30 Jahre SPIEGEL.de: Vom Laptop mit dem roten Teil zum führenden Online-Medium - DER SPIEGEL
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30 Jahre SPIEGEL.de Unsere Vergangenheit, unsere Zukunft

Vor 30 Jahren ging SPIEGEL.de online. Darauf sind wir stolz, unsere Website ist die Basis von allem, was ist und was kommt.
Von Dirk Kurbjuweit, SPIEGEL-Chefredakteur

Am 25. Oktober 1994 ging der SPIEGEL als erstes Nachrichtenmagazin der Welt online. Was wir vor 30 Jahren mit SPIEGEL ONLINE begonnen haben, ist bis heute ein großer journalistischer und wirtschaftlicher Erfolg für unser Haus.

Wir sind sehr stolz auf diese Gründung. Ein paar Leute beim SPIEGEL waren damals weitsichtig, waren mutig und enthusiastisch gegenüber dem Neuen. Vielleicht brauchte es dafür einen Stefan Aust, der als Chefredakteur des SPIEGEL nicht auf die Welt von Print fixiert war, sondern gleichzeitig als Geschäftsführer von SPIEGEL TV die Welt des Fernsehens kannte, der in einem Universum mit zwei Medienwelten lebte und sich leichter als andere vorstellen konnte, dass da noch Platz für eine dritte Medienwelt war: Online, die Welt des Tempos. Wenn ihm Zweifel kamen, hatte er eine Geschäftsführung im Rücken, die stets an diesem Projekt festhielt.

Plötzlich saß da der Online-Kollege Markus Deggerich in den Berliner Pressekonferenzen, und auf seinen Knien lag ein Laptop. Auf meinen Knien lag ein Notizbuch. Auf den meisten Knien lagen Notizbücher. Wir hörten das Klappern der Tasten von Deggerichs Laptop, während Gerhard Schröder sprach, sahen das seltsame rote Teil, das an der Seite des Laptops herausragte und über das Deggerich offenbar mit der Welt vernetzt war.

Wir bestaunten ihn wie ein wunderliches Wesen aus der Zukunft. Wir hatten auch Mitleid. Nach der Pressekonferenz musste er sitzen bleiben und schreiben, während wir im Foyer in Espressotassen rührten und in kleinen Gruppen darüber sinnierten, wie Schröders Worte einzuordnen seien. Dazu klapperten aus der Ferne die Tasten von Deggerichs Laptop, als ticke eine Uhr. Noch genossen wir die Zeit, die wir hatten, bis wir schreiben mussten, Stunden, Tage, Wochen. Doch zunehmend quälte uns die Frage, was wir eigentlich noch schreiben konnten, was uns Deggerich übrig lassen würde.

In jener Zeit wuchs für mich die Gefahr, mit meinen ausgeruhten Texten alt auszusehen. Für das Publikum wuchs die Chance, schnell informiert zu werden. Das rote Teil in Deggerichs Laptop exportierte seine Texte in Windeseile auf die Website von SPIEGEL ONLINE.

Mit diesem Medium kam ein neues Tempo in die mediale Welt, Formel-1-Tempo. Andere Medienhäuser zogen nach, aber unsere Nachrichtenseite gab ihren Vorsprung nicht mehr ab, blieb das führende Onlinemedium in Deutschland, während dies in anderen Ländern meist die Ableger von Tageszeitungen geschafft haben. Darauf sind wir stolz, dies ist die Basis von allem, was ist und was kommt.

Mit der Fusion der beiden Redaktionen verschwand zwar die Marke SPIEGEL ONLINE, aber die Journalistinnen und Journalisten, die dort gearbeitet haben, lassen den Geist von damals weiterleben. Die Tempokultur, die Nachrichtenorientierung, der Teamgeist, die egalitäre Haltung im Kollegenkreis. Das »Du« der Onliner ist nun das »Du« der gesamten Redaktion. Ich brauchte etwas Zeit, um mich daran zu gewöhnen, aber jetzt schätze ich die Vorteile. Es ist leichter, schnell miteinander ins Gespräch zu kommen, über alle Hierarchiegrenzen hinweg.

Wir haben die einmalige Chance, das Tempodenken von Online und das In-die-Tiefe-Streben von Print zu kombinieren. Wobei es natürlich auch bei Online immer schon Tiefe gab, und wer Hefttitel innerhalb eines Tages zusammengeschrieben hat, weiß durchaus, was Tempo heißt.

Wir können froh sein, dass wir beides haben, ein Heft, das immer noch Hunderttausende kaufen, eine Website, die von Millionen gelesen wird. Aber wo die Zukunft liegt, ist glasklar: im Digitalen. Deshalb haben wir unsere Produktion auf digital first umgestellt, rechtzeitig zum Jubiläum sind wir damit fertig geworden. Wir denken einen Großteil unserer Texte zuerst für die Seite, und dieser Anteil wird steigen. Denn unser Geschäftsmodell heißt SPIEGEL+: Wir wollen, dass immer mehr Abos für unsere herausragenden Texte auf der Website abgeschlossen werden.

Ohne unsere Seite wären wir verloren. Nur mit Print kann ein Haus wie das unsere nicht überleben. Mit der Seite haben wir unsere eigene Plattform, auf der wir Texte, Grafiken, Bilder, Videos, Podcasts und Liveblogs nach unseren Vorstellungen ausspielen können. Die Seite ist unser Zuhause, und SPIEGEL ONLINE hat das Fundament dafür geschaffen.

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Ich danke allen, die daran beteiligt waren, Chefredakteuren wie Dieter Degler, Mathias Müller von Blumencron, Wolfgang Büchner, Rüdiger Ditz, Florian Harms, Barbara Hans und ihren jeweiligen Redaktionen. Dank auch allen Mitarbeitern des Verlags und der Dokumentation für ihren Anteil am Erfolg von SPIEGEL ONLINE. Diese Vergangenheit und unsere Stärke in der Gegenwart sichern uns eine gute Zukunft in der digitalen Welt.

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