Nigeria: Ballett-Talent Anthony, 11 - Vom Armenviertel an die Elite-Akademie - DER SPIEGEL
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Vom Armenviertel an die Elite-Akademie »Ich will nur tanzen«

Anthony, 11, tanzt Ballett in einer der ärmsten Gegenden Nigerias. Ein Video auf Instagram hat sein Leben verändert. Anthonys größter Traum ist plötzlich zum Greifen nah.
Von Charlotte Lüder •
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Jeden Tag, sobald er seine Hausaufgaben endlich erledigt hat, greift Anthony nach seinen schwarzen Ballettschuhen, dem weißen T-Shirt und der schwarzen Leggins, seiner Trainingskleidung. Mit den Sachen rennt er zur Tanzschule.

Anthony wohnt mit seiner Familie in einem Vorort von Lagos, einer Millionenstadt in Nigeria. Seine Mutter betreibt dort einen Kiosk, hinter dem die Wohnung der Familie liegt. Oft übt Anthony seine Sprünge und Drehungen auf dem Weg vor dem kleinen Laden, während seine Mutter arbeitet.

Im Skype-Interview erzählt Anthony, dass Ballett sein einziges Hobby ist. »Ich will nur tanzen. Nichts macht mich so glücklich wie Ballett.« Bevor er damit angefangen hat, spielte er oft Fußball mit seinen Freunden, doch die Ballettschule ist sein Lieblingsort. Anthony mag Solo-Choreografien genauso wie Paartänze, auch die Übungen an der Stange findet er nicht langweilig. Am liebsten hört er dazu die Musik aus dem bekannten Ballett »Der Nussknacker« des Komponisten Peter Tschaikowsky. Anthony möchte Profitänzer werden. Auf einer richtigen Bühne den »Nussknacker« zu tanzen ist sein größter Traum.

Anthony zeigt seiner Mutter vor ihrem Kiosk (links), was er in der Ballettschule gelernt hat

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Foto: Benson Ibeabuchi / AFP/Getty Images
Keiner springt so hoch wie Anthony in den »Grand jeté à la seconde«, den großen Spagatsprung

Keiner springt so hoch wie Anthony in den »Grand jeté à la seconde«, den großen Spagatsprung

Foto: AP/ picture alliance

Die Leap of Dance Academy, Anthonys Ballettschule, hat zu Weihnachten eine Mini-Produktion des »Nussknackers« aufgeführt. Dabei hat Anthony eine der Hauptrollen getanzt.

Die Schule wurde 2017 von Daniel Ajala gegründet. Er hätte als Tanzlehrer auch in einer wohlhabenderen Gegend der Stadt arbeiten können, wollte aber Kindern Ballett zeigen, die damit sonst nie in Berührung gekommen wären. Im Viertel Ajangbadi sind die Straßen nicht asphaltiert, die meisten Kinder brechen die Schule ab, um arbeiten zu gehen. Nigeria ist das Land mit den meisten Einwohnern in Afrika, es hat wunderschöne Strände. Aber viele Menschen protestieren gegen Polizeigewalt und unehrliche Politiker.

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»Wir Nigerianer können gut Ballett tanzen, wenn wir nur die Möglichkeit bekommen. Aber es gibt hier kaum Tanzschulen«, sagt Daniel. Als er die Ballettschule mit seinem Ersparten eröffnete, waren nicht alle in der Nachbarschaft begeistert. Viele finden, dass Ballett ein zu europäischer Tanz ist, und auch, dass Jungs nicht in Strumpfhosen tanzen sollten. Ihrer Meinung nach passen Ballett und Nigeria nicht zusammen. Anthonys Mutter aber schickte ihn zu einer Probestunde.

Tanzlehrer Daniel zeigt Anthony und den anderen die Position »Passé« an der Ballettstange

Tanzlehrer Daniel zeigt Anthony und den anderen die Position »Passé« an der Ballettstange

Foto: THE NEWYORKTIMES/REDUX/laif

Der Unterricht an der Leap of Dance Academy ist kostenlos für die Kinder. Lehrer Daniel ist auf Spenden angewiesen, damit das funktioniert. Einige andere Ballettschulen oder Hersteller von Tanzkleidung schicken alte Schläppchen, Strumpfhosen und Kostüme. Mit Geldspenden möchte Daniel als Nächstes einen richtigen Parkettboden verlegen. Bisher tanzen die Kinder auf Beton. Das ist für die Gelenke der kleinen Tänzer aber nicht gut, ein Holzboden federt Sprünge besser ab.

Um die Fortschritte seiner Schülerinnen und Schüler zu zeigen, postet Daniel Ajala Videos und Fotos auf Instagram. Eines dieser Videos wurde schon über 375000-mal angeklickt. Es zeigt Anthony, wie er im Regen im Hinterhof der Schule tanzt. Ohne Schuhe, auf matschigem Steinboden, aber mit einem Lächeln im Gesicht dreht er Pirouetten und hüpft Sprünge mit Leichtigkeit.

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Es dauerte nicht lange, bis Lehrer der Schule des American Ballet Theatre in New York auf das Video des tanzenden Anthony aufmerksam wurden. In dieser Schule werden besonders talentierte Kinder durch hartes Training zu professionellen Tänzern ausgebildet. Anthonys Video hat die Lehrer nicht nur beeindruckt, weil er barfuß im Regen tanzt, sondern weil er richtig gut tanzt. Sie wollten ihn als Schüler haben.

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Eine teure Ausbildung am anderen Ende der Welt wäre für Anthony normalerweise nicht infrage gekommen. Doch die New Yorker Ballettschule hat Anthony ein Stipendium gegeben. Das bedeutet, dass die Schule den Unterricht und alle weiteren Ausgaben bezahlt. Vergangenen Sommer hat Anthony schon Tanzunterricht über Zoom bekommen. Sobald er im Juni zwölf Jahre alt wird, darf er nach New York und dort fünf Jahre lang die Ballettschule besuchen. »Das Stipendium hat mein Leben verändert, ich bin so dankbar«, sagt Anthony, »aber ein bisschen nervös bin ich auch. Ich war noch nie weg von meiner Familie und werde sie sehr vermissen. Vor allem das Essen meiner Mama.«

Anthony freut sich auf die Ballettschule in New York, und sein Tanzlehrer Daniel freut sich über viele neue Spenden und Unterstützer, die durch das Video von Anthony auf die Leap of Dance Academy aufmerksam geworden sind. Denn so kann Daniel noch mehr Kinder unterrichten, die vielleicht irgendwann in Anthonys Fußstapfen treten.

Dieser Artikel erschien in »Dein SPIEGEL« 04/2021.

Dank vieler Spenden haben Anthony und die Ballettschülerinnen schöne Kostüme

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Foto: THE NEWYORKTIMES/REDUX/laif
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