DeepL-Chef im Kinder-Interview »Es ist immer noch schön, Sprachen zu lernen«
Dein SPIEGEL: Wie sind Sie auf den Namen DeepL gekommen? Und was bedeutet er?
Kutylowski: DeepL kann für Deep Learning stehen. So nennt man eine besondere Form der neuronalen Netzwerke – der Technologie, die hinter unserem Übersetzungstool steht. Gleichzeitig kann das L auch für das englische Wort Language, also für Sprache stehen. Und ganz pragmatisch: Die Internetadresse deepl.com war damals, als wir die Firma gegründet haben, noch verfügbar.
Dein SPIEGEL: Wie funktioniert ein neuronales Netzwerk?
Kutylowski: Das könnt ihr euch in etwa wie ein menschliches Gehirn vorstellen. Nur dass es nicht aus lebendigen Zellen besteht. Es ist Mathematik, die dahintersteckt. Wir zeigen diesem neuronalen Netzwerk sehr viele Übersetzungen. Anhand dieser bildet es sogenannte Pfade, ähnlich wie sie bei uns im Gehirn entstehen, wenn wir etwas lernen. Das neuronale Netzwerk durchläuft ein sehr hartes Training. Es sieht Milliarden von Übersetzungen, und anhand dieser lernt es, selbst zu übersetzen.
Dein SPIEGEL: An welcher Sprache arbeiten Sie gerade? Und wie läuft das genau?
Kutylowski: Arabisch ist eine der Sprachen, die wir in Zukunft aufnehmen wollen. Wir haben dafür das ganze Internet nach Übersetzungen ins Arabische und aus dem Arabischen durchsucht. Die geben wir dann dem neuronalen Netzwerk, um es zu trainieren. Dann schauen wir, ob dabei irgendwelche Probleme auftreten, dann korrigieren wir die.
Dein SPIEGEL: Kann DeepL auch Dialekte, zum Beispiel Kölsch, übersetzen?
Kutylowski: Die KI kann sie zumindest verstehen. Vom Kölsch ins Englische funktioniert die Übersetzung sehr gut. Andersherum klappt es aber nicht. Wir trainieren die KI nun mal nicht gezielt auf Dialekte. Wenn sie in der Trainingsphase kölsche Texte gesehen hat, hilft das. Sie kann sich auch ein bisschen was ableiten, wenn ein kölsches Wort einem Wort aus dem Hochdeutschen ähnelt. Aber wenn es sich um ein komplett anderes Wort handelt, das die KI noch nie gesehen hat, wird es schwierig.
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Dein SPIEGEL: Wie verbessern Sie Ihre KI?
Kutylowski: Zum einen, indem wir sie mit möglichst guten Trainingsdaten füttern. Es ist wie in der Schule: Wenn euch euer Mathelehrer falsche Beispielaufgaben zeigt, lernt ihr falsch addieren. Deswegen bemühen wir uns darum, dem neuronalen Netzwerk nur korrekte Übersetzungsbeispiele zu zeigen. Zum anderen arbeiten unsere Mathematiker daran, das Netzwerk effizienter zu verschalten.
Dein SPIEGEL: Wo steht Ihr Rechenzentrum?
Kutylowski: Wir haben mittlerweile drei. Eines in Island, eines in Schweden und eines in Finnland. Wenn ihr euch das auf der Karte vorstellt, merkt ihr: Das ist alles weit oben im Norden – weil es dort kälter ist. Man muss die Server also nicht so stark kühlen. Und es gibt dort viel grünen Strom, in Schweden und Finnland aus Wasserkraft, in Island aus Erdwärme.
Dieses Rechenzentrum, das DeepL nutzt, steht in Island
Foto: Pawel Swider / Verne GlobalDein SPIEGEL: Und wie schnell rechnen Ihre Rechenzentren?
Kutylowski: Eine konkrete Zahl kann ich euch nicht nennen. Aber sie ist sehr hoch. Tatsächlich geht es aber weniger um die Schnelligkeit, sondern mehr darum, wie viel ein Rechenzentrum parallel rechnen kann. Denn wir bekommen jede Sekunde Tausende bis Hunderttausende Anfragen für Übersetzungen. Die müssen an viele einzelne Rechner verteilt werden, die diese Aufgaben abwickeln.
Dein SPIEGEL: Wird Ihre Technologie irgendwann menschliche Übersetzer ersetzen?
Kutylowski: Wir wissen von vielen Übersetzern, die DeepL verwenden, um ihre Arbeit schneller zu erledigen. Die Menschen werden also nicht von unserer KI ersetzt, sie arbeiten mit ihr zusammen. Ein besonderer Fall ist die Übersetzung von literarischen Texten. Das ist eine Kunst für sich. Und ich persönlich finde, die Kunst sollte man den Menschen vorbehalten.
Das Übersetzungs-Tool von DeepL beherrscht 31 Sprachen. In der kostenlosen Variante können maximal 1500 Zeichen auf einmal verarbeitet werden. Für größere Textmengen kann man einen kostenpflichtigen Pro-Account anlegen. Anfang des Jahres stellte die Firma einen Sprachassistenten vor. Wer dort einen Text eingibt, erhält Verbesserungsvorschläge. Für DeepL arbeiten mehr als 600 Menschen, unter anderem in Köln, Berlin, Amsterdam und Tokio. Der Wert des Unternehmens wurde Ende 2022 auf eine Milliarde Dollar geschätzt.
Dein SPIEGEL: Muss man in Zukunft überhaupt noch Sprachen lernen, wenn Computer so gut übersetzen können?
Kutylowski: Es ist immer noch schön, Sprachen zu lernen, weil man dann die dazugehörige Kultur besser versteht. Zudem ist die Übersetzung eines Gesprächs eine sehr komplexe Sache. Jetzt gerade hört und seht ihr mich gleichzeitig. Ihr seht, ob ich bei einer Aussage lächle oder böse gucke. Das ist entscheidend für den Gesprächsverlauf. Stellt euch mal vor, ich würde jetzt Polnisch sprechen, und wir würden einen Dolmetscher, egal ob Mensch oder KI, dazwischenschalten. Der Dolmetscher würde dann nach drei Sätzen immer eine Pause machen, um zu übersetzen. So geht die Direktheit verloren zwischen dem, was ich sage, und dem, was mein Gesichtsausdruck vermittelt.
Dein SPIEGEL: In Science-Fiction-Filmen gibt es Geräte, die man sich ins Ohr steckt und die dann direkt übersetzen. Wann wird es so etwas geben?
Kutylowski: Das wird es bald geben, und das wird auch ganz gut funktionieren. Nur muss das Gerät erst mal den ganzen Satz gehört haben, bis es anfängt zu übersetzen. So wird auch hierbei der direkte Gesprächscharakter fehlen.
Dein SPIEGEL: Sie, andere Experten und Prominente wie Elon Musk haben kürzlich einen offenen Brief unterschrieben, in dem vor Gefahren der KI gewarnt wird. Was befürchten Sie?
Kutylowski: Befürchten ist vielleicht das falsche Wort. Ich denke, wir sollten uns der Risiken bewusst sein. Da geht es im Augenblick weniger um die Frage, ob Maschinen irgendwann die Welt beherrschen. Davon sind wir noch superweit entfernt. Wir sollten diese Entwicklung im Auge behalten, aber das ist jetzt nicht so dringend. Ein sehr konkretes Risiko stellen Fake News dar. Die können mit KI sehr schnell und billig in großem Umfang produziert werden. So kann man viele Menschen schlecht beeinflussen. Es ist wie mit allen anderen Technologien: Man kann sie sowohl zum Guten als auch zum Bösen verwenden.
Dein SPIEGEL: Was denken Sie, wie wir KI in fünf Jahren einsetzen?
Kutylowski: Wir werden vermehrt Texte damit schreiben oder Informationen heraussuchen. Doch bis diese Technologie bei allen Menschen angekommen ist, wird es noch eine Weile dauern. Die Frage, die sich viele stellen, lautet: Vertraue ich dem Computer, der das macht?
Dieses Interview erschien in »Dein SPIEGEL« 9/2023.
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