Dodge Deora: Ein Pick-up wie vom anderen Stern - DER SPIEGEL
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Dodge Deora: Bitte vorne Einsteigen

Foto: Darin Schnabel / RM Sotheby's

Dodge Deora Vertruckte Kiste

Die Automobilgeschichte ist voll von irren Entwürfen, die erst begeisterten und dann verschwanden. SPIEGEL ONLINE zeigt die gewagtesten Visionen. Diesmal: der unglaubliche Dodge Deora.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

"Ich mag keine Fugen." So lapidar begründete Harry Bradley das wohl spektakulärste Pick-up-Design der Automobilgeschichte in der US-Autozeitschrift "Motor Trend". Bradley entwarf das Auto, das später als Dodge Deora bekannt wurde: Einen ultraflachen Pick-up, der aussieht wie ein Pfeil, der über die Straße fliegt. Der goldgelb lackierte Zweisitzer besitzt keine seitlichen Türen und deswegen nur sehr wenige Karosseriefugen. Die Frontscheibe dieses unglaublichen Autos stammt eigentlich aus der Heckklappe eines 1960er Ford Kombi.

Angestoßen haben diese irre Schöpfung die Brüder Mike und Larry Alexander, die seit den späten Fünfzigerjahren in Detroit eine Autowerkstatt betrieben und sich über die Jahre als begnadete Hot-Rod-Schöpfer einen Namen machten. Als 1964 die zu Chrysler gehörende Marke Dodge erstmals einen Pick-up - den Typ A 100 - auf den Markt brachte, reifte bei den Alexanders der Gedanke, dieses Auto so richtig in die Mangel zu nehmen.

Sie beauftragten ihren Bekannten Harry Bradley, der bei General Motors als Designer arbeitete und nebenbei auch für andere Auftraggeber tätig war. Bradley entwarf einen tollkühnen Pick-up und mit seinen Skizzen gingen die Alexanders zum Dodge-Management. Sie hofften, vom Unternehmen einen A 100 Pick-up als Spende zu erhalten und ihn nach den vorgelegten Zeichnungen umzubauen. Und dieser Plan ging auf.

Drei Jahre Arbeit - und dann der Lohn

Knapp drei Jahre, von 1965 bis 1967, schweißten und schraubten Mike und Larry Alexander an dem Auto, das aussah, wie von Außerirdischen aus Versehen auf der Erde zurückgelassen. 1967 dann wurde es unter dem Namen Dodge Deora auf der Automesse "Detroit Autorama" vorgestellt und dort mit gleich neun Tuning- und Custom-Preisen ausgezeichnet.

Der Wagen war eine Sensation. Man stieg von vorne ein, indem zuerst die Frontscheibe nach oben geklappt und sodann die Bug-Bordwand um eine Mittelachse gedreht wurde. Auch das Lenkrad in Schmetterlingsform klappte zur Seite, um dem Fahrer den Weg auf die schwarzen Ledersitze freizugeben. Den serienmäßigen 2,8-Liter-Reihensechszylindermotor aus dem Leichtlaster A 100 hatten die Alexander-Brüder mitsamt dem Dreigang-Automatikgetriebe ein Stück nach hinten verlegt, um die Kabine so flach wie möglich halten zu können. Zudem hatten sie dem Motor eine Doppelvergaseranlage verpasst - ein wenig Zunder sollte ja schon sein, bei diesem Aussehen.

So etwas hatte man noch nicht gesehen

Der Wagen stach auch im Umfeld der damals lustvoll designten US-Schlitten jener Zeit deutlich heraus. Als einer der ersten erkannte das ein Manager der Spielwarenfirma Mattel, er machte den Dodge Deora in Miniaturfassung zum Teil der ersten Modellreihe der damals nagelneuen "Hot Wheels"-Spielzeugautoserie, die 1968 auf den Markt kam. Auch Chrysler war so angetan von dem Unikat, dass der Konzern es für zwei Jahre anmietete und gemeinsam mit hauseigenen Studien auf Messetournee schickte.

Danach kaufte der Football-Manager Al Davis den Wagen, der damit aus der Öffentlichkeit verschwand. Rund 30 Jahre später ließ Davis' Sohn das Auto gründlich restaurieren, 2009 wurde es vom Auktionshaus RM Auctions zum Verkauf angeboten. Der neue Besitzer des Wagens erhielt den Zuschlag bei 324.000 Dollar. Das ist eine Menge Geld, einerseits. Andererseits: Welches Auto wirkt auch 50 Jahre nach seinem allerersten Auftritt noch so modern, experimentell und futuristisch wie dieses? Eben.