In eigener Sache Warum wir einen Leserbrief über Friedrich Merz gelöscht haben
SPIEGEL-Verlagsgebäude in Hamburg
Foto: Christian Ohde / IMAGOIm aktuellen SPIEGEL haben wir einen Leserbrief gedruckt, der sich auf einen Bericht aus der vorvergangenen Ausgabe bezieht, in dem es um die Frage geht, wie viel Friedrich Merz von Wirtschaft versteht .
Bei einem Leser weckte der Bericht Erinnerungen: Der Sohn des Lesers hatte einst in St. Gallen studiert. Und der Leser meinte sich erinnern zu können, dass damals, vor dem Abschluss seines Sohnes im Jahr 2005, »ein gewisser Honorarprofessor Friedrich Merz« an der Uni aufgetaucht sei und Vorlesungen in Wirtschaftswissenschaften gehalten habe. Die Qualität sei »so miserabel« gewesen, dass die Lehrtätigkeit von Merz vorzeitig beendet worden sei. Das schrieb uns der Leser.
Nach Veröffentlichung des Briefes meldete sich ein CDU-Sprecher, der mitteilte: »Das ist kompletter Unfug, Friedrich Merz hatte nie einen Lehrauftrag an der Universität St. Gallen. Entsprechend kann der Vorfall so nicht stattgefunden haben.« Wir ersetzten daraufhin den Brief durch einen Hinweis, dass wir den Vorgang überprüfen. Mehrere andere Medien berichteten darüber, unter anderem die Nachrichtenagentur dpa, die »Süddeutsche«, die »FAZ«; in sozialen Medien gab es Aufregung und Hinweise.
Das Ergebnis unserer eigenen Prüfung: Wir hätten diesen Brief nicht veröffentlichen dürfen. Für den vom Leser geschilderten Hergang finden sich keine Belege.
Im Einzelnen:
Weder in Schweizer noch in deutschen Zeitungsarchiven finden sich Berichte über eine Lehrtätigkeit von Merz in St. Gallen, die zum Leserbrief passen. Dokumentiert ist ein Artikel im »St. Galler Tagblatt« aus dem Jahr 2007 über eine Tagung, an der Merz demnach teilgenommen hat (ebenso wie ein Schweizer Bundesrat mit demselben Nachnamen, ein gewisser Hans-Rudolf Merz). Zu dieser Veranstaltung gibt es auch eine »Medienmitteilung« vom 20. August 2007, die im Netz kursiert. Und im Jahr 2009 berichtet dieselbe Zeitung, Friedrich Merz referiere in St. Gallen »zum Steuerstreit zwischen der EU und der Schweiz«.
Die Universität St. Gallen teilt auf Nachfrage mit, dass Friedrich Merz keine Honorarprofessur an der HSG hatte. »Wohl ist er aber ganz vereinzelt bei Veranstaltungen im Umfeld der HSG aufgetreten oder zugeschaltet gewesen.« Die Schilderungen des Lesers kann die Uni nicht bestätigen.
Telefonische Nachfragen beim Leser ergeben, dass auch er keine Belege für seine Schilderungen hat und auch niemanden benennen kann, der bei den angeblichen Merz-Vorlesungen dabei war. Er stütze sich auf Erinnerungen an Gespräche mit seinem Sohn, die zwanzig Jahre zurückliegen, und auf Abfragen bei ChatGPT und DeepSeek. Die Chatbots bestätigten seinen Angaben zufolge, dass Merz in St. Gallen unterrichtet und Probleme mit Studenten gehabt habe. Bei seinem Sohn fragte er erst nach Veröffentlichung des Briefes und nach einem Anruf des SPIEGEL nach. Danach räumte der Leser ein, dass auch sein Sohn bei angeblichen Vorlesungen von Merz nie zugegen war, sondern nur aus zweiter und dritter Hand davon gehört habe. Vor diesem Hintergrund hätte der Leser seinen Brief heute »vorsichtiger geschrieben«, wie er sagt.
All diese Nachfragen und Gegenproben hätten nahegelegen bei einer Tatsachenbehauptung wie der vom Leser in seinem Brief geschilderten. Dass nichts davon vor der Veröffentlichung passiert ist, arbeiten wir intern auf. Wir werden unsere Arbeitsabläufe noch einmal optimieren.
Wir bitten Friedrich Merz und unsere Leserinnen und Leser um Entschuldigung.