Deutscher Wald in der Klimakrise Aus der Baum
Die Vermessung des Waldes beginnt mit 80.000 Geheimnissen. An so vielen geheimen Punkten gucken Forschende sich alle zehn Jahre die Bäume an. Die Punkte sind über ganz Deutschland verteilt, an jedem ist ein Stück Eisen im Boden eingegraben, das mithilfe eines Metallsuchgeräts aufgespürt wird.
Im Moment ist es wieder so weit: Es wird Bundeswaldinventur gemacht. Denn die Expertinnen und Experten wollen herausfinden, wie es den rund 90 Milliarden Bäumen geht, die zu Deutschlands Wäldern gehören. Dafür sind 100 Messtrupps unterwegs. Natürlich können die sich nicht jeden einzelnen Baum angucken. Deshalb gibt es das Probepunkte-System.
Mitarbeiter eines Messtrupps bei der Arbeit: Bis zum Jahresende 2022 vermessen die Trupps an etwa 80.000 Probepunkten Bäume und Totholz, sie schauen sich Baumarten an, sammeln Probenmaterial und viele, viele weitere Daten. Dafür nutzen sie unter anderem elektronische Baumhöhen- und Entfernungsmesser, Durchmesser-Bandmaße, Satelliten-Navigationsgeräte und Feldcomputer.
Foto: Angelika Warmuth / picture alliance/dpaDie Messtrupps schauen sich den Bereich um die Punkte herum an und sammeln Daten. Und daraus wird dann abgeleitet, wie es allen Bäumen geht. Deshalb sind die Probepunkte geheim: Die Waldbesitzenden sollen nicht wissen, welcher Bereich von den Fachleuten angeschaut wird, damit sie nicht besonders gut auf genau diesen Bereich aufpassen. Es wird noch etwa ein Jahr dauern, bis alle Daten gesammelt und alle Probepunkte angeschaut sind. Und noch länger, bis die Daten ausgewertet sind: bis 2024.
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Die Forschenden sind sehr gespannt, was bei der Untersuchung herauskommen wird, denn die vergangenen drei Jahre waren für die Wälder besonders übel. »Die Jahre waren extrem trocken und heiß, das hat große Probleme für die Bäume mit sich gebracht«, sagt Heino Polley. Er arbeitet beim Thünen-Institut für Waldökosysteme. Das Institut organisiert die Waldinventur und wird die Daten auswerten. »Es macht uns Sorgen, wie heftig die Wälder auf die Trockenheit reagiert haben. Das hat die Wissenschaft überrascht«, sagt er.
Besonders Fichten hätten gelitten. »Fichten gehören eigentlich in regenreiche Regionen. Aber da sie gut für die Holzproduktion sind, hat man sie auch anderswo angebaut. Es hat zwar schon früher Trockenzeiten gegeben, aber nun gab es mehrere Trockenjahre hintereinander. Die Bäume konnten sich zwischendurch nicht erholen.« Deshalb haben sie sich nicht ausreichend gegen Schädlinge gewehrt. Borkenkäfern zum Beispiel hat – anders als den Bäumen – das veränderte Klima gutgetan: Sie vermehrten sich weit zahlreicher als sonst. »Viele Bäume sind nicht verdurstet, sondern am starken Borkenkäfer-Befall gestorben«, sagt Heino Polley.
Borkenkäfer wie der Buchdrucker sind kleine, bräunliche Käfer, die große Schäden verursachen können. Die Weibchen bohren Gänge in die Bäume, legen Eier, und wenn die Larven schlüpfen, fressen sie drauflos. Gesunde Bäume können sich gegen die Käfer wehren, geschwächte Bäume schaffen das nicht.
Für die Wälder sind besonders zwei Arten der Borkenkäfer problematisch: der Buchdrucker und der Kupferstecher. Die Namen klingen niedlich, aber die Käfer haben noch andere, die weniger niedlich klingen: Großer Achtzähniger Fichtenborkenkäfer und Sechszähniger Fichtenborkenkäfer. Die Zähne, die den Käfern ihren Namen geben, haben sie übrigens nicht im Mund, sondern hinten an den Flügeldecken. Sie dienen zum Herausschaufeln des Bohrmehls. Auf dem Bild sieht man Buchdrucker-Spuren.
Foto: Andreas Häuslbetz / iStockphoto / Getty ImagesUm klarzumachen, wie stark der Wald geschädigt ist, haben Forschende vom Thünen-Institut diesen Vergleich aufgestellt: Würde man aus dem gesamten Schadholz der Jahre 2018 bis 2020 einen Steg von einem Meter Breite und 45 Zentimeter Dicke bauen, würde er von der Erde bis zum Mond reichen.
»Wenn man aufmerksam durch die Wälder fährt, sieht man, dass sehr viele Bäume abgestorben sind. Das besorgt mich sehr«, sagt Heino Polley. Einmal im Jahr schauen sich die Forschenden die Baumkronen an. Diese geben Hinweise auf die Vitalität der Bäume, also auf die Lebenskraft. »Wir machen das seit 1984, da haben wir sehr viel Auf und Ab gesehen. Aber so viel Kronenverlichtung bei allen Baumarten hatten wir noch nie.«
Die Kronenverlichtung beschreibt den Zustand der Blätter und Nadeln in der Baumkrone: Wie groß, dicht und verfärbt ist sie im Vergleich zu der Krone eines gesunden Baums? »Die Beobachtung der Baumkronen wird auch als Fieberthermometer am Patienten Wald bezeichnet: Wenn jemand Fieber hat, heißt das, er ist krank – aber was er hat und wie man ihm helfen kann, sagen uns die Baumkronen nicht. Aber auch das wird erforscht.«
Holz ist ein enorm wichtiger Rohstoff in Deutschland. Weil man viele Sachen daraus machen kann – aber auch weil sehr viele Leute »irgendwas mit Holz« arbeiten. Wenn man alle Beschäftigten aus dem »Cluster Forst und Holz« zusammenzählt, kommt man auf mehr als eine Million Menschen – mehr, als in der Autoindustrie arbeiten.
Foto: Patrick Pleul / picture alliance/dpaEs gibt verschiedene Ideen, was nun passieren sollte, damit es den Wäldern besser geht. »Die Wissenschaft ist sich nicht einig«, sagt Heino Polley. »Wir vom Thünen-Institut sagen: Man muss der Natur helfen. Denn die Bäume haben heute ja keine Ahnung, was auf sie zukommt. Wir gehen davon aus, dass wegen des Klimawandels die Bäume, die heute anwachsen, im Laufe ihres Lebens andere Bedingungen erleben werden als genetisch einprogrammiert. Man muss deshalb Baumarten anpflanzen, die mit dem erwarteten Klima am besten klarkommen.« Also nicht wieder Fichten wachsen lassen an Orten, wo durch die Dürre in den vergangenen Jahren viele Fichten gestorben sind.
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Andere Menschen sagen, man solle die Natur jetzt mal selbst machen lassen. »Was wirklich richtig ist, wird man erst später wissen. Das kann von Fall zu Fall unterschiedlich sein.« Aber es müssen jetzt Entscheidungen getroffen werden. Denn dass die Wälder wichtig sind, darüber kann es keine unterschiedlichen Meinungen geben.
Noch mehr Waldwissen
Die häufigsten Arten sind Fichte, Kiefer, Rotbuche, Eiche und Douglasie. Das wäre anders, hätten Menschen nicht vor vielen Jahren die Wälder umgemodelt: Nach dem Zweiten Weltkrieg brauchte man viel Holz und schlug deshalb große Waldflächen kahl. Bis dahin gab es in Deutschland hauptsächlich Laubwälder, vor allem Buchen und Eichen. Nach der Kahlschlag-Zeit pflanzten die Menschen vor allem Fichten, Nadelbäume, neu an. Die wuchsen gut und ließen sich prima verkaufen.
»Der Wald ist wichtig für das Klima und unser Leben, weil er Kohlenstoff bindet und Sauerstoff freisetzt, er ist Lebensraum für viele Pflanzen und Tiere«, sagt Heino Polley. »Er ist Quelle für nachwachsenden Rohstoff: das Holz. Das benötigen wir für vieles, vom Papier bis zum Gartenzaun, von Möbeln bis zu Dachstühlen und fürs Heizen.« Und der Wald hat eine Schutzfunktion. Mit ihren Wurzeln befestigen die Bäume den Boden. Wälder können Hochwasser und Lawinen verhindern und vor Steinschlag schützen. »Außerdem sind Waldgebiete Räume für Erholung, Sport und Freizeit. Der Wald bietet viele Sachen, die wir als Menschen unbedingt brauchen.«
Dieser Artikel erschien in »Dein SPIEGEL« 01/2022.