mit vielen Fast-Food-Restaurants.«
So holt Lee ihr Frühstück bei McDonald’s.
Verkäufer bei McDonald’s:
»Was darf es sein?«
Montessa Lee, Patientensprecherin:
»Einen einfachen McMuffin bitte, zwei Hashbrowns und einen mittelgroßen Orangensaft bitte.«
Das Werben für gesunde Ernährung sei schön und gut – solche Alternativen wirklich zu finden, sei für sie aber zu zeitaufwendig, sagt Lee. Und zu teuer.
Montessa Lee, Patientensprecherin:
»Danke!
Zumindest mit der Krankenversicherung hatte Lee bislang vergleichsweise wenige Probleme. Als bei ihr Lungenkrebs diagnostiziert wurde, war sie bereits Lehrerin und damit gut abgesichert. In ihrem Umfeld sieht das anders aus.
Montessa Lee, Patientensprecherin:
»Als Lehrerin hatte ich einen Schüler, der Selbstmordfantasien hatte. Und seine Eltern sagten: Ihre Versicherung zahlt keine Psychotherapie. Und da fragt man sich: Wie gesund sind wir, wenn wir nicht jede Person ganzheitlich behandeln?«
Von diesem Ideal ist das Gesundheitssystem tatsächlich weiter entfernt als je zuvor. Und mehr und mehr Patienten, beobachtet Lee, verlieren das Vertrauen in die Schulmedizin. Das liegt auch an einer Flut unbewiesener Behauptungen, vor allem zum Thema Impfungen, teilweise vom Gesundheitsminister selbst verbreitet. Als Lehrerin für Kinder mit Behinderungen kennt Lee die dadurch hervorgerufenen Sorgen.
Montessa Lee, Patientensprecherin:
»Kinder haben doch sowieso schon Angst vor Nadelstichen. Wenn wir dann noch Unbewiesenes dazu verbreiten, kann das sehr gefährlich werden. Ich habe meinen Bruder durch Corona verloren und dass wir jetzt Rückschritte machen … wir können doch nicht alles wegwischen und dahin zurückkehren, dass wir Menschen in Leichensäcken sehen wegen Corona oder anderen Krankheiten.«
Nächster Programmpunkt: ein Ausflug zum Tierladen mit Surrender, Lees 12 Jahre altem Kongo-Terrier. Die Fahrt wird zur Geduldsprobe, weil die Washington Commanders ein Heimspiel in der NFL haben. In der Nachbarschaft bedeutet das verstopfte Straßen schon Stunden vor dem Kick-off.
Montessa Lee, Patientensprecherin:
»Normalerweise plane ich das strategisch…«
Kirche, Fast Food und Football – schon jetzt ein klassisch-amerikanischer Sonntag.
Montessa Lee, Patientensprecherin:
»Schau mal, Surrender, dein Kostüm!«
Die Halloweenkostüme für Hunde sind das i-Tüpfelchen.
Und auch das ist typisch amerikanisch: Obwohl sie viele Entwicklungen im Gesundheitssystem zum Gruseln findet, kommt Resignation für Lee nicht infrage.
Montessa Lee, Patientensprecherin:
»Ich bin ein gläubiger Mensch, am Ende wird alles gut. Wahlen kommen und gehen, und die Dinge werden sich wieder ändern, wir müssen da flexibel bleiben. Aber auch den Mund aufmachen, wenn wir sehen, dass etwas falsch läuft. «