13-jährige Isländerin »Bei uns ist es völlig normal, dass wir in Reitsachen zur Schule gehen«
Zu unserem Hof gehören mehr als 100 Pferde, 70 Schafe, 15 Hunde, Katzen, Ziegen, Hühner, Enten und Kaninchen. Und meine Familie natürlich: meine Eltern, meine vier Geschwister und ich. In unserer Gegend gibt es viele Höfe. Überall sieht man Pferde auf den Weiden und Koppeln. Ich liebe Pferde und bin mit ihnen aufgewachsen. Wir züchten, trainieren und verkaufen Islandpferde.
In Island gibt es außer Islandpferden keine anderen Pferderassen. So will man die Rasse rein halten, also dafür sorgen, dass ein Islandpferd nicht mit einem anderen Pferd Junge bekommt. Wenn wir ein Pferd ins Ausland verkaufen, darf es nie wieder nach Island zurückkehren. So soll verhindert werden, dass neue Pferdekrankheiten in unser Land kommen.
Das Besondere an Islandpferden ist, dass sie fünf Gangarten haben. Schritt, Trab und Galopp laufen alle Pferde, aber bei Islandpferden gibt es noch Tölt und Rennpass. Beim Tölt sitzt man sehr bequem im Sattel und federt weniger als bei anderen Gangarten. Beim Rennpass ist man sehr schnell, und das Besondere daran ist, dass das Pferd zwischendurch »schwebt«, da alle vier Hufe gleichzeitig in der Luft sind. Natürlich nur sehr kurz. Tölt und Rennpass mag ich am liebsten.
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Bei meiner ersten Reittour war ich drei Jahre alt, damals hat meine Mutter das Pferd geführt. Aber inzwischen reite ich seit vielen Jahren allein. Mir selbst gehören vier Pferde: drei Fohlen und eine Zuchtstute. Wenn die Fohlen vier Jahre alt sind, kann ich anfangen, sie zu trainieren. Ich kümmere mich aber auch um die anderen Pferde auf unserem Hof. Mein Lieblingspferd ist Þinur frá Enni. Das ist ein schwarzer Hengst, auf dem ich vor zwei Jahren die isländische Meisterschaft beim Landsmót-Turnier in meiner Altersklasse gewonnen habe. Gerade erst habe ich den Titel verteidigt. Darauf bin ich sehr stolz.
Das Landsmót ist das größte Reitturnier für Islandpferde. Man muss für das Turnier selbst ein Programm erstellen. Außerdem muss man auf einer ovalen Bahn zwei Runden und auf den langen Seiten jeweils Schritt, Trab oder Tölt sowie Galopp reiten. Beim Tölt gibt es langsamen und schnellen Tölt, da kommt es auch auf die Geschwindigkeitswechsel an. Die Richter geben aber nicht nur Noten für die Gangarten, sondern auch dafür, wie ich das Pferd reite, für den Sitz im Sattel und wie ich die Haltung des Pferdes kontrolliere. Wichtig ist, dass das Pferd etwas mehr auf den Hinterbeinen arbeitet und Energie in den Beinen hat.
Im Training arbeite ich daran, bei jedem Tempo das Beste aus dem Pferd herauszuholen und eine gute Reiterin zu sein. Nach einem Turnier schaue ich zusammen mit meiner Reitlehrerin Videos von mir und meinem Pferd an, und wir analysieren, was ich besser machen kann. Gerade arbeite ich an den Übergängen zwischen schnellem und langsamem Tölt.
Das Landsmót ist das größte Reitturnier für Islandpferde. Viktoría Huld hat 2024 und 2026 auf dem Hengst Þinur frá Enni in ihrer Altersklasse gewonnen
Foto: Anna GudmundsdóttirBei uns zu Hause helfe ich viel im Stall mit. Ich kümmere mich besonders um die Pferde, aber auch um die Schafe. Als wir uns Schafe zulegten, hat mein Vater mir zwei eigene geschenkt. Das ist schon einige Jahre her. Inzwischen haben die so viele Lämmer bekommen, dass mir mehr als 20 Schafe gehören. Bei manchen Geburten habe ich mitgeholfen. In der Schule haben auch viele andere Kinder Schafe. Eine Freundin hat mir ein besonderes Schaf geschenkt: Es hat vier Hörner. Manchmal tausche ich auch Schafe mit Mitschülern.
Die Schultage bei uns sind recht lang, von 8.30 Uhr bis 15 Uhr. Dafür haben wir keine Hausaufgaben auf. Morgens gegen 7.30 Uhr kommt ein kleiner Schulbus, der alle Schüler abholt. Er bringt uns nachmittags auch wieder nach Hause.
In den Pausen reden wir viel über Schafe und Pferde, auch mit den Lehrern. Bei uns ist es völlig normal, dass wir in Reitsachen zur Schule gehen, weil viele von uns hinterher gleich weiter zur Reitschule fahren. Manchmal schauen wir auch gemeinsam Wettkämpfe in der Schule.
Viktoría Huld und ihre Schwester Katla Dís sind oft im Reitstall. Auch Katla Dís hat vor Kurzem am Landsmót-Turnier teilgenommen. Von 118 Kindern belegte sie den zehnten Platz
Foto: Mareike Timm / DEIN SPIEGELSpannend wird es, wenn im Herbst die Widder- und Hengstbücher erscheinen. Da sind alle männlichen Zuchtschafe und -pferde drin, und wir reden dann in den Pausen darüber, welche gut zum Züchten wären.
Vor zwei Jahren habe ich bei einem Wettkampf den Besitzer eines Hengstes gefragt, ob ich seinen Hengst für meine Stute haben könne und ob er meinen Hengst für seine Stute wolle. Er war mit dem Tausch einverstanden, und jetzt habe ich ein Stutfohlen von seinem Hengst. Es ist sehr vielversprechend und wird bestimmt einmal ein gutes Tölt-Pferd.
Viktoría Huld liebt das Leben auf dem Hof mit den Tieren
Foto: Mareike Timm / DEIN SPIEGELIch versuche, jeden Tag zu reiten, meistens bis zu vier oder fünf Stunden auf verschiedenen Pferden. Ich gehe mit meinen Freundinnen in die Reitschule und habe zusätzlich mehrmals in der Woche Einzelstunden bei Reitlehrern in der Umgebung. Allein an unserer Landstraße wohnen fünf bekannte Reiter, die in der isländischen Nationalmannschaft sind und an Weltmeisterschaften teilnehmen. Viele von ihnen sind meine Vorbilder.
Manchmal reiten meine Schwester Katla Dís und ich nach der Schule zu einer Freundin, um dort zu spielen, oder wir reiten aus. Es ist schön, hier auf dem Land zu leben. Ich könnte mir nicht vorstellen, in einer Stadt zu wohnen.
Viktoría Huld und Þínur zeigen den Spanischen Schritt: eine Dressur-Übung, bei der das Pferd die Vorderbeine in einem Bogen weit hoch hebt
Foto: Mareike Timm / DEIN SPIEGELSpäter möchte ich gern Pferde- und Landwirtin werden. Ich träume davon, selbst einmal einen Hof zu haben, mit vielen Pferden, Schafen, Hunden und zwei Kühen. Und natürlich möchte ich weiterhin Pferde trainieren. Mein Traum ist es, bei den Weltmeisterschaften teilzunehmen und zu gewinnen.
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