Lotus Exige S Hart, aber herzlich
Wer mit einem Lotus zurechtkommt, der kann auch im chinesischen Staatszirkus auftreten. Kaum ein Automobilhersteller verlangt von seinen Kunden derart viel artistisches Geschick beim Einsteigen wie die Traditionsmarke aus dem englischen Hethel. Schon beim offenen Modell Elise gibt es Schwierigkeiten, weil die Türen klein, die Sitze eng und die Schweller breit sind. Doch wer sein Glück mit der Coupé-Variante Exige versucht, muss sich wegen des gerade einmal hüfthohen Daches durch eine Luke geradezu fädeln.
Das fühlt sich an, als zwänge man sich durch einen Briefschlitz, um dann in einer harten Rennschale zu landen. Die Schulter schubbert an der des Nachbarn (falls der es auch in den Wagen geschafft hat), der Scheitel scharrt am Dach, die Beine drücken links gegen den großen Längsträger und rechts gegen den winzigen Schaltknüppel. Der Fußraum ist enger als in der Touristenklasse von Air Berlin und in den Kofferraum passt kaum mehr als in einen Kulturbeutel.
Von Vergnügen kann also keine Rede sein. Und dennoch finden an dieser Prozedur immer mehr Menschen Gefallen. Der Absatz von Lotus wächst zumindest diesseits des Kanals langsam, aber kontinuierlich. Auf dem europäischen Kontinent und auf den wenigen Überseemärkten wie Japan und den USA quälen sich die Sportwagenfreunde offenbar gerne hinter das Lotus-Lenkrad und halten so die Jahresproduktion auf dem Niveau von etwa 3500 Autos.
"Zum vierten Mal in Folge werden in diesem Geschäftsjahr die Europa-Zulassungen steigen und wohl 700 Einheiten erreichen", sagt Firmensprecher Andreas Männer und rechnet für Deutschland mit rund 120 Neuanmeldungen. Dabei kommen Elise und Exige auf einen ähnlichen Anteil. Nur die dritte und jüngste Baureihe, der Lotus Europa, bleibt hinter den Erwartungen zurück. Gedacht als komfortable Alternative mit einem Hauch von Alltagstauglichkeit, dümpelt sein Produktionsanteil bei zehn Prozent.
Kompressor-Technik bringt noch mehr Schub
Was Lotus daraus lernt? Dass es die Kunden es lieber hart und kompromisslos mögen. Also setzen sie auch im neuen Modelljahr auf Sportlichkeit und gönnen ihren beiden Erfolgsbaureihen mehr Kraft statt mehr Komfort. Das Modell Elise gibt es künftig auch mit einem Kompressor, der die Leistung auf 220 PS treibt, und für den 53.450 Euro teuren Exige kann man nun für knapp 4000 Euro extra ein Performance Package bestellen, das den Zweisitzer beinahe zu einem Rennwagen macht.
Hinter dem Lüftungsschlund, der sich wie der Rüssel eines Ameisenbärs über das gesamte Dach zieht, steckt in diesem Fall ein noch größerer Kompressor, der gemeinsam mit einer neuen Motorelektronik für 20 zusätzliche PS sorgt. Natürlich sind selbst 240 PS auf den ersten Blick ziemlich mager für einen Sportwagen. Und auch mit 230 Nm macht man beim Autoquartett keinen Stich. Doch weil der Exige nicht einmal 1000 Kilo wiegt, hat der bei Toyota eingekaufte und in England getunte 1,8-Liter-Motor mit dem Wagen leichtes Spiel. Ohne dass sich die Ingenieure auch nur um eine Schallisolierung bemüht hätten, treibt die ohrenbetäubende Drehorgel den Zweisitzer in 4,2 Sekunden auf Tempo 100 und lässt damit viele auf dem Papier mehr als doppelt so starke Sportler hinter sich. Und auch die Höchstgeschwindigkeit von knapp 250 km/h ist ausreichend.
Servolenkung oder Fahrkomfort - Fehlanzeige
Allerdings bedeutet Lotus fahren harte Arbeit. Eine Servolenkung gibt es nicht, und wie man Federungskomfort buchstabiert, weiß in Hethel auch niemand. Nicht das Wohl des Fahrers liegt den Entwicklern von neuen Airbags einmal abgesehen - am Herzen, sondern die Straßenlage, die an einen Magneten auf einer Eisenplatte erinnert. Statt langer Feder- rühmen sich die Briten lieber kurzer Bremswege, die sie beim Performance-Paket mit Anleihen aus dem Rennsport noch einmal optimiert haben. Und um den Kavalierstart gelingen zu lassen, bedienen sie sich der Technik von der Rundstrecke. Erstmals gibt es eine elektronische Launch-Control, die das Anfahren noch spektakulärer macht. Sie limitiert den Einfluss der Traktionskontrolle und hält eine zuvor wählbare Drehzahl ein. Das mag auf Dauer materialmordend sein. Aber für Augen und Ohren von Vollgasfreunden ist es ein Vergnügen, wenn die Reifen rauchen und der Motor orgelt.
In den Klang der hochdrehenden Vierzylinder wird sich allerdings bald eine weitere Melodie schleichen. Denn mit Elise, Exige und Europa wollen sich die Briten nicht begnügen. Im nächsten Jahr gibt es ein neues Modell im Format des Porsche Cayman, dessen Arbeitstitel bislang Eagle lautet und das wohl einen Sechszylinder-Motor bekommen soll. Darüber spricht der neue Lotus-Chef Mike Kimberly bereits. Von einem Nachfolger des Esprit dagegen ist schon länger nicht mehr die Rede obwohl der fast fertig entwickelt war. "Doch keine Sorge", sagt Pressemann Andreas Männer über den britischen Porsche-Turbo-Jäger: "Das Projekt ist nur aufgeschoben, nicht aufgehoben."