Resistente Züchtung Treffen sich zwei Bananen
An Fernando García-Bastidas ist einiges gelb: Sein T-Shirt, seine Schuhe, sogar seine Brille hat gelbe Akzente. Nur gelbe Bananen an den Stauden um ihn herum sind nicht zu sehen: Die Früchte müssen in den kommenden Wochen erst wachsen.
Damit das klappen kann, öffnet Fernando mit dem Fingernagel den Staubbeutel einer Bananenblüte*. Das ist das Ende des Blütenstiels. Darin produziert der männliche Teil der Blüte den Pollen, also den Blütenstaub: ein feines weißes Puder, womit Fernando jetzt zu einer anderen Pflanze geht, um dort den weiblichen Teil der Blüte mit dem Pollen zu bestäuben. »So produziert die Mutterpflanze in einigen Wochen Früchte einer ganz neuen Bananensorte«, erklärt Fernando. Er hat zwei verschiedene Bananenpflanzen gekreuzt.
Die Banane hat sowohl weibliche als auch männliche Blüten. Von der Bananenstaude hängt ein großer Stiel herunter. Daran entwickeln sich zuerst die weiblichen Blüten unter dicken Blättern. Wenn diese Blüten bestäubt werden, wächst aus ihnen später ein Bananenbund mit mehreren Bananenfrüchten. Unter den weiblichen Blüten befinden sich die männlichen Blüten in einer Knospe, die auch als »Bananenherz« bezeichnet wird. Darin befindet sich der Pollen. Wenn eine Blüte bereit für den Fortpflanzungsprozess ist, öffnet sie ihre Deckblätter und wirft sie irgendwann ab.
Das ist Fernandos Job. Er ist Bananenzüchter und Pflanzenwissenschaftler. In den sozialen Medien ist der Kolumbianer als »Doktor Banana« bekannt. Er leitet das Programm »Yelloway«. Jeden Tag kreuzen Fernando und sein Team Bananensorten miteinander. Basierend auf Kategorien wie Geschmack und Aussehen versuchen sie, die perfekten Bananensorten zu züchten. Sie wollen Bananen produzieren, die Krankheitserreger besser abwehren können. Denn obwohl im Supermarkt volle Bananenkisten stehen, ist die Banane bedroht.
Im Supermarkt sieht man das nicht, aber dort, wo die Bananen herkommen, ist das deutlich – da haben sich Pilzkrankheiten ausgebreitet. Die Schädlinge töten die Pflanzen, und es gibt kein Heilmittel, nur Möglichkeiten, den Befall zu verlangsamen. Das ist ein großes Problem für Bananenfarmen und für viele Länder, in denen Bananen ein wichtiges Grundnahrungsmittel sind.
Um im Gewächshaus Bananen züchten zu können, braucht Fernando Bananensamen von einer Pflanzensamen-Bank aus Belgien. Denn Bananen aus dem Supermarkt haben keine Samen. Zum Essen ist das besser, da die Samen sehr hart sind.
Foto: Max Brunnert / DEIN SPIEGELFernandos Bananenpflanzen befinden sich in einem Gewächshaus in Bemmel in den Niederlanden. Darin sind die Pflanzen geschützt und können kontrolliert wachsen, selbst wenn es draußen zu kalt dafür ist. Bananenstauden kommen normalerweise in Regionen vor, wo es das ganze Jahr über warm ist, etwa auf den Philippinen. Deshalb sind im Gewächshaus 36 Grad Celsius, die Luft ist feucht. Fernandos gelbes T-Shirt klebt an seiner Haut.
Wenn Fernando das Gewächshaus betritt, schlüpft er aus seinen blauen Straßenschuhen in gelbe Sneaker. Sogar seine Brille hat gelbe Akzente, aber das sieht man nur, wenn man ganz dicht rangeht.
Foto: Max Brunnert / DEIN SPIEGELAuf seinem morgendlichen Rundgang notiert er, welche der etwa 800 Pflanzen bereit sind, mit dem Blütenstaub einer anderen Pflanze befruchtet zu werden. Das Zeitfenster für die Bestäubung ist klein: Sobald eine Blüte an der Luft ist, verblüht sie nach wenigen Stunden. Deshalb ist es wichtig, jeden Tag nach den Pflanzen zu schauen.
In der freien Natur bestäuben Fledermäuse oder Vögel die Pflanzen. Im Gewächshaus ist das unter anderem Fernandos Aufgabe. Nachdem er eine Blüte befruchtet hat, hängt er ein beschriftetes Schild an den Pflanzenabschnitt. So weiß er später, welche Kreuzung hier durchgeführt wurde.
Nicht alle Bananen sind gelb. Weltweit gibt es etwa 1000 Bananensorten, davon sind einige rot, grün oder sogar pink. Blauen Bananen wird nachgesagt, dass sie nach Vanilleeis schmecken, andere schmecken nach Honig oder Kartoffeln. Doch auf dem Weltmarkt wird nur eine Bananensorte in Massen verkauft: die gelbe Cavendish-Banane.
Rund 50 Millionen Tonnen werden jährlich von dieser Sorte produziert, hauptsächlich für den europäischen und den amerikanischen Markt. Damit die Cavendish-Banane in Massen geerntet und verkauft werden kann, wird die Pflanze in Monokultur angebaut. Damit ist gemeint, dass auf einer landwirtschaftlichen Fläche jahrelang nur eine einzige Pflanzenart angepflanzt wird. Durch diese Anbauweise können Landwirtinnen und Landwirte sich auf eine Pflanzenart spezialisieren und Kosten sparen, weil sie nur eine Sorte kennen müssen und ihre Geräte danach ausrichten können.
Doch das Problem daran: Durch die fehlende Artendiversität sind Pflanzen wie die Banane anfälliger für Krankheitserreger. Schädlinge haben auf Bananenplantagen keine natürlichen Fressfeinde und können sich leicht ausbreiten.
Und genau das passiert bereits. Pilzkrankheiten namens TR4 und Black Sigatoka befallen Bananenplantagen auf der ganzen Welt. In vielen tropischen Ländern ist die herzhafte Kochbanane ein Grundnahrungsmittel, zum Beispiel in Uganda. Dort isst im Durchschnitt jeder Mensch pro Jahr 400 Kilogramm Bananen. Zum Vergleich: Der weltweite Durchschnitt liegt bei 10 Kilogramm pro Person. Würde diese Grundversorgung wegfallen, könnte dies das Leben vieler Menschen bedrohen. Außerdem würden Tausende ihren Job in der Bananenindustrie verlieren. Deswegen arbeiten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler weltweit auf Hochtouren an einer Lösung.
Fernando will eine leckere und robuste Bananensorte kreieren. Wichtig ist aber auch, dass sie nicht nur im Gewächshaus gut gedeiht, sondern auch dort, wo Bananen eigentlich wachsen. Um herauszufinden, wie gut die Bananenpflanzen aus den Niederlanden mit den tropischen Bedingungen klarkommen, werden jedes Jahr welche auf die Philippinen geschickt. Die Bananen-Ernte ist dort wegen des Pilzbefalls in den vergangenen Jahren deutlich eingebrochen.
Auf der Farm, an die Fernandos Pflanzen geliefert werden, befinden sich die aggressiven Pilzerreger sowohl in der Luft als auch in der Erde. »Das ist ein guter Test für unsere Pflanzen«, erklärt Fernando. Er ist vor Kurzem dorthin geflogen, um sich alles anzuschauen. »Ich bin grundsätzlich zufrieden mit dem Probelauf, aber wir müssen weitere Untersuchungen durchführen, um eindeutige Ergebnisse zu erzielen«, sagt er.
In den Niederlanden arbeitet Fernando einige Tage pro Woche im Labor oder am Schreibtisch. Dort mikroskopiert er den Pollen oder lässt eine Software einen Bananen-Familienstammbaum erstellen, um die Kreuzungen besser planen zu können.
Foto: Max Brunnert / DEIN SPIEGELDie Bananen sind zu seinem Lieblingsprojekt geworden. »Wir wollen dafür sorgen, dass es die nächsten Jahre einen andauernden Nachschub widerstandsfähiger Bananensorten gibt. Nur so kann der Bananenmarkt erhalten bleiben.«
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Nachmittags ist Fernandos Arbeitstag vorbei; er steigt in sein gelbes Auto und fährt nach Hause. Manchmal kocht er sich dann ein Gericht mit Kochbananen. Das ist eine herzhafte Bananenart, die ein wenig nach Kartoffel schmeckt. Auf gelbe, süße Bananen aus dem Supermarkt verzichtet Fernando – die mag er eigentlich gar nicht.
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