Chefin von »Ärzte ohne Grenzen« »Mensch ist Mensch«
Dein SPIEGEL: Sie sind von Beruf Frauenärztin. Warum wollten Sie nicht einfach in einer Praxis im sicheren Deutschland arbeiten, sondern für Ärzte ohne Grenzen in gefährlichen Ländern helfen?
Parvanta: Ich wusste schon als kleines Kind von drei Jahren, dass ich Ärztin werden will. Das habe ich damals jedem erzählt. Und arbeiten wollte ich dort, wo ich als Ärztin dringend benötigt werde. Gerade in Katastrophengebieten sind wir Mediziner und Medizinerinnen wichtig.
Dein SPIEGEL: Wo überall waren Sie im Einsatz?
Parvanta: Mein erster Einsatz war in der Zentralafrikanischen Republik, das ist ein Land, das mitten im Herzen Afrikas liegt. Danach war ich in Indien, in Nigeria, in der Elfenbeinküste und zweimal im Irak.
Im Tschad misst ein Arzt den Oberarmumfang eines Kindes, um zu prüfen, ob es kräftig genug ist. Viele Menschen im Tschad leiden Hunger.
Foto: Dan Kitwood / Getty ImagesDein SPIEGEL: Wir haben gelesen, dass es Ihnen besonders wichtig ist, Frauen und Mädchen in Not zu helfen. Warum?
Parvanta: Gegenfrage: Welche Art von Ärzten und Ärztinnen würdet ihr in ein Katastrophengebiet schicken? Chirurginnen und Orthopäden vielleicht. Leute, die Wunden und Verletzungen wie Knochenbrüche versorgen. Richtig, die werden gebraucht. Aber wer auch immer dringend gebraucht wird, sind Gynäkologinnen, also Fachleute für Frauenheilkunde. Denn Frauen werden schwanger und bekommen Babys. Egal ob gerade Krieg herrscht oder ein Erdbeben die Stadt zerstört hat. Frauenärzte sind superwichtig. Der Kaiserschnitt ist die weltweit am häufigsten durchgeführte Operation. Mit ihm können im Notfall zwei Leben gerettet werden: das der Mutter und das des Babys.
Dein SPIEGEL: In wie vielen Ländern gibt es zurzeit Einsätze von Ärzte ohne Grenzen?
Parvanta: In mehr als 70 Ländern.
Dein SPIEGEL: In welchen Notlagen helfen die Ärzte ohne Grenzen?
Parvanta: Immer dann, wenn die Gesundheitsversorgung vor Ort die Menschen nicht ausreichend unterstützen kann. Bei Naturkatastrophen wie Erdbeben und Überschwemmungen und in Kriegsgebieten versorgen und operieren wir Verletzte. In vielen Ländern impfen wir Menschen, um die Ausbreitung schlimmer Krankheiten einzudämmen. In Dürregebieten geben wir mangelernährten Menschen spezielle Nahrung. Wir arbeiten auch auf dem europäischen Mittelmeer, um Geflüchteten zu helfen.
Parnian Parvanta zeigte den Kinderreportern beim Interview die Maßbänder, mit denen Ärztinnen prüfen, ob ein Kind mangelernährt ist.
Foto: Gaby Gerster / Dein SPIEGELDein SPIEGEL: Wie viele Mitarbeitende hat die Hilfsorganisation?
Parvanta: Mehr als 60.000 weltweit. Die allermeisten stammen aus den Ländern, in denen wir arbeiten. Im Sudan sind also die meisten Sudanesen und Sudanesinnen. Im Irak sind es Irakerinnen und Iraker. Zusätzlich schicken wir Arbeitskräfte aus dem Ausland in die Gebiete.
Dein SPIEGEL: Sind das alles Ärzte und Ärztinnen?
Parvanta: Nein. Es gibt auch anderes medizinisches Personal wie Krankenpfleger und Hebammen. Und es arbeiten viele Tausend Leute bei uns, die sich um Logistik, Transport, Laborarbeit und ums Spendensammeln kümmern.
Dein SPIEGEL
Erdbeben, Kriege, Dürreperioden, bewaffnete Konflikte – in vielen Regionen der Welt bedrohen solche Ereignisse Menschenleben. Die Mitglieder humanitärer Hilfsorganisationen sind Retter in der Not. In der neuen Ausgabe von DEIN SPIEGEL, dem Nachrichtenmagazin für Kinder, berichten sie von ihrer Arbeit. Außerdem im Heft: wie eine Firma in Los Angeles Filmrequisiten herstellt. Und: Der Musiker Finneas O’Connell erzählt im Kinder-Interview, wie es ist, Songs für seine Schwester Billie Eilish zu schreiben. DEIN SPIEGEL gibt es am Kiosk, ausgewählte Artikel online. Erwachsene können das Heft auch hier kaufen:
Dein SPIEGEL: Wofür sind die Spenden nötig?
Parvanta: Wir bekommen kein Geld von Regierungen. Alles, was wir machen, ist durch Spenden finanziert. Am besten unterstützt man uns, indem man regelmäßig etwas spendet, zum Beispiel monatlich. Diese regelmäßigen Spenden geben uns Planungssicherheit für unsere Ausgaben.
Dein SPIEGEL: Muss man besonders mutig sein, um bei Ihnen arbeiten zu können?
Parvanta: Mut hilft. In vielen Einsatzgebieten ist es gefährlich. Besonders mutig finde ich die Helfenden aus den jeweiligen Krisenländern. Menschen, die in einem Kriegsgebiet leben, ihre Familie vielleicht schon selbst verloren oder außer Landes geschickt haben und trotzdem bleiben, um am nächsten Tag wieder ins Krankenhaus zu gehen und anderen zu helfen.
Dein SPIEGEL: Hilft Ärzte ohne Grenzen jedem Menschen?
Parvanta: Wir versorgen alle Patienten und Patientinnen.
Dein SPIEGEL: Auch Verbrecher, die andere getötet haben?
Parvanta: Ja, auch denen muss geholfen werden. Ärztinnen und Ärzte haben grundsätzlich die Pflicht, medizinisch zu versorgen. Zu beurteilen, ob jemand etwas Unrechtes getan hat, ist die Aufgabe von Gerichten.
Dein SPIEGEL: Wie stellt Ärzte ohne Grenzen sicher, dass die Mitarbeitenden in Kriegsgebieten sicher sind?
Parvanta: Zunächst einmal sprechen wir mit den am Krieg Beteiligten. Das können zum Beispiel Regierungen oder Rebellengruppen sein. Wir sagen, dass wir unparteiisch sind und Menschen behandeln – egal auf wessen Seite sie stehen. Wir haben Vorschriften für die Sicherheit unserer Mitarbeitenden. Sie dürfen in gefährlichen Regionen manche Straßen nicht verlassen. Außerdem sind in unseren Krankenhäusern und Autos Waffen verboten. Dafür haben wir auch ein eigenes Symbol mit einer durchgestrichenen Waffe. Wer zu uns kommt, muss seine Waffe ablegen.
Dein SPIEGEL: Passiert es trotzdem, dass Mitarbeitende angegriffen werden?
Parvanta: Leider ja. Im Jahr 2015 ist etwas Schreckliches geschehen: In Afghanistan wurde eines unserer Krankenhäuser in Kunduz von der US-amerikanischen Luftwaffe angegriffen. Mehr als 40 Menschen starben. Eigentlich wussten die Kriegsparteien, dass dort ein Krankenhaus steht. Das war ein Einschnitt.
Elif (links) und Caspar beim Interview mit Parnian Parvanta.
Foto: Gaby Gerster / Dein SPIEGELDein SPIEGEL: Das heißt, solche Angriffe sind seitdem häufiger passiert?
Parvanta: Ja. Im Jemen, in Syrien, in der Ukraine und in Gaza wurden und werden unsere Krankenhäuser angegriffen. Es wurden sogar Kollegen und Kolleginnen getötet, die gerade dabei waren, Patienten und Patientinnen zu versorgen. Außerdem wurden Gebiete attackiert, in denen Helfende mit ihren Familien Schutz gesucht hatten, dabei sind auch Kinder und Angehörige unserer Kolleginnen und Kollegen umgekommen. Das ist schockierend, denn wir haben eigentlich ein humanitäres Völkerrecht*, das im Krieg gilt und auf das wir uns als Weltbevölkerung geeinigt haben. Es ist furchtbar, wenn diese Regeln gebrochen werden.
Dein SPIEGEL: Was wünschen Sie sich für die Zukunft Ihrer Arbeit?
Parvanta: Ich wünsche mir, dass das humanitäre Völkerrecht geachtet wird. Und ich wünsche mir, dass wir es in allen Gesellschaften schaffen, Mitgefühl zu haben mit jedem Menschen in Not. Mensch ist Mensch – egal welche Herkunft, welches Geschlecht, welche Hautfarbe, Religion oder politische Überzeugung er hat.
Dieses Interview erschien in »Dein SPIEGEL« 2/2025.
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