KI-Expertin im Kinder-Interview »In manchen Bereichen ist die künstliche Intelligenz bereits schlauer als wir«
Dein SPIEGEL: Werden Roboter in der Zukunft unsere Zimmer aufräumen?
Zweig: Ja, bestimmt. Bis dahin müssen die Maschinen aber noch viel lernen. Für uns ist es etwa kinderleicht, Wasser in ein Glas zu füllen. Doch eine Maschine muss dafür wissen, wie man es greift, ohne dass es kaputtgeht. Sie muss auch lernen, was Wasser ist und dass es auskippen kann, weil es flüssig ist. Es wird noch einige Zeit dauern, bis wir Informatikerinnen den Maschinen all das beigebracht haben. Aber in 20 Jahren werden sie uns ein Glas Wasser ganz einfach bringen können. Und dann werden wir unsere Wohnungen so umbauen müssen, dass sie für Roboter leichter zu durchqueren sind. Mein Saugroboter klemmt sich immer im Badezimmer unter dem Klo fest, weil meine Wohnung noch nicht für Roboter eingerichtet ist.
Lena: Mein Vater ist auch Informatiker. Er sitzt ständig am Computer. Ist das bei Ihnen genauso?
Zweig: Ja, das gehört dazu. Vor einiger Zeit wollte die Fernsehsendung »Galileo« über meine Arbeit berichten, was mich sehr gefreut hat. Meine Tochter sagte dazu bloß: »Mama, was wollen die denn da zeigen? Du sitzt doch den ganzen Tag nur am PC, das ist doch total langweilig.« Aber natürlich ist das gar nicht langweilig.
Dein SPIEGEL: Was gefällt Ihnen an der Informatik?
Zweig: Dass es oft darum geht, mathematische Rätsel zu lösen. Bis zu meinem Studium wusste ich gar nicht, dass sich damit Geld verdienen lässt. Ich fand das so cool, dass ich die Informatik unbedingt zu meinem Beruf machen wollte.
Dein SPIEGEL: Wie sieht Ihr Arbeitsalltag aus?
Zweig: Als Informatik-Professorin bin ich viel an der Universität und halte Vorlesungen, beantworte Fragen von Studierenden oder unterstütze jüngere Wissenschaftler auf ihrem Weg zum Doktortitel. Außerdem gebe ich regelmäßig Interviews zum Thema KI und schreibe wissenschaftliche Artikel und Bücher.
Dein SPIEGEL: In einem Ihrer Bücher geht es um Algorithmen. Was ist ein Algorithmus?
Zweig: Ein Algorithmus ist eine Anweisung, die wir Informatikerinnen einem Computer geben. Sie besteht aus so vielen genauen Schritten, dass wir uns ganz sicher sein können, dass der Computer am Ende das richtige Ergebnis herausbekommt.
Burger essen, Halloween feiern, Sneaker tragen, Taylor Swift hören: US-Kultur hat großen Einfluss auf den Alltag von Kindern und Jugendlichen in Deutschland. Angesichts der bevorstehenden Wahl in den USA erklärt das Kinder-Nachrichten-Magazin »Dein SPIEGEL« im neuen Heft, warum das Land so mächtig ist, wie die Wahl das Weltgeschehen beeinflusst und was die Kandidierenden planen. Außerdem im Heft: Linda, 11, die erzählt, wie sie mithilfe eines Implantats besser hören kann. »Dein SPIEGEL« gibt es am Kiosk, ausgewählte Artikel online. Erwachsene können das Heft auch hier kaufen:
Dein SPIEGEL: So ähnlich wie ein Rechenweg?
Zweig: Genau, das ist wie beim schriftlichen Addieren im Matheunterricht. Wenn ihr 65 plus 14 rechnen wollt, schreibt ihr die Zahlen untereinander auf. Danach addiert ihr die Einer- und die Zehner-Ziffern miteinander, also 6 plus 1 und 5 plus 4. So kommt ihr auf das Ergebnis: 79. Dieser Vorgang ist ebenfalls ein Algorithmus – er besteht aus mehreren Schritten, die zur richtigen Lösung führen.
Dein SPIEGEL: Macht eine KI das auch so?
Zweig: Nicht ganz. Im Falle von KI erklären wir dem Computer, wie er anhand von Beispielen lernen kann. Wir sagen ihm also nicht Schritt für Schritt, wie das schriftliche Addieren funktioniert, sondern zeigen ihm ganz viele Berechnungen. Mit einer von uns festgelegten Methode soll er darin Muster finden, zum Beispiel dass die untereinanderstehenden Zahlen addiert werden müssen. Auf die gleiche Weise lernen Computer auch, Muster darin zu entdecken, welche Videos euch auf Plattformen wie TikTok oder Instagram gefallen. Ob ihr Tiervideos oder Fußball mögt, können wir Informatikerinnen nicht wissen. KI kommt also meistens dann zum Einsatz, wenn wir dem Computer nicht sagen können, wie genau er eine Aufgabe lösen soll, wir aber viele Beispiele haben. Er errechnet dann ein Muster – und im Gegensatz zu einem Algorithmus kommt dabei auch mal Blödsinn raus.
Dein SPIEGEL: Haben Sie mal einen lustigen Fehler entdeckt?
Zweig: Ich nutze KI häufig, um Bilder für meine Vorträge an der Uni zu erstellen. Einmal wollte ich ein Bild von jemandem generieren, der sich die Schuhe zubindet. Dieser Auftrag hat die KI wohl ziemlich verwirrt: Sie erstellte eine Person mit drei Armen, drei Schuhen und viel zu vielen Fingern. Das fand ich sehr lustig.
Dein SPIEGEL: Kann KI auch gefährlich werden?
Zweig: Nein, aber die Art und Weise, wie Menschen sie nutzen. Es gibt KI-Programme, die angeblich Verbrechen vorhersagen können. Dafür schaut sich die Maschine unter anderem an, wie alt eine Person ist, welches Geschlecht sie hat und ob sie schon einmal eine Straftat begangen hat. Danach trifft sie anhand dieser Daten eine Vorhersage. Ich glaube nicht, dass eine KI dazu in der Lage ist. Wahrscheinlicher ist, dass ihre Vorhersagen falsch sind und Unschuldige treffen. Deswegen sollten wir einer KI allein niemals eine wichtige Entscheidung überlassen.
Dein SPIEGEL: Wie kann sie uns denn dann helfen?
Zweig: Zurzeit sehen wir vor allem, wie KI uns künstlerische Sachen abnimmt. Sie malt Bilder, schreibt Texte oder macht Musik. Ich fände es schöner, wenn sie Dinge für uns erledigen würde, die keinen Spaß machen. Das Zimmer aufräumen zum Beispiel oder die ganzen Formulare ausfüllen, die man als Erwachsener ausfüllen muss. Ich bin mir aber sicher, dass KI uns bei solchen Dingen in Zukunft stärker unterstützen wird.
Dein SPIEGEL: Wird die KI irgendwann schlauer sein als wir Menschen?
Zweig: Auf jeden Fall. In manchen Bereichen ist sie das bereits. Eine KI kann mehr Tierarten aufzählen, als ich mir jemals merken könnte. Aber ich finde nicht, dass das etwas Schlimmes ist. Wenn wir auf eine Baustelle gehen, sehen wir da Kräne, Presslufthämmer und viele andere Geräte, die stärker sind als wir Menschen. Natürlich benutzen wir sie trotzdem, weil diese Werkzeuge eine große Hilfe für uns darstellen. Und genauso ist es bei künstlicher Intelligenz auch.