Konfliktlotsinnen in Berlin Wenn zwei sich streiten …
Es ist 9.35 Uhr. Die Klingel läutet. Beginn der großen Pause. Hunderte Kinder begeben sich auf den Schulhof. Sie spielen, reden, lachen und rennen. Plötzlich wird es in einer Ecke hitzig. Zwei Schüler sind am Sportplatz aneinandergeraten. Sie schubsen und beleidigen sich. Eng um die beiden herum stehen weitere Kinder, die laut durcheinanderreden. Die Situation ist unübersichtlich.
Doch Karina und Nika haben den Überblick. Sie bahnen sich einen Weg durch die Schülertraube und stellen sich zwischen die beiden Streithähne. »Beruhigt euch erst mal«, sagt Karina zu den Jungs. »Was ist hier eigentlich los?«
Karina und Nika besuchen die Christian-Morgenstern-Grundschule in Berlin. Sie sind Konfliktlotsinnen, an anderen Schulen wird das Streitschlichter genannt. »Wir sorgen dafür, dass die Schulregeln eingehalten werden, und helfen in den Pausen, wenn es Streit gibt«, sagt Nika.
Die Christian-Morgenstern-Grundschule liegt im Berliner Bezirk Spandau.
Foto: Verena Brüning / DEIN SPIEGELIn Berlin und Brandenburg gehen die Grundschulen bis zur sechsten Klasse. Karina und Nika sind Sechstklässlerinnen, sie gehören an ihrer Schule also zu den ältesten Schülerinnen. Das kann hilfreich sein, um auf dem Pausenhof ernst genommen zu werden.
So wie jetzt gerade am Sportplatz. Die streitenden Schüler erzählen den Konfliktlotsinnen, was vorgefallen ist. Der eine beschuldigt den anderen, ihn mit einem Stock auf den Kopf gehauen zu haben. Danach sei es zu Beschimpfungen und einer Rauferei gekommen. Karina und Nika hören sich die Schilderungen in Ruhe an. Am Ende sagt Karina: »Ich möchte, dass ihr euch in die Augen schaut und entschuldigt. Nehmt das bitte ernst.« Die Jungs kommen der Aufforderung nach. Wenig später löst sich die Schülertraube auf.
So einfach kann es gehen. Gelegentlich ist die Situation aber komplizierter. »Manche möchten sich nicht direkt entschuldigen«, sagt Nika. In so einem Fall gehen die Konfliktlotsen mit den beteiligten Schülern in die Schulstation. Das ist eine Einrichtung an der Schule, in der fünf Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter arbeiten. Sie helfen Kindern, Lehrkräften und Eltern bei Problemen. In den Räumen der Schulstation können die Konfliktlotsinnen in Ruhe mit den streitenden Schülern sprechen. »Wir klären dann, was das Problem ist und wie wir es lösen können«, sagt Karina. Bei Bedarf lassen sich die Streitschlichterinnen von den Erwachsenen helfen.
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In der Schulstation lernten Karina und Nika auch, wie man Auseinandersetzungen beruhigen kann. Sie haben sich dort zusammen mit zwölf anderen Schülerinnen und Schülern zu Konfliktlotsinnen ausbilden lassen. »Wir haben uns mehrere Monate lang zwei Stunden pro Woche getroffen«, sagt Nika. Dabei erfuhr die Gruppe, wie man in brenzligen Situationen am besten kommuniziert. »Es geht darum, allen Beteiligten eines Streits zuzuhören und sie ernst zu nehmen, anstatt einen Schuldigen zu suchen.«
Streit gibt es an der Christian-Morgenstern-Grundschule häufig. Der Großteil der 566 Schulkinder kommt aus Familien, die nach Deutschland eingewandert sind. Insgesamt haben die Schülerinnen und Schüler ihre Wurzeln in 50 Ländern. Wenn so viele unterschiedliche Nationen, Kulturen und Religionen aufeinandertreffen, sind Konflikte nicht weit. Wegen des Kriegs in Nahost kommt es etwa oft zu Auseinandersetzungen zwischen Kindern mit israelischen und palästinensischen Wurzeln.
Nach der Ausbildung bekommt jeder Konfliktlotse einen Ausweis.
Foto: Verena Brüning / DEIN SPIEGELFür die 14 Konfliktlotsinnen und Konfliktlotsen gibt es also viel zu tun. Sie wechseln sich in den Pausen ab. Meist sind zwei Zweierteams pro Pause im Einsatz. »Karina und ich sind jeden zweiten Tag dran«, sagt Nika. Vor Beginn ihrer Pausenaufsicht holen sich die Streitschlichterinnen ihre Ausrüstung in der Schulstation ab: eine Warnweste und ihren Ausweis. »Die Westen sehen etwas komisch aus«, sagt Karina. »Aber sie helfen dabei, erkannt zu werden.«
Die Zwölfjährigen sind freiwillig Konfliktlotsinnen geworden. »Ich mag es, mit Menschen zu sprechen und Probleme zu lösen«, erzählt Karina. »Außerdem trifft man in der Ausbildung neue Leute.« Karina lebt seit drei Jahren in Deutschland. Sie kam mit ihrer Familie aus der Ukraine hierher.
Was die Konfliktlotsinnen gelernt haben, hilft ihnen auch bei eigenen Auseinandersetzungen. »Wenn ich mit meiner Freundin streite, sage ich ihr immer, dass wir uns erst mal beruhigen müssen«, sagt Nika. »Das schafft man zum Beispiel, indem man von zehn langsam herunterzählt. Danach kann man sich wieder normal unterhalten.« Streit gehört in einer Freundschaft dazu. »Aber es bringt nichts, sich anzuschreien.«
Die Konfliktlotsen besprechen, was sie in den Pausen erlebt haben.
Foto: Verena Brüning / DEIN SPIEGELKarina und Nika setzen ihren Rundgang über den Schulhof fort. Nur wenige Minuten nach dem Vorfall am Sportplatz machen sie den nächsten Konflikt aus: Ein älterer Schüler hat einen jüngeren geschlagen. Zu schlichten gibt es hier aber nichts mehr – der ältere Schüler ist abgehauen. Karina und Nika bringen den jüngeren zu seiner Klassenlehrerin und berichten ihr, was passiert ist. Damit ist der Fall für Karina und Nika abgeschlossen.
»Wenn ein Streit zu heftig ist oder die Schüler nicht mit uns sprechen wollen, sagen wir den Lehrern Bescheid«, sagt Karina. Das passiere aber selten. »Viele kommen lieber zu uns. Vielleicht weil sie sich wohler fühlen.«
Die Klingel läutet, das war’s mit der Pause. Auf dem Schulhof kehrt Ruhe ein. Auch Karina und Nika gehen zurück in den Unterricht. Um 11.40 Uhr beginnt die zweite große Pause – und die nächste Schicht der Konfliktlotsinnen .
Dieser Artikel erschien in DEIN SPIEGEL 5/2025.
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