Sind Roboter die besseren Astronauten? »Der Mensch ist aus meiner Sicht unschlagbar« - DER SPIEGEL
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Sind Roboter die besseren Astronauten? »Der Mensch ist aus meiner Sicht unschlagbar«

Harald Hiesinger bringt Astronautinnen und Astronauten geologische Kenntnisse bei. Hier spricht der Planetologe über lange Mondtage und erklärt, warum er private Weltraummissionen auch kritisch sieht.
Ein Interview von Marco Wedig •

DEIN SPIEGEL: Ihre Forschung trägt unter anderem dazu bei, einen passenden Landeplatz auf dem Mond zu finden. Worauf kommt es dabei an?

Hiesinger: Aus wissenschaftlicher Sicht ist der Südpol sehr interessant. Dort gibt es riesige Krater, auf deren Boden nie ein Sonnenstrahl fällt. Dort vermuten wir Wassereis, das man für eine Mondstation nutzen könnte. Es ist aber schwierig, dort zu landen. Man bräuchte einen zusätzlichen Kommunikationssatelliten, weil sonst der Funkkontakt zur Erde abreißt. Einfacher wäre eine Landung in der Nähe des Äquators. Dort wird im Mondstaub auch Wasser vermutet, was aber wohl schwieriger zu gewinnen ist als an den Polen.

Ein Landeplatz sollte zudem frei von Geröll sein und nicht an einem steilen Hang liegen. Und dann ist da noch die Frage der Sonneneinstrahlung. Auf dem Mond dauert der Tag einen Monat. 14 Erdtage lange scheint die Sonne, darauf folgen 14 Tage Dunkelheit. Es gibt aber auch Orte, die dauernd von der Sonne beschienen werden. Dieses Licht wirft sehr harte Schatten und kann Astronautinnen und Astronauten verwirren.

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Die USA, China, Europa – alle planen, zum Mond zu fliegen. Was ­wollen die eigentlich da? Und was ist so schwer daran, hinzukommen, wo doch vor mehr als 50 Jahren schon Menschen dort waren? DEIN SPIEGEL, das Nachrichten-Magazin für Kinder, erklärt, was es politisch und wissenschaftlich auf dem Mond zu holen gibt – und wie Astronautinnen und Astronauten für ihren Einsatz trainieren. Außerdem im Heft: ­Sicherheitsexperte Carlo Masala spricht im Kinder-Interview über die Frage, ob mehr Militär den Frieden stärkt. DEIN SPIEGEL gibt es am Kiosk, ausgewählte Artikel online. Erwachsene können das Heft auch hier kaufen:

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DEIN SPIEGEL: Seit 16 Jahren kreist der Lunar Reconnaissance Orbiter um den Mond und fotografiert ihn. Sie haben intensiv mit den gelieferten Daten gearbeitet. Was ist auf den Fotos zu erkennen?

Hiesinger: Wir sehen die Reifenspuren der Mondautos und wo sie geparkt wurden. Wenn man die Augen zukneift, sieht man sogar den Schatten der US-Fahne. All das aus 50 Kilometer Entfernung. Für meine Forschung sind diese hochauflösenden Bilder unter anderem interessant, weil ich genau sehen kann, welche Teile des Mondes dauernd im Schatten liegen. Außerdem kann ich anhand der Fotos die Krater in einer bestimmten Mondregion zählen und dadurch bestimmen, wie alt das Gestein dort ist.

Der Lunar Reconnaissance Orbiter wurde 2009 von der Nasa in den Weltraum geschickt. Seitdem umkreist die Sonde den Mond. Es ist die bislang am längsten andauernde Mondumrundungsmission.

Der Lunar Reconnaissance Orbiter wurde 2009 von der Nasa in den Weltraum geschickt. Seitdem umkreist die Sonde den Mond. Es ist die bislang am längsten andauernde Mondumrundungsmission.

Foto: GSFC / NASA

DEIN SPIEGEL: Sie trainieren Astronautinnen und Astronauten darin, wie man Gesteinsproben nimmt. Wie läuft das genau ab?

Hiesinger: Das Training findet in der norditalienischen Bletterbachschlucht, im bayerischen Rieskrater, auf Lanzarote und den Lofoten statt – alles Regionen, die geologisch dem Mond ähneln. Einerseits geht es ums Handwerk: Wir zeigen den Astronautinnen und Astronauten, wie man eine Probe nimmt, ohne sie zu verunreinigen. Wir erklären, welches Gestein überhaupt interessant ist: Wenn ich an einer Landestelle nur dunkles Gestein vorfinde, nehme ich davon eine Probe. Doch gibt es dort auch einen hellen Stein, dann ist der natürlich von besonderem Interesse.

Andererseits lernen die Lehrgangsteilnehmenden auch die geologische Fachsprache. Die ist sehr kompliziert, wie ein unverständlicher Dialekt. Aber wir müssen uns ja verstehen können, wenn wir Fachleute im Kontrollzentrum sitzen, während die Astronautinnen und Astronauten auf dem Mond arbeiten.

Im Rahmen des Pangaea-Trainingsprogramms der Esa schult Harald Hiesinger (Zweiter von rechts) Astronautinnen und Astronauten in Geologie, hier im bayerischen Rieskrater

Im Rahmen des Pangaea-Trainingsprogramms der Esa schult Harald Hiesinger (Zweiter von rechts) Astronautinnen und Astronauten in Geologie, hier im bayerischen Rieskrater

Foto: V. Crobu / ESA

DEIN SPIEGEL: Können das nicht auch Roboter machen?

Hiesinger: Der Mensch ist aus meiner Sicht unschlagbar: Er trifft selbst schnelle Entscheidungen und ist beweglicher als jeder aktuelle Roboter. Viele wichtige Entdeckungen des Apollo-Programms wurden von gut trainierten Astronauten gemacht, die aus dem Augenwinkel heraus gesehen haben, dass da ein interessanter Stein herumliegt. Diese besondere Wahrnehmung haben Roboter nicht. Andererseits gibt es auf dem Mond Gebiete, in die ich keinen Menschen hinschicken möchte, etwa auf einen Steilhang. Denn von den Apollo-Missionen wissen wir, dass den Astronauten schon bei geringen Steigungen die Puste ausging. Dort können Roboter aushelfen.

DEIN SPIEGEL: Manche träumen davon, Helium-3 auf dem Mond abzubauen. Lohnt sich das?

Hiesinger: Nein. Das ist eine Idee, die von dem ehemaligen Apollo-Astronauten Harrison Schmitt verbreitet wird. Er will den Rohstoff nutzen, um auf der Erde Kernfusionskraftwerke zu betreiben. Da gibt es aber zwei Probleme. Erstens existieren solche Kraftwerke bislang nicht, wenn überhaupt wird es in einigen Jahrzehnten welche geben. Zweitens: Man müsste riesige Flächen auf dem Mond beackern, um den Rohstoff zu gewinnen. Manche Studien gehen von 2000 bis 3000 Rovern aus, die dafür nötig wären. Dieser Aufwand ist viel zu hoch.

DEIN SPIEGEL: Wie finden Sie es, dass so viele Firmen auf dem Mond Geld verdienen wollen?

Hiesinger: Wenn viele Unternehmen zum Mond fliegen, wird der Flug dorthin günstiger. Davon kann auch die Wissenschaft profitieren. Was mir aber Sorgen bereitet: Ich befürchte, dass Firmen, die auf dem Mond arbeiten, ihre Daten nicht kostenfrei mit anderen teilen wollen. Das könnte dazu führen, dass ich als Wissenschaftler viel Geld dafür bezahlen muss, um an bestimmte Messergebnisse zu kommen. Aber nicht jeder von uns Forschenden hat so viel Geld. Von der Nasa und der Esa sind wir das anders gewohnt: Nach sechs Monaten sind die Daten frei verfügbar, und alle – vom Schulkind bis zum Rentner – können damit selbst forschen.

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