So arbeitet eine Patissière Nachtisch ist ihr Beruf
Mit ruhiger Hand platziert Luise eine eingelegte Kirsche auf dem Teller. Einen Klecks Kräutergel daneben, dort einen Spritzer Zimtblütencreme. Mit einer Pinzette setzt sie eingelegte Moosbeeren dazu. Dann noch Mandeln, die sie mit Zitronenabrieb, Öl, Salz und Zucker angemacht hat. Später folgt das Milchreis-Eis. Man könnte mehrere Seiten damit füllen, wenn man jeden Handgriff und jede Zutat dieses Desserts beschreiben würde. Am Ende steht rote Grütze auf der Karte. Aber was für eine!
Luise ist Patissière. Dieser französische Begriff ließe sich mit Konditorin übersetzen, aber das wäre nicht ganz zutreffend. Luise hat zwar in einer Konditorei ihre Ausbildung gemacht, arbeitet aber in einer ausgezeichneten Küche: im Zwei-Sterne-Restaurant Söl’ring Hof auf der Insel Sylt. Die Sterne sind eine Bewertung des Reiseführers »Guide Michelin«. Zwei Sterne bedeuten: Dieses Essen ist es wert, einen Umweg zu fahren. Deutschlandweit gibt es rund 50 Restaurants mit dieser Auszeichnung. In solchen Küchen werden Leute wie Luise, die sich um die Nachspeisen kümmern, Patissier oder Patissière genannt.
Rote Grütze de luxe: Der norddeutsche Klassiker wird hier unter anderem mit Milchreis-Eis, Mandelsalat, eingelegter Kirsche, gestempeltem Mandel-Crumble, Sauerklee und diversen Gels serviert.
Foto: Charlotte Schmitz / DEIN SPIEGEL»Beim Dessert achten wir auf das Zusammenspiel unterschiedlicher Konsistenzen und Temperaturen«, sagt Luise. Der knusprige Mandel-Crumble trifft auf den weichen Schmelz des kalten Milchreis-Eises. Dazu eine warme rote Grütze. »Man könnte auch einfach einen Schokopudding servieren, aber da würde dem menschlichen Hirn etwas fehlen, weil der Tastsinn im Mund nicht angesprochen wird.«
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Lange hat sie an ihrer Interpretation der typisch norddeutschen roten Grütze getüftelt. »Mir flogen viele Ideen im Kopf herum. Die habe ich in einer Mindmap gesammelt und dann ausprobiert. Erst Grütze-Eis, dann ein Zimt-Eis. Unser Chefkoch und die anderen Kolleginnen und Kollegen gaben immer wieder Feedback.« Am Ende wurde es das Milchreis-Eis.
Für ihren Einfallsreichtum und ihr genaues Handwerk wurde Luise kürzlich als beste Nachwuchs-Patissière Europas ausgezeichnet. Eine Jury begutachtete jeden ihrer Arbeitsschritte und natürlich die Desserts, die Luise ablieferte. »Das war echt krass. In der Jury saßen Leute, von denen ich Kochbücher im Regal stehen habe.«
Pfirsich, weiße Schokolade, Kakaofrucht, Fenchel, Rose – mit diesem Dessert gewann Luise kürzlich den Patisserie-Nachwuchs-Wettbewerb »Compote Complot«.
Foto: Philipp Lihotzky / KALK&KEGELFrüh hat Luise ihre Vorliebe fürs Süße entdeckt. »Als Schülerin wollte ich jedem zum Geburtstag einen Kuchen backen. Meine Oma hat mir gezeigt, wie ein guter Obstkuchen gelingt.« Doch ihre erste Ausbildung führte sie nicht direkt in die Küche. Erst lernte sie Hotelfachfrau. Als während Corona alle Hotels schließen mussten, begann sie eine Konditorinnenlehre. Anders als Hotels waren die Backstuben geöffnet. Süßes ist halt lebensnotwendig. Die erste Ausbildung machte sie in den Bergen, in Berchtesgaden, die zweite führte sie nach Nürnberg. Danach war klar: »Ich wollte was Neues sehen, also ging ich ans Meer.«
Im Söl’ring Hof auf Sylt musste sie einiges neu lernen. »Ich wusste, wie man Pralinen, Eis, Kuchen und Torten macht. Aber all das schön auf den Teller zu bringen, ist was komplett anderes.« Außerdem eine Besonderheit: In der Küche von Chefkoch Jan-Philipp Berner kommen vor allem Zutaten zum Einsatz, die in Norddeutschland heimisch sind und gerade Saison haben. »Mangos und Maracujas sind tabu. Zitronen verwenden wir sehr sparsam. Stattdessen nehme ich Sanddorn, die ›Zitrone des Nordens‹. Und Erdbeeren gibt es bei uns erst ab Ende Mai, wenn sie auf natürliche Weise hier wachsen, nicht im Gewächshaus.«
Was ist das Schönste an dem Beruf?
»Leuten eine Freude zu machen. Am Ende haben die Gäste meistens ein Strahlen im Gesicht.«
Und was ist das Schlimmste?
»Du hast immer klebrige Hände. Manchmal klebt auch der ganze Mund, weil du so viel Süßes probieren musst.«
Wie viele Patissiers und Patissières gibt es in Deutschland?
Schwer zu sagen. Sicher ist: So gut wie alle Sterne-Restaurants beschäftigen wohl mindestens einen Patissier oder eine Patissière. Davon gibt es in Deutschland 341. Hinzukommen weitere feine Restaurants und Hotels, die Wert auf besondere Desserts legen.
Wie lange dauert die Ausbildung?
In Deutschland kann man sich nicht zum Patissier oder zur Patissière ausbilden lassen. Viele machen drei Jahre eine Lehre in der Konditorei. Luise konnte auf zwei verkürzen, weil sie davor Hotelfachfrau gelernt hatte. Andere machen eine dreijährige Kochausbildung und hängen eine kurze Patisserie-Fortbildung dran.
Wie viel verdient man?
Das hängt vom Ort und von der Art des Restaurants ab. Der Durchschnitt liegt bei gut 2700 Euro.
Was muss man können?
Präzise arbeiten: Zehn Gramm Agar zu viel – und das Gel ist hinüber.
Kreativ sein: Im Söl’ring Hof wechselt alle sechs Wochen das Menü.
Auf Zeit mit Freunden verzichten: Wochenend-Arbeit gehört dazu.
Für wen ist das eher nichts?
für Leute, die Kritik nicht abkönnen
für die, die keinen Zeitdruck mögen
Luises Arbeitstag beginnt in der Regel um 12 Uhr. Mit dem Küchenteam plant sie den Abend: Wie viele Gäste kommen? Trinken sie lieber stilles oder Sprudelwasser? Das steht in einer Kartei für wiederkehrende Gäste. Dann geht es an die Vorbereitung: Kräuter zupfen, Mandeln marinieren, Kirschen überziehen. »Dafür ist am Abend keine Zeit mehr. Sobald die Gäste da sind, geht es darum, alle vorbereiteten Zutaten auf den Teller zu bringen.« Wenn die ersten Hauptgänge raus sind, werden ihr Zettel hingelegt. Auf denen steht, welcher Tisch wie viele Desserts bekommt und welche Lebensmittelunverträglichkeiten sie beachten muss.
Luise arbeitet an ihrem Posten. Im Hintergrund dekoriert Küchenchef Jan Fehling ein Sauerampfer-Eis mit Rhabarberkompott und Mandelcreme.
Foto: Charlotte Schmitz / DEIN SPIEGEL
Die Moosbeeren, besser bekannt als Cranberrys, machen sich in den Sylter Dünen breit und verdrängen andere Pflanzen. Luise hat sie eingelegt und setzt sie mit einer Pinzette auf den Teller.
Foto: Charlotte Schmitz / DEIN SPIEGELDie Küche ist offen. Das heißt, die Gäste können das Treiben dort während des ganzen Abends beobachten: »Es ist wie eine Ballett-Aufführung. Jeder von uns weiß genau, was der andere tut und welcher Arbeitsschritt als nächster kommt.« Luises Posten liegt etwas abseits der Köchinnen und Köche, die die warmen Vor- und Hauptspeisen zubereiten. Doch zum Aufwärmen der roten Grütze etwa geht auch sie an den Herd und mischt sich in das Getümmel. All das findet auf sehr engem Raum statt. Um Zusammenstöße zu vermeiden, geben sich die Mitarbeitenden Signale. »Behind«, sagen sie zum Beispiel, wenn sie sich im Rücken eines Kollegen bewegen.
Alle Leute, die in der Patisserie arbeiten, sind selbst Naschkatzen.
Stimmt teilweise: »Man muss eine Leidenschaft für Süßes haben. Privat esse ich aber lieber Herzhaftes: Shakshuka, Nudeln, Schnitzel.«
Alle Desserts sind süß.
Stimmt nicht: »Wir verwenden immer weniger Zucker in der Küche. Das ist bekömmlicher – und interessanter. Die Kombination aus süß, salzig und sauer macht’s.«
In der Küche wird viel rumgeschrien.
Stimmt nicht: »Bei uns in der Küche ist der Ton sehr ruhig. Wir duzen uns alle, verstehen uns gut und lachen viel miteinander.«
Die Arbeitstage sind oft lang. Bis das letzte Petit Four beim Gast landet, kann es schon mal Mitternacht werden. Petits Fours sind kleine Gebäckstücke, die nach dem Hauptdessert folgen und die ebenfalls Luise zubereitet – darunter etwa ein Fichtenschaumkuss. All das hat natürlich seinen Preis. 319 Euro zahlen die Gäste für das Abendmenü, durchaus typisch für ein Sterne-Restaurant.
Luises Pausen-Spot liegt mitten in den Dünen.
Foto: Charlotte Schmitz / DEIN SPIEGEL
Dort wachsen Zutaten für die Küche: Portulak und Rosenknospen zum Beispiel.
Foto: Charlotte Schmitz / DEIN SPIEGEL
Doch nicht alles, was Luise verarbeitet, stammt von Sylt, etwa die Zimtblüten.
Foto: Charlotte Schmitz / DEIN SPIEGELEs gibt Gasthäuser, in denen Luise einen entspannteren Job haben könnte. Einfach nur Apfelstrudel mit Vanilleeis anrichten? »Klar, das macht auch mal Spaß. Aber ich liebe es, aus ganz vielen Zutaten ein kleines Kunstwerk auf den Teller zu zaubern. Und das geht nur in der Sterne-Gastronomie.«
Dieser Artikel erschien in DEIN SPIEGEL 7/2025.
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