Bombenangriff auf eine Industrieanlage in Mariupol. Die Aufnahme einer Drohne zeigt, was hier zum grausamen Alltag geworden ist. Bilder eines privaten US-amerikanischen Satellitendienstes belegen das Ausmaß der Verwüstungen in Mariupol. Laut dem Stadtrat sollen mehr als 80 Prozent der Gebäude zerstört sein. Doch immer noch leisten ukrainisches Militär und paramilitärische Gruppen erbitterten Widerstand. Die Bedeutung der Stadt ist groß – für beide Seiten.
Gustav Gressel, Militärexperte:
»Sie hat einen symbolischen Wert. Die Stadt war schon immer hart umkämpft, 2014 war sie kurz russisch besetzt, dann ist sie im August von den Ukrainern befreit worden. Es waren dann alle hochrangigen Besucher, jeder der der Ukraine solidarisch sein wollte, John McCain angefangen, bis über Habeck war in Mariupol. Und das zweite ist natürlich der praktische Wert. Für den südlichen Korridor, zwischen der Krim, dem besetzten Donbass ist Mariupol der wichtige Verkehrsknotenpunkt, Eisenbahnknotenpunkt, der größte Hafen im Asowschen Meer. Also wenn Russland seine Volksrepubliken ausdehnen will auf eine Landbrücke Richtung Krim liegt Mariupol im Weg und deswegen wird um Mariupol härter gekämpft als um jede andere Stadt.«
500 Kilometer westlich von Mariupol liegt Odessa. Die drittgrößte Stadt des Landes ist strategisch von großer Bedeutung. Vor dem Krieg wurden über den Hafen von Odessa knapp die Hälfte aller Im- und Exporte des Landes abgewickelt. Ohne ihn würde die Ukraine ihren wichtigsten Zugang zur See verlieren.
Gustav Gressel, Militärexperte:
»Wenn die Ukraine dauerhaft vom Schwarzen Meer abgeschnitten wird, ist es natürlich ein erheblicher wirtschaftlicher Schaden, weil das Land ja im Export auf den Seeweg angewiesen war, wichtigste Exportpartner der Ukraine waren vor allem Staaten in Afrika, im Nahen und Mittleren Osten, in der Golfregion und in Asien, insofern war die Ukraine in ihrer Wirtschaft auf den Schifffahrtsverkehr stark angewiesen.«
Erste russische Luftangriffe gab es bereits auf Odessa, die Angst der Bevölkerung ist groß, dass die Stadt zu einem zweiten Mariupol werden könnte. In Erwartung eines Angriffs werden auch jetzt noch Freiwillige an der Waffe geschult.
Gustav Gressel, Militärexperte:
»Zum gegenwärtigen Zeitpunkt ist eine Besetzung von Odessa unwahrscheinlich. Da sind die Kräfte nicht da, sie sind viel zu weit weg. Das sind Entlastungsangriffe, damit Reserven aus Odessa nicht um Cherson eingesetzt werden können. Aber zum gegenwärtigen Zeitpunkt gibt es kein Szenario, das darauf hindeutet, dass die Russen schnell auf Odessa vorstoßen könnten, um hier eine Einkesselung zu erzielen.«
Nicht nur im Süden stockt der russische Vormarsch, auch im Raum um die Hauptstadt Kiew kommen die Truppen kaum voran. Putins »Blitzkrieg« gilt mittlerweile als gescheitert. Viele Analysten gehen deshalb davon aus, dass sich Putins Fokus verschiebt. Nicht mehr die Eroberung Kiews könnte oberste Priorität haben, sondern die Zerschlagung der ukrainischen Streitkräfte im Osten des Landes. Experten schätzen, dass hier der Großteil der ukrainischen Truppen stationiert ist. Gustav Gressel hält etwas anderes für entscheidend. Er geht davon aus, dass es bald zu einer zweiten Offensive der russischen Streitkräfte kommen könnte – sobald frische Kräfte mobilisiert werden.
Gustav Gressel, Militärexperte:
»Der erste April rückt näher und am ersten April ist ein großer Einrückungstermin. Und dann hätte man eine zweite Welle, mit der man Anlauf nehmen könnte. Ich erwarte eigentlich grundlegend, dass man erst wieder Mitte April in die Offensive von russischer Seite gehen wird. Und bis dahin versucht Russland den Gegner zu zermürben, das heißt durch gezielte Angriffe auf Städte, auf zivile Infrastruktur, auf Ziele, die dem Gegner lieb und wert sind, die Moral des Gegners zu brechen.«
Trotz der Brutalität der russischen Angreifer gegen zivile Ziele scheint das Durchhaltevermögen der Ukrainer allerdings hoch. Sowohl Soldaten und Kämpfer als auch die Bevölkerung sind nach wie vor gewillt, ihre Freiheit zu verteidigen.