Jubelnde Salzburger beim Einmarsch deutscher Truppen 1938: »Opa war ein Nazi, ich weiß«
Foto: Bettmann Archive / Getty Images
meinung •Die Lage: Inside Austria Wie geht Österreich mit der Nazikartei um?
Auch in Österreich, dem Geburtsland von Adolf Hitler, stößt die Mitgliederkartei der »Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei« (NSDAP) auf reges Interesse und dient als Anlaufstelle für Ahnenrecherche.
Doch es dürfte grundsätzliche Unterschiede im Zugang geben, wie der Wiener Rechtsextremismusforscher Andreas Kranebitter erklärt. »In Deutschland hieß es oft: Opa war kein Nazi«, sagt der Leiter des Dokumentationsarchivs des österreichischen Widerstandes (DÖW) im SPIEGEL-Interview . »In Österreich hieß es eher: Opa war ein Nazi, ich weiß.« Anders als beim nördlichen Nachbarn konnten die braunen Kader bald nach Kriegsende unbefangen mit ihrer Vergangenheit umgehen.
Eine Recherche zur Gründungsgeschichte der FPÖ im SPIEGEL und im »Standard« zeigte, dass die frühe FPÖ nachweislich allein von früheren Gefolgsleuten Hitlers gelenkt wurde – eine Nachricht, die fast alle österreichischen Medien aufgriffen.
Gut möglich, dass weitere Entdeckungen folgen. Denn in dem Verzeichnis schlummern weitere Namen aus Österreich. Rudolf Bockelmann (1904 bis 1984) etwa, der Vater des großen Musikstars Udo Jürgens (1934 bis 2014), der damals in Kärnten lebte. Sein jüngster Sohn, der Künstler Manfred Bockelmann, schrieb einmal davon, dass der Vater 1941 eingetreten war. Jürgens lässt in seinem autobiografischen Roman »Der Mann mit dem Fagott« den Beitritt schon früher stattfinden – und liegt damit richtig, wie das NSDAP-Verzeichnis belegt.
Erst NS-Bürgermeister, dann KZ-Häftling?
Auf der Karteikarte des Vaters steht, dass dieser bereits im Juni 1938 seine Aufnahme beantragt habe und dann rückwirkend zum 1. Mai 1938 Parteimitglied geworden sei. Wenige Monate zuvor war Österreich an Hitlerdeutschland »angeschlossen« worden. Im selben Monat wurde Bockelmann Bürgermeister der Wohnortgemeinde Ottmanach in Kärnten.
Auf der Homepage seines berühmten Sohnes Udo steht: »Vater Rudolf bringt die Familie in den Kriegsjahren auf dem Familiengut Barendorf bei Lüneburg in Sicherheit. Dafür wird er wegen Fahnenflucht von den Nazis verhaftet, ins KZ gesperrt und zum Tode verurteilt.« Das Kriegsende habe Vater Bockelmann das Leben gerettet.
Künstler Manfred Bockelmann: Bilder von NS-Opfern
Foto: Zarko Basic / PIXSELL / picture allianceNur: Stimmt das alles so? Die Familie von Udo Jürgens antwortete auf Anfrage von SPIEGEL und »Standard«, man könne keine gesicherten Fakten beisteuern. »Etwaige Familienerzählungen sind nicht geeignet, um historische Sachverhalte zu belegen.« Den Nachkommen von Udo Jürgens geht es wohl ähnlich wie den meisten anderen Familien: Vieles aus der Vergangenheit bleibt bislang vage. Immerhin hilft die Nazikartei dabei, eine Suche zu beginnen.
Podcast über Jörg Haider
Der Inside-Austria-Podcast geht für die nächsten drei Wochen in die Sommerpause. Dafür hören Sie an dieser Stelle eine Serie aus dem Jahr 2024, die aber gerade wieder höchst aktuell ist – vor allem mit Blick auf Deutschland. Meine SPIEGEL-Kollegin Lucia Heisterkamp schreibt:
In der Bundesrepublik bewegen die Landtagswahlen im Herbst in Sachsen-Anhalt, in Mecklenburg-Vorpommern und in der Hauptstadt Berlin schon jetzt. Vor allem die Möglichkeit, dass die extrem rechte AfD danach zum ersten Mal Teil einer Landesregierung sein könnte. In Österreich hat der einstige Parteichef Jörg Haider die FPÖ schon in den Achtzigerjahren groß gemacht. Sie war Teil zahlreicher Landesregierungen und hat sogar auf Bundesebene mitregiert.
Jörg Haider gilt als einer der Erfinder des modernen europäischen Rechtspopulismus. Was ihn so erfolgreich machte und wie sein Stil bis heute die Politik in Europa mitbestimmt, das erzählen wir in unserer dreiteiligen Serie. Wir zeichnen Haiders Aufstieg bis zu seinem Unfalltod nach, sprechen mit Wegbegleitern, Journalistinnen und Extremismusexperten.
Geschichten, die wir Ihnen heute empfehlen:
Social-Media-Verbot für Kinder: »Wir stellen Eltern auch nicht frei, ob ein Zehnjähriger Whisky trinken darf«
Brisante Chats: Wie Rechtsextremist Sellner die FPÖ vor sich her trieb
Schweizer Fall Pelicot? Rechtspopulist soll Mädchen betäubt, vergewaltigt und Taten gefilmt haben
Öffentliche Obstbäume in Wien: Wenn Fair Use an der Gier Einzelner scheitert
Talkshow-Dauergast Robin Alexander: Der Konservative, dem auch Linke zuhören
Mutmaßliche Manipulation: Hitlers Geburtshaus hat bei Google Maps die Hausnummer 88
Herzliche Grüße aus Wien!
Oliver Das Gupta
Autor für SPIEGEL und STANDARD
Und noch einmal der Hinweis in eigener Sache: Dieses Briefing als Newsletter in Ihr E-Mail-Postfach können Sie hier bestellen.