Stauffenberg-Attentat für Kinder erklärt: Der geheime Plan des Grafen - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen
Zur Ausgabe
Artikel 5 / 7

Stauffenberg-Attentat für Kinder erklärt Der geheime Plan des Grafen

Vor 80 Jahren scheiterte Claus Schenk Graf von Stauffenberg mit seinem Vorhaben, den Diktator Adolf Hitler umzubringen. Er wurde damals für seine Tat getötet, heute gilt er als Held.
Von Klaus Wiegrefe • • aus DEIN SPIEGEL 7/2024

Als Claus Schenk Graf von Stauffenberg am Donnerstag, dem 20. Juli 1944, gegen Mittag die Baracke bei Rastenburg betrat, ließ er sich seinen geheimen Plan nicht anmerken. Die anderen Offiziere hatten schon begonnen, über die Lage im Krieg zu sprechen. Sie standen oder saßen um einen großen hölzernen Tisch mit Landkarten, die zeigten, wo deutsche Soldaten kämpften. Adolf Hitler, der Diktator, begrüßte Stauffenberg kurz. Er ahnte nicht, dass Stauffenberg in seiner Aktentasche Sprengstoff trug, der gleich explodieren würde.

Stauffenberg bat darum, möglichst dicht neben Hitler stehen zu dürfen. Er war zwar nur Oberst und damit weniger wichtig als die vielen Generale im Raum, aber die anderen machten ihm bereitwillig Platz, denn Stauffenberg war ein eindrucksvoller Mann. Er sah stolz aus, groß gewachsen und schlank, und galt als Kriegsheld. Jeder konnte sehen, dass er schwer verwundet worden war: Er trug eine Augenklappe, und ihm fehlten die rechte Hand und zwei Finger der linken Hand.

Ein Begleiter stellte Stauffenbergs Tasche unter den Tisch. Stauffenberg hörte einen Augenblick der Runde zu, dann entschuldigte er sich, er müsse telefonieren, was in dem Raum nicht möglich war, und ging nach draußen. Die Tasche mit dem Sprengstoff ließ er zurück.

Wenige Minuten später gab es einen grellen Blitz und einen ohrenbetäubenden Knall. Verwundete schrien um Hilfe, Rauch quoll aus den Trümmern. Da war Stauffenberg schon einige Hundert Meter entfernt. Niemand verdächtigte ihn, sein Fahrer brachte ihn zu einem nahen Flugfeld. Von dort flog er mit einer kleinen Propellermaschine nach Berlin. Stauffenberg ging fest davon aus, dass Hitler tot sei. In Berlin warteten bereits seine Verbündeten.

Was zunächst wie ein böser Anschlag wirkt, war in Wirklichkeit eine Heldentat. Hitler und seine vielen Helfer hatten schreckliche Verbrechen verübt. Sie hatten bereits Millionen Juden getötet, darunter viele Kinder. Sie hatten zahlreiche Länder überfallen und führten einen Weltkrieg. Und sie planten weitere Untaten. Mit dem Tod Hitlers wäre all das vermutlich ganz schnell zu Ende gegangen.

Und deshalb wird an die mutige Handlung von Stauffenberg und den anderen Widerständlern, an ihr Attentat vom 20. Juli 1944, in wenigen Wochen besonders gedacht, weil es dann 80 Jahre zurückliegt.

Auch wenn die Geschichte traurig ausgegangen ist.

Denn die massive Stütze des schweren Tischs in der Baracke schwächte die Wucht der Explosion ab. Hitler erhob sich fast unverletzt aus den Trümmern. Er schlug die Flammen an seiner Kleidung aus. Seine schwarze Hose und die weiße lange Unterhose hingen in Streifen herab. Empört sagte er zu seinem Diener: »Jemand hat versucht, mich umzubringen.« Und sofort begann die Suche nach den Tätern.

Dein SPIEGEL: Vom Wolf zum Hund

Immer mehr Menschen halten sich einen Hund. Aber wann, wo und warum ging sie eigentlich los, diese besondere Beziehung zwischen Mensch und Vierbeiner? In der neuen Ausgabe von »Dein SPIEGEL«, dem Nachrichten-Magazin für Kinder, steht, wie der Wolf zum Hund wurde. Außerdem im Heft: Claus Weselsky, oberster Gewerkschafter der Lokführer, verrät, ob er wegen der Bahnstreiks ein schlechtes Gewissen hat. »Dein SPIEGEL« gibt es am Kiosk, ausgewählte Artikel online. Erwachsene können das Heft auch hier kaufen:

Bei meine-zeitschrift.de bestellen 

Bei Amazon bestellen 

Stauffenberg gehörte zu einer Gruppe von etwa 200 Personen, die Hitlers Diktatur mit dem Anschlag am 20. Juli beenden wollten. Es war ein Bündnis aus Soldaten, Beamten, Politikern. Viele von ihnen hatten Angst vor der deutschen Kriegsniederlage und wollten deshalb Frieden schließen. Doch mit Hitler war das nicht möglich. Er wollte immer weiter kämpfen, auch wenn es gar keine Chance gab, noch zu gewinnen. Andere fanden Hitlers Verbrechen so schrecklich, dass sie bereit waren, alles dagegen zu tun. Wiederum andere hatten selbst Verbrechen begangen und glaubten offenbar, sie könnten ihrer Strafe entgehen, wenn sie rasch die Seite wechselten und sich nun gegen Hitler stellten. Das waren aber nur ganz wenige.

Anhänger Hitlers begutachten den Raum, in dem die Aktentasche mit Sprengstoff explodiert war. Zu sehen sind auch die Trümmer des massiven Tischs, auf dem bei Besprechungen große Karten lagen. Eine Stütze des Tischs milderte die Explosion ab, Adolf Hitler blieb fast unverletzt.

Anhänger Hitlers begutachten den Raum, in dem die Aktentasche mit Sprengstoff explodiert war. Zu sehen sind auch die Trümmer des massiven Tischs, auf dem bei Besprechungen große Karten lagen. Eine Stütze des Tischs milderte die Explosion ab, Adolf Hitler blieb fast unverletzt.

Foto: Hoffmann / dpa / picture alliance

Allerdings: Auch Stauffenberg war nicht immer ein Held gewesen und hatte Hitler viele Jahre lang gut gefunden. Er pflegte schlimme Vorurteile gegen Juden und Polen und träumte davon, dass Deutschland so stark wird, dass es über andere Länder bestimmen kann. Doch dann erkannte er seinen Irrtum. Und da Stauffenberg zu den wenigen zählte, die durch ihre Arbeit dicht an den schwer bewachten Hitler herankamen, übernahm er die Aufgabe, Hitler zu töten, was sehr mutig war. Wer sich gegen Hitler stellte, riskierte sein Leben. Auch brachte Stauffenberg damit seine Familie in Gefahr: die Söhne Berthold, Heimeran, Franz Ludwig, die kleine Valerie und seine Ehefrau Nina, die mit dem fünften Geschwisterchen, Konstanze, schwanger war. Stauffenberg liebte seine Kinder und hoffte, der Plan würde aufgehen. Er und seine Verbündeten hatten sich schon überlegt, wer nach Hitler neuer Kanzler werde sollte.

Stauffenberg mit einem Teil seiner Familie: Von links nach rechts sieht man Sohn Heimeran, Tochter Valerie, Nichte Elisabeth, Neffe Alfred und Sohn Franz Ludwig.

Stauffenberg mit einem Teil seiner Familie: Von links nach rechts sieht man Sohn Heimeran, Tochter Valerie, Nichte Elisabeth, Neffe Alfred und Sohn Franz Ludwig.

Foto: dpa / picture alliance

In Berlin eingetroffen, fuhr Stauffenberg sofort zu einem großen Gebäude, dem Bendlerblock, wo er ein Büro hatte. Stauffenberg und seine Verbündeten waren zu wenige, um mit den vielen Hitler-Anhängern fertigzuwerden. Sie brauchten also Helfer, insbesondere Soldaten mit Waffen. Sie hatten sich eine Notlüge ausgedacht. Und die ging so: Nicht etwa Stauffenberg und seine Mitstreiter, sondern andere Nazis hätten Hitler getötet. Und daher müssten die Soldaten gegen alle wichtigen Nazis vorgehen. Das sei ein Befehl.

Doch nur wenige wollten mit­machen. Es sprach sich herum, dass Hitler lebte. Seinen Leuten war es nämlich gelungen, bald nach dem Anschlag einen Funkspruch abzusetzen, dass Hitler lebte – und nicht tot war. Zur Abendbrotzeit gab es sogar eine erste Meldung im Radio dazu. Da bekamen manche Angst. Andere fanden Hitler und seine Taten immer noch gut. Wiederum andere sagten, sie müssten Hitler gehorchen. Alle Soldaten hatten nämlich schwören müssen, Hitler »unbedingten Gehorsam« zu leisten, und sie nahmen diesen Eid sehr ernst. Ein Verstoß dagegen kam für sie nicht infrage.

Am späten Abend des 20. Juli wurde Stauffenberg schließlich verhaftet und gleich erschossen. Auch viele andere Widerständler bezahlten für ihren Mut mit dem Leben. Es dauerte noch mehr als neun Monate, ehe der Krieg zu Ende ging und Hitler sich schließlich selbst tötete.

Immerhin überstand Stauffenbergs Familie die Zeit. Drei seiner Kinder leben noch, sie sind heute im Alter von Großeltern. Und ihr Vater wird von vielen Menschen als Held verehrt.

Dieser Artikel erschien in »Dein SPIEGEL« 07/2024.

DEIN SPIEGEL – das Nachrichten-Magazin für Kinder
Foto:

DEIN SPIEGEL

Liebe Eltern,

Kinder wollen die Welt verstehen. Sie interessieren sich für Natur, Menschen und Technik. Sie stellen Fragen. Und sie geben sich nicht mit den erstbesten Antworten zufrieden. Darum gibt der SPIEGEL für junge Leserinnen und Leser ab acht Jahren ein eigenes Nachrichtenmagazin heraus.

DEIN SPIEGEL erscheint jeden Monat neu und bietet spannende, verständlich geschriebene Geschichten aus aller Welt, Interviews und News aus Politik und Gesellschaft. Für noch mehr Spaß sorgen Comics, Rätsel und kreative Ideen zum Mitmachen.

Zur Ausgabe
Artikel 5 / 7