Beruf Festmacher Affenfäuste, Seemannssprache und gefährliche Manöver
»Moin!«, Torsten spricht ins Funkgerät, während er ins Auto springt. Er setzt sich auf den Beifahrersitz, sein Kollege sitzt am Steuer, gemeinsam düsen sie über die Hamburger Köhlbrandbrücke in Richtung Containerterminal. »Der Lotse hat gefunkt und Dampf gemacht«, sagt Torsten, »das Schiff läuft ein, wir müssen schnell sein.«
Torsten springt aus dem Auto, setzt sich seinen Helm auf und zieht die Schwimmweste fest. Man kann das Schiff schon sehen. Die »NCL Makrell«, ein blaues Containerschiff, läuft in den Hafen ein, um Ware ab- und neue Container aufzuladen. Damit das Schiff dabei fest an seiner Anlegestelle bleibt, muss es gesichert werden. Rund 11.800 Tonnen schwimmender Stahl, 139 Meter lang – und das Teil soll mit einer Leine befestigt werden, die kaum dicker ist als eine Tube Zahnpasta.
Dieser Knoten platzt nicht: Festmacher kennen viele Arten, Taue festzubinden. Der Knoten hier heißt Palstek
Foto: Anna Tarrin / Dein SPIEGELTorsten ist Festmacher. In den vergangenen 15 Jahren hat er rund 10.000 Schiffe im Hamburger Hafen mit Seilen befestigt. Das Containerschiff heute gehört noch zu den kleinen Exemplaren. Kreuzfahrtschiffe mit mehreren Tausend Passagieren an Bord, gigantische Containerschiffe, die Waren über Ozeane transportieren – sie alle werden in Häfen auf der ganzen Welt von Festmachern mit Leinen auf dieselbe Art und Weise befestigt.
Torsten zieht sich blaue Handschuhe an und tritt auf einen schmalen Weg, wenige Zentimeter neben ihm geht es ohne Mauer in die Tiefe, unten schwappt das dunkle Hafenwasser. Das Schiff fährt langsam auf die Kaimauer zu, an Bord tritt ein Seemann der Schiffscrew an die Reling und hält ein Seil in die Luft. Torsten nickt und hebt die Hand. Sprechen müssen die beiden Männer nicht miteinander, der Schiffsmotor dröhnt, der Wind pfeift. Dennoch wissen beide genau, was zu tun ist. Der Seemann holt aus und wirft das Seil über das Wasser. Torsten fängt es gekonnt mit einer Hand auf.
Dieses Containerschiff ist vor wenigen Minuten nach langer Fahrt in den Hafen eingelaufen. Gerade hat der Seemann von der Schiffscrew die Leine über das Wasser zu Torsten, 53, geworfen. Der zieht es nun an Land, um es an dem Poller zu befestigen.
Foto: Anna Tarrin / Dein SPIEGELAm Ende der Wurfleine ist eine Affenfaust – so nennen Seeleute einen geflochtenen Knoten, der das Tau beschwert. Das Gewicht dient dazu, die Leine besser werfen und fangen zu können. Nach seemännischer Praxis werden auch häufig kleine, mit Sand gefüllte Säckchen als Gewicht an die Wurfleine gebunden. Früher hat man Schrauben oder Metallreste eingeknotet, heute ist das nicht mehr erwünscht, denn es ist viel zu gefährlich. »Wer so etwas an den Kopf bekommt, wird ausgeknockt«, sagt Torsten.
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Torsten zieht die Wurfleine zu sich heran, sie ist am Auge des dicken Schiffstaus befestigt – das Auge ist eine Schlaufe, die über den Poller an der Kaimauer gelegt wird. Anschließend knotet er die Wurfleine wieder ab und wirft das schwere Ende zurück an Deck, um die nächste Schiffsleine in Empfang zu nehmen – so oft, bis alle Leinen auf den Pollern liegen und das Schiff fest ist. Manche Schiffe werden mit zwei bis drei Seilen pro Seite gesichert, größere mit mehr. Je schwerer und länger ein Schiff ist, desto mehr Festmacher sind nötig, um die Leinen anzubinden.
Der Beruf hat eine lange Tradition im Hafen. Durch Technik und die »Containerisierung« sind in den vergangenen Jahrzehnten viele Arbeitsplätze weggefallen. Aber den Beruf des Festmachers gab es schon vor 100 Jahren, und auch zukünftig wird er unverzichtbar bleiben.
Was ist das Schönste an dem Beruf?
»Mit dem Boot bei gutem Wetter nach einem erfolgreichen Einsatz gemütlich durch den Hafen zurückzuschippern.«
Und was ist das Schlimmste?
»Bei Eissturm draußen auf ein Schiff warten zu müssen, das sich immer wieder verspätet.«
Wie viele Festmacher und Festmacherinnen gibt es in Deutschland?
Rund 200 Menschen arbeiten bei Schiffsbefestiger-Unternehmen in dem Beruf.
Wie lange dauert die Ausbildung?
Seit einigen Jahren kann man die Kenntnisse für den Festmacher-Beruf in einer Ausbildung in der Berufsgruppe »Hafenschiffer« erlernen. In der dreijährigen Ausbildung lernt man unter anderem seemännisches Grundverständnis der wirkenden Kräfte, Umgang und Handhabung der Leinen und Taue. Die meisten Arbeitenden sind jedoch Quereinsteiger, die vor Ort angelernt wurden und eine Schulung zu Sicherheitsmaßnahmen absolviert haben.
Wie viel verdient man?
Zwischen 4000 und 5000 Euro brutto im Monat bei Festanstellung.
Was muss man können?
Gefahren einschätzen und sich an Regeln halten
Seemännische Fachbegriffe lernen und etwas von Technik verstehen – wichtig, um einen Bootsführerschein machen zu können
Mit Menschen aus aller Welt zurechtkommen: Seeleute stammen aus verschiedenen Ländern, nur selten gibt es eine gemeinsame Sprache
Für wen ist das eher nichts?
Für Menschen, die gern drinnen sind. Festmacher sind bei Wind und Wetter draußen.
Früher arbeiteten in dem Beruf Tagelöhner. »Damals kam alles in den Hafen, was Kraft hatte«, sagt Benito di Racca, Chef der H.S.H Festmachergesellschaft, bei der Torsten arbeitet. Die Männer damals waren in der Regel ungelernt und bekamen am Ende des Arbeitstags eine Tüte mit ihrem Lohn ausgehändigt. Unfälle waren an der Tagesordnung, denn der Beruf zählte zu den gefährlichsten im Hafen. Arbeiter fielen ins Hafenbecken oder wurden von Tauen getroffen.
Heute gibt es Schulungen, Schwimmwesten, Helme und Sicherheitsschuhe. Trotzdem ist er einer der wenigen Hafenberufe, die sich kaum verändert haben. Ungefährlich ist er auch heute nicht. Festmacher müssen hoch konzentriert arbeiten, denn der Job birgt einige Risiken.
Zu manchen Einsätzen fahren die Festmacher mit dem Boot. Auf den vielen Wasserstraßen des Hafens kennt sich Torsten hervorragend aus.
Foto: Anna Tarrin / Dein SPIEGELAuf den Leinen lastet extrem viel Kraft, schließlich ziehen tonnenschwere Containerschiffe mit ihrem Gewicht daran. Reißt eine Leine, schnellt sie wie ein Gummiband zurück und kann tödliche Verletzungen verursachen. Festmacher Torsten weiß, worauf er achten muss. »Wenn die Seile zu viel Zuglast aushalten müssen, beginnen sie zu summen«, sagt Torsten. »Ein ganz besonderes Geräusch, das jeder Festmacher kennen sollte. Dann muss man schleunigst aus dem Weg gehen, denn es dauert nicht mehr lange, bis es knallt und die Leine bricht.«
Festmacher sind Männer mit Muskeln
STIMMT TEILWEISE: Muskelkraft braucht man bei diesem Beruf wirklich. Die besitzen jedoch auch Frauen. Es gibt zwar nicht viele, aber einige wenige Frauen arbeiten auch als Festmacherin.
Festmacher besiegen jeden im Tauziehen
STIMMT: Wie Kräfte auf Taue wirken und wie man am besten anpackt – davon haben sie wirklich Ahnung.
Festmacher können jeden Knoten
STIMMT: Slipknoten, Palstek, Schotstek – diese Begriffe sind Festmachern vertraut.
Festmacher sind immer im Einsatz, egal ob es stürmt oder schneit, denn im Hafen wird immer gearbeitet, auch nachts. In eiskalten Wintermonaten können die Leinen abbrechen, wenn sie festfrieren. Bei sehr starkem Wind werden zusätzlich Schlepper eingesetzt – kleine Boote, die aufpassen, dass das große Schiff im Notfall nicht doch abtreibt.
Eine zweite große Gefahr lauert im Wasser. Festmacher bewegen sich direkt an der Kaikante, die steil in das Hafenbecken abfällt. Ein falscher Schritt, und man könnte stolpern und in die Tiefe stürzen. »Dann muss man daran denken, schnell die Leine der Schwimmweste zu ziehen, und versuchen, nicht unter die Kaimauer zu geraten«, sagt Torsten. »Deswegen herrscht im Hafen auch ein eher rauer Ton«, sagt er. »Wenn’s gefährlich ist, heißt es schon mal: ›Verpiss dich!‹ Und nicht: ›Könntest du wohl mal zur Seite gehen bitte?‹ Dafür ist einfach keine Zeit.«
HIEV steht links, SLAK rechts – das ist Hafensprache für »Seil anheben« und »Seil locker lassen«
Foto: Anna Tarrin / Dein SPIEGELAber gleich darauf ist der raue Ton wieder vergessen, denn im Hafen geht’s ehrlich und direkt, aber dafür herzlich zu. Wie sehr Torsten seinen Job mag, kann man an seinen Armen ablesen. Seine Arme zieren Wellen, Anker und Seemannsmotive. Auf seine Fingerknöchel sind die Worte HIEV und SLAK tätowiert. »Das ist Seemannssprache«, sagt er, »hiev bedeutet so viel wie anheben und slak wie locker lassen.«
Dieser Artikel erschien in »Dein SPIEGEL« 12/2024.
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