Sven Plöger im Kinder-Interview »Mich begeistert es, wenn am Himmel richtig was los ist«
DEIN SPIEGEL: Warum werden Wettermoderatoren »Wetterfrösche« genannt?
Plöger: Ich glaube, das kommt vom berühmten Frosch auf der Leiter: Wenn er hochklettert, soll das Wetter gut werden. Und wenn er hinunterklettert, wird es schlecht. Das ist natürlich nur ein Mythos.
DEIN SPIEGEL: Gibt es denn Tiere, die das Wetter vorhersagen können?
Plöger: Nicht direkt. Aber wir Menschen können uns anhand ihres Verhaltens etwas ableiten. Man sagt zum Beispiel, dass das Wetter schlechter wird, wenn die Schwalben tief fliegen. Wisst ihr, warum?
Carl: Weil Insekten bei schlechtem Wetter tiefer in der Luft sind. Und die Schwalben essen die Insekten.
Plöger: Genau! Die Schwalben können kein Wetter vorhersagen, sie haben einfach Hunger. Und ihr Futter, die winzigen Insekten, fliegen bei einer Wetterverschlechterung tiefer, weil es weiter oben zu windig für sie ist. Davon abgesehen haben viele Tiere ausgezeichnete Sinnesorgane. Elefanten können zum Beispiel hören, wenn ein Tsunami kommt, lange bevor wir Menschen ihn sehen. Wenn Elefanten also plötzlich ins Landesinnere flüchten, kann das ein Zeichen sein. Aber letztlich wissen weder Elefanten noch Schwalben, wie das Wetter in den kommenden Wochen wird.
DEIN SPIEGEL: Und woher wissen Wettermoderatoren das?
Plöger: Unter anderem dank Satelliten und großer Computer. Sie errechnen Wetterkarten der Zukunft. Als Meteorologe kann ich darauf erkennen, wohin sich Luftmassen bewegen oder wie sich Temperaturen verändern – und anhand dieser Informationen eine Vorhersage über das Wetter treffen.
Im Zuge des Interview-Termins durften sich Thorben (links) und Carl als Moderatoren versuchen. Die beiden kommen aus Mainz und besuchen die 6. Klasse.
Foto: Gaby Gerster / DEIN SPIEGELDEIN SPIEGEL: Haben Sie eine Lieblingsvorhersage?
Plöger: Wechselnd bewölkt, mit kurzen Aufhellungen bei 12 bis 38 Grad, dazu schwacher bis mäßiger, in Böen starker bis stürmischer Wind aus unterschiedlichen Richtungen. Das ist natürlich eine Witz-Vorhersage, weil da ja einfach alles vorkommt.
DEIN SPIEGEL: Wie oft kommt es vor, dass Sie sich bei Vorhersagen versprechen?
Plöger: Das passiert gelegentlich mal. Neulich habe ich statt Cottbus Kotzbus gesagt. Das war peinlich, aber auch sehr lustig. Versprecher gehören zu meinem Job dazu.
DEIN SPIEGEL: Wollten Sie schon immer Meteorologe werden?
Plöger: Nein, früher wollte ich Pilot werden. Daraus wurde leider nichts, weil ich auf beiden Augen weitsichtig bin. Den Himmel fand ich aber trotzdem spannend. Also studierte ich Meteorologie, um zu lernen, was da oben so vor sich geht.
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DEIN SPIEGEL: Und wie sind Sie zum Fernsehen gekommen?
Plöger: Ich bin da irgendwie reingerutscht. Erst war ich bei einer Firma, für die ich Wetterberichte geschrieben habe. Dann kam ich per Zufall zum Radio. Und weil ich das mit dem Reden ganz gut hinbekommen habe, bin ich beim Fernsehen gelandet.
DEIN SPIEGEL: Was macht einen guten Wettermoderator aus?
Plöger: Er oder sie muss natürlich Ahnung haben sowie freundlich und locker sein. Die Leute merken es, wenn man verkrampft ist. Zudem sollte man nicht bloß erzählen, ob man morgen einen Regenschirm benötigt, sondern auch etwas erklären. Etwa, warum das Gewitter gestern so heftig war oder wieso sich morgen ein Sturm zusammenbraut.
DEIN SPIEGEL: Welches Wetter fasziniert Sie am meisten?
Plöger: Ich finde Tornados extrem beeindruckend. Und schwere Gewitter. Generell begeistert es mich, wenn am Himmel richtig was los ist. Leider richten Unwetter oft schlimme Schäden an.
DEIN SPIEGEL: Haben Sie mal ein schweres Unwetter miterlebt?
Plöger: Ja, den Orkan »Lothar« im Jahr 1999. Meine Frau und ich waren damals mit Freunden in einem Schweizer Holzhaus auf 1100 Meter Höhe. Bei extrem starken, gefährlichen Stürmen sollte man immer den Keller oder den kleinsten Raum aufsuchen, weil das Gebäude dort am stabilsten ist. In dem Holzhaus gab es keinen Keller, also verbrachten wir eine Stunde zu viert im Gäste-WC.
DEIN SPIEGEL: Und dann?
Plöger: Sahen wir durchs Fenster, wie die Bäume draußen einfach abknickten. Und hörten den Wind heulen, als würden 30 Straßenbahnen über den Berg fahren. Das war die größte Naturgewalt, die ich je gespürt habe. Ich bin froh, dass ich als Wettermoderator Menschen vor solchen Unwettern warnen kann.
DEIN SPIEGEL: Kommt es wegen des Klimawandels häufiger zu Unwettern?
Plöger: Ja, und nicht bloß zu Starkregen und Überflutungen, sondern auch zu Trockenheit und Dürren. In den vergangenen Jahren gab es in Europa und auch sonst auf der Welt mehrere extreme Wetterereignisse, bei denen Menschen ums Leben kamen. Etwa die Flut im Ahrtal in Deutschland oder die Überschwemmungen in Ostspanien. In Zukunft wird so etwas leider noch schlimmer werden, weil die Folgen des Klimawandels exponentiell ansteigen.
DEIN SPIEGEL: Was heißt das?
Plöger: Nehmen wir mal das Blatt Papier, auf dem eure Fragen stehen. Das ist ungefähr 0,1 Millimeter dick. Wenn ich es einmal zur Hälfe falte, ist es 0,2 Millimeter dick. Wenn ich es zweimal falte, ist es 0,4 Millimeter dick. Nun schätzt mal, wie dick das Blatt Papier wäre, wenn ich es 42-mal falten könnte.
Thorben: Vielleicht 120 Zentimeter.
Plöger: Weit vorbei. Wenn ich dieses Blatt Papier 42-mal falten könnte, würde es nicht mehr zwischen Erde und Mond passen. Es wäre 439.000 Kilometer dick. Irre, oder? Wenn etwas so rasant wächst, spricht man von einem exponentiellen Anstieg. Wir Menschen können uns das gedanklich kaum vorstellen. Deswegen fällt es uns auch so schwer, die Gefahren des Klimawandels richtig einzuschätzen.
Blitze sehen toll aus, sind aber gefährlich. Wegen des Klimawandels kommt es heutzutage häufiger zu Unwettern.
Foto: Armin Weigel / picture allianceDEIN SPIEGEL: Lässt sich der Klimawandel noch aufhalten?
Plöger: Das wird nicht einfach. Vor zehn Jahren haben sich viele Länder darauf geeinigt, den weltweiten Temperatur-Anstieg auf 1,5 Grad Celsius zu begrenzen. Daraus wurde nichts. Wenn wir so weitermachen wie bisher, erhöht sich die Durchschnittstemperatur bis zum Jahr 2100 sogar um deutlich mehr als 1,5 Grad. Um das zu verhindern, müssten alle Länder und Regierungen noch mehr unternehmen.
Dieses Interview erschien in DEIN SPIEGEL 08/25.
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