Fahrbericht: Ferrari FF mit Allradantrieb - DER SPIEGEL
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Fahrbericht Ferrari FF: Das Schlüsselerlebnis

Foto: Jürgen Pander

Fahrbericht Ferrari FF Willkommen im Rennsalon

So ein Auto hat Ferrari noch nie zuvor gebaut: Der FF sieht aus wie ein Kombi, hat einen Allradantrieb, und - kein Witz - seine Rückbank lässt sich umklappen. Trotzdem steckt unter dem Alltagsanzug mehr Rennwagengefühl als in allen Sportwagen aus Deutschland.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Das hatten wir uns aber ganz anders vorgestellt. Da bekommt man die Schlüssel für einen Ferrari FF ausgehändigt und hält ein schnödes Stück Plastik zwischen den Fingern. Ungefähr so groß wie ein Zwei-Euro-Stück, mit knallrotem Glanzlack überzogen, ein blanker Stahlstift ragt heraus. Wie ein Trostpreis von der Kirmesbude sieht das Teil aus. Das gehört wirklich zu einem 258.000 Euro teuren Auto mit 660 PS? Immerhin, die Türen des FF lassen sich damit auf Knopfdruck öffnen.

Doch derlei abschätzige Gedanken werden vom ersten Aufbrüllen des Motors sofort weggeblasen. Sind wir aus Versehen schon aufs Gas getreten? Nein, diese kleine Showeinlage, das Hochorgeln des Zwölfzylinderkunstwerks auf rund 2000 Umdrehungen, besorgt die Motorsteuerung von ganz allein. Es ist ein kleiner, sinnlicher Willkommensgruß aus dem Motorraum.

Dort sitzt das Herz des Wagens. Und das ist in diesem Fall nicht im übertragenen Sinne gemeint. Bei diesem Motor schlicht von einem Antrieb zu sprechen, wäre Frevel. Es ist ein Musikinstrument, das den Fahrer mit seinen Forte-Fanfaren in einen Rausch versetzt. Der Typ, der mit seinem Audi S5 die linke Spur verstopft? Meint wohl, er hat ein schnelles Auto. Mal eben die Sohle gesenkt, und von ihm bleibt nur ein winziger Punkt im Rückspiegel übrig. Selbst wenn die Tachonadel 240 zeigt, stürmt der Ferrari beim Tritt aufs Gaspedal nach vorne, als wäre es ein schneller Ampelstart.

Tempo 335 wäre jetzt rein theoretisch drin - aber es geht doch alles ein bisschen schnell in diesem Auto, lieber mal den Bleifuß lockern. Okay, das ist also der Ferrari FF. Die Sache mit dem Schlüssel: Schwamm drüber. Ist er eine Rennmaschine? Großes Zwölfzylinder-Ehrenwort.

Ungezähmter Umzugswagen

Nur mal fürs Protokoll: Der FF hat vier Sitze, und nein, die Rückbank ist nicht nur als Ablage für die Barbour-Jacke gedacht. Tatsächlich haben Menschen mit 1,85 Metern Körpergröße bequem Platz, ohne dass Fahrer und Beifahrer sich vorn den Bauchnabel quetschen. Die Sitze kann man sogar umklappen. Ja, in dem Geschoss lässt sich ein kleiner Kühlschrank verstauen. Und trotzdem ist dieses Auto anders als alles, was an schnellen Autos aus Stuttgart, München, Ingolstadt oder Zuffenhausen kommt.

Selbst vermeintliche Supersportwagen wie der Audi R8 wirken gezähmt und zahnlos gegen den FF. Ja, sie sind durchdachter, vielseitiger, perfekter. Im FF wirkt dagegen vieles zufällig. Die Bedienelemente sind wahllos verteilt. Während das Doppelkupplungsgetriebe eigentlich über zwei Paddles hinter dem Lenkrad gesteuert werden will, wird der Rückwärtsgang mit einem Knopf eingelegt, der sich in der Mittelkonsole befindet. Der Schalter für den Bordcomputer versteckt sich links neben dem Lenkrad. Der Monitor ist ziemlich mickrig für einen Wagen, der so viel wie 400 Flachbildschirmfernseher kostet. Statt eines durchdachten Interieurkonzepts gibt es Spielereien wie eine Info-Leiste auf dem Armaturenbrett der Beifahrerseite, auf der die Fahrdaten angezeigt werden.

Ein Lenkrad zum Verlieben

Aber ein Blick aufs Lenkrad reicht, und das zusammengewürfelte Interieur ist vergessen. Bei normalen Autos sitzen auf dem Volant Schalter, mit denen man den Schnickschnack bedient, die Radiolautstärke regelt oder ans Telefon geht. Auf dem Lenkrad des FF ist alles versammelt, was man zum Steuern des Autos braucht: Fernlicht, Scheibenwischer, Blinker, Startknopf für das Höllengerät. Hinzu kommt das sogenannte Manettino, ein rot schimmernder Hebel. Damit lässt sich die Fahrzeugsteuerung je nach Wetterlage und Straßengrip mehr oder weniger scharf stellen. Im FF gibt es sogar ein Schneeflockensymbol - damit wird der Allradantrieb (erstmals in einem Ferrari verbaut) auf besonders rutschigem Untergrund justiert.

Das Lenkrad vereint alle wichtigen Funktionen, so dass man beim Fahren die Hände nie runternehmen muss. Und so möchte man das Steuer beim Aussteigen fast instinktiv abziehen und einpacken, so wie es Formel-1-Fahrer nach dem Rennen tun.

Unfreiwillige Kopfnicker

Genau das ist der entscheidende Punkt, der das Wesen des FF verrät. Die Kraftmeier von BMW, Audi und Mercedes verströmen in all ihren Details die Souveränität eines Großserienherstellers, der eigentlich Vernunftautos baut. Beim FF ist es genau umgekehrt. Da verströmen all die Details die Hingabe seiner Erbauer an den Rennsport - und ihre Mühe, diese brachiale Leidenschaft in ein halbwegs alltagstaugliches Format zu bringen.

Wenn man mit dem FF an die Ampel heranrollt, sortiert das Doppelkupplungsgetriebe mit deutlich vernehmbaren Klackern die Gänge. Und manchmal fällt einer auch so abrupt raus und ein anderer rein, dass der Kopf unwillkürlich nickt. Der Grundton des Motors im Standgas, dieses kehlige, gleichmäßige Sägen, das sich bei der kleinsten Gaspedalbewegung in ein heiseres Bellen verwandelt. Die Genauigkeit, mit der das Auto den Lenkbewegungen folgt. All das verdichtet sich zu einem einzigen Gefühl: Der FF mag schick aussehen, er mag schick eingerichtet sein und eine Rückbank und einen Kofferraum haben - doch in Wahrheit ist er ein Rennwagen.

Deshalb macht auch in gewisser Weise die Kirmestrophäe von Autoschlüssel wieder Sinn. Er ist in ganz altmodischer Weise ein Schlüssel, und zwar zu etwas, das man wegschließen muss. Mit ihm entsichert man den FF, man stellt ihn sozusagen scharf. Ja, man ist ein bisschen enttäuscht, wenn man den Schlüssel für den FF zum ersten Mal in den Händen hält. Aber noch schlimmer ist es, ihn zurückzugeben.