Zeppeline für Kinder erklärt: Ein Schiff am Himmel - DER SPIEGEL
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Zeppeline für Kinder erklärt Ein Schiff am Himmel

Über dem Bodensee kreisen ungewöhnliche Luftgefährte, die man fast nirgendwo sonst auf der Welt sieht: Zeppeline. Nur wenige Menschen beherrschen die Kunst, sie zu steuern. Katharine Board gehört dazu.
Von Christine Frischke • • aus DEIN SPIEGEL 11/2024

Wenn Katharine Board, 49, als Pilo­tin im Einsatz ist, zücken die Menschen ihre Smartphones. Denn was sie durch die Luft manö­vriert, kennt man heute kaum noch. Katharine, genannt Kate, ist die einzige Frau europaweit, die Zeppeline fliegt. Sie hat sogar einen eigenen Wikipedia-Eintrag.

Am frühen Morgen steht Kate auf einer Wiese in Friedrichshafen und inspiziert die Unterseite des Luftschiffs. Läuft Öl aus dem Triebwerk? Gibt es irgendwelche Beschädigungen? Im Vergleich zum Zeppelin wirkt Kate winzig. Er ist fast so groß wie ein Airbus A380, das größte Passagierflugzeug der Welt. Doch während im Flugzeug mehr als 500 Fluggäste Platz finden, passen in den Zeppelin gerade mal 14 Mitreisende und zwei Piloten.

Im Wesentlichen besteht ein Zeppelin aus einer gigantischen Hülle, die mit Helium gefüllt ist – dem Gas, das auch Luftballons zum Schweben bringt. Da das Gas leichter als Luft ist, steigt es nach oben. Damit der Zeppelin vor dem Start nicht davonschwebt, ist er mit der Nase an einem langen Mast befestigt. Um später abzuheben, braucht er allerdings zusätzlich Hilfe. Vier Propeller ziehen und drücken ihn nach oben. Auch zum Landen müssen die Propeller arbeiten und den Zeppelin wieder nach unten drücken.

Unter dem Heliumballon hängt eine kleine Gondel mit Kabine und Cockpit. Nach einem letzten prüfenden Blick klettert Kate hinein, um die Motoren zu testen.

Vor 100 Jahren waren Zeppeline als Transportmittel für Menschen und Waren bekannt und beliebt. Sie konnten höher und weiter fliegen als die damaligen Flugzeuge, von Deutschland sogar bis nach Amerika (siehe Kasten). Heute gibt es weltweit nur noch fünf Exemplare: drei in den USA und zwei in Deutschland. Im Hangar in Friedrichshafen wird gerade ein sechstes gebaut.

Als Zeppeline die Lüfte eroberten

Zeppeline sind nach ihrem Erfinder Ferdinand Graf von Zeppelin benannt. Sie werden auch Starr-Luftschiffe genannt, weil sie von einem starren Gerüst getragen werden. Am 2. Juli 1900 hob der erste Zeppelin am Bodensee ab. Die damaligen Luftschiffe waren teilweise mehr als dreimal so lang wie die heutigen. Das größte und bekannteste, die »Hindenburg«, maß 245 Meter. Das entspricht der Länge von etwa 15 Lastwagen mit Anhängern.

Jungfernfahrt des ersten Zeppelins.

Jungfernfahrt des ersten Zeppelins.

Foto: Fotoarchiv für Zeitgeschichte / picture alliance

Die »Hindenburg« brachte Post und Fracht von Deutschland nach Nord- und Südamerika und bot Platz für rund 70 Passagiere. Sie war ein fliegendes Hotel mit Speisesaal, Schlafkabinen, Bar und Lesezimmer. Sogar ein Klavier befand sich an Bord. Der Flug von Frankfurt nach New York dauerte zweieinhalb Tage.

Dann kam es am 6. Mai 1937 zu einem großen Unglück. Beim Anflug auf den Landeplatz in Lakehurst nahe New York fing die »Hindenburg« am Heck Feuer. Warum es ausbrach, ist bis heute nicht ganz geklärt. Die Zeppeline flogen damals mit hochexplosivem Wasserstoff. So breitete sich das Feuer rasend schnell aus. Nur eine halbe Minute später stürzte das Luftschiff zu Boden. 35 Menschen starben.

Damit war die große Zeit der Zeppeline vorbei. Passagiere durften nun nicht mehr mitfliegen. Und wenige Jahre später, mit Beginn des Zweiten Weltkriegs, wurden Zeppelinflüge ganz eingestellt.

Jahrzehntelang gab es keine Zeppeline mehr. Erst in den 1990er-Jahren wurde in Friedrichshafen an einem neuen Modell getüftelt. 1997 startete der erste Zeppelin NT. Die Abkürzung steht für neue Technologie.

Statt mit Wasserstoff sind Zeppeline heute mit Helium gefüllt. Helium ist nicht brennbar. Die deutschen Luftschiffe fliegen nicht mehr über den Ozean, sondern nur noch über den Bodensee.

Bevor Kate am Morgen zum Flugfeld aufgebrochen ist, hat sie sich in ihrem Büro an den Computer gesetzt. Sie ruft die Daten des Deutschen Wetterdienstes ab, überprüft die Windrichtung, die Windstärke und die Regenwahrscheinlichkeit. »Heute sieht alles perfekt aus«, sagt sie. Ein Zeppelin ist ein ziemlich sensibles Gefährt. Er braucht ganz bestimmte Wetterbedingungen, um sicher abheben zu können. Manchmal müssen Flüge kurzfristig abgesagt werden.

Der Zeppelin steht in einer riesigen Garage, dem Hangar. Hier wird er gewartet und repariert. Ein Mastfahrzeug zieht ihn an der Nase nach draußen. Das Helium bleibt übrigens immer in der Hülle – den Zeppelin neu zu befüllen wäre viel zu teuer

Der Zeppelin steht in einer riesigen Garage, dem Hangar. Hier wird er gewartet und repariert. Ein Mastfahrzeug zieht ihn an der Nase nach draußen. Das Helium bleibt übrigens immer in der Hülle – den Zeppelin neu zu befüllen wäre viel zu teuer

Foto: Verena Müller / Dein SPIEGEL

»Wir gehen kein Risiko ein«, sagt Kate. Wenn ein Gewitter oder ein Sturm aufzieht, ändern die Piloten die Flugroute oder landen vorher. Eine wirklich gefährliche Situation mit dem Zeppelin hat sie noch nie erlebt: »Selbst wenn alle Motoren ausfallen würden, könnten wir immer noch wie ein Ballon schweben.«

Kate hörte mit 22 Jahren zum ersten Mal von Luftschiffen und war neugierig. Sie hatte zwar damals schon eine private Fluglizenz. Aber wie man ein Luftschiff steuert, musste sie erst noch lernen. »Ein Flugzeug wird mit viel Technik geflogen, ein Luftschiff mehr mit Gefühl«, sagt sie.

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Foto: Dein SPIEGEL

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Zehn Jahre lang flog sie für eine Firma einen sogenannten Blimp, ein Prall-Luftschiff. Äußerlich ähnelt es einem Zeppelin. Allerdings haben Zeppeline innen ein Gerüst aus Karbon und Aluminium. Das fehlt beim Blimp. Außerdem ist der Name Zeppelin geschützt. Nur die Luftschiffe, die in Friedrichshafen gebaut werden, dürfen so heißen.

Ein Blimp fliegt meist Werbung, die groß auf seine Hülle gedruckt ist. Man kann sie auch vom Boden aus gut lesen. Kate flog Werbebotschaften durch die USA und Europa. Passagiere hatte sie keine an Bord. Das änderte sich, als sie nach weiteren Stationen schließlich bei der Deutschen Zeppelin-Reederei am Bodensee anfing, für die sie heute Rundflüge mit Touristinnen und Touristen macht.

An diesem Tag ist sie für sechs Flüge eingeteilt, vier hat sie gegen Mittag schon hinter sich. Allerdings fliegt sie nicht selbst, sondern sitzt als Fluglehrerin neben dem Piloten. Ihrem Kollegen Jürgen Würtz fehlen noch ein paar Übungsstunden. Kate liebt ihren Job: »Wir haben immer gut gelaunte Passagiere.« Und anders als im Flugzeug ist das Cockpit nicht durch eine Wand von der Kabine getrennt. Die Passagiere können während des Fluges mit den Piloten plaudern.

Jetzt fährt ein Kleinbus mit den nächsten Fluggästen vor. Alle halten eine Kamera oder ihr Smartphone in der Hand. Sie wollen das Erlebnis vom ersten Moment an festhalten. Ein Zeppelinflug ist teuer. Eine halbe Stunde kostet pro Person 320 Euro, zwei Stunden über 1000 Euro. Das können sich nur wenige leisten. Meist sind es ältere Menschen, die schon lange von so einem Flug geträumt haben. Kate erinnert sich an eine Hundertjährige, die aus ihrer Kindheit noch die alten Zeppeline kannte.

So viele Knöpfe, Schalter und Bildschirme: Wer Zeppeline steuern will, muss einen Pilotenschein haben und zusätzlich Flugstunden im Luftschiff nehmen – und viel Theorie pauken.

So viele Knöpfe, Schalter und Bildschirme: Wer Zeppeline steuern will, muss einen Pilotenschein haben und zusätzlich Flugstunden im Luftschiff nehmen – und viel Theorie pauken.

Foto: Verena Müller / Dein SPIEGEL

Die Menge des Heliums in der Hülle ist so berechnet, dass der Zeppelin sein eigenes Gewicht tragen kann, also schwebt. Mit Menschen an Bord wird er schwerer. Deshalb sind in den Seitenwänden der Gondel Fächer für Bleigewichtssäcke eingebaut. Wenn alle Passagiere eingestiegen sind, lädt die Bodencrew einige Säcke aus. So viele, bis der Zeppelin wieder im schwebenden Gleichgewicht ist.

Innen sieht die Gondel aus wie ein normales Flugzeug, nur viel kleiner. Links und rechts vom Gang ist jeweils ein Sitz. Vor dem Start müssen sich alle anschnallen. Dann hebt der Zeppelin ab. Er steigt fast senkrecht in die Luft und hat in wenigen Minuten seine Flughöhe von 300 Metern erreicht.

Aufstehen erlaubt: Die Passagiere dürfen nach dem Start durch die Gondel laufen und Fotos machen. Eine Flugbegleiterin erklärt, was von oben zu sehen ist.

Aufstehen erlaubt: Die Passagiere dürfen nach dem Start durch die Gondel laufen und Fotos machen. Eine Flugbegleiterin erklärt, was von oben zu sehen ist.

Foto: Verena Müller / Dein SPIEGEL

Die Passagiere schnallen sich ab, laufen durch die Gondel und fotografieren aus den Fenstern. Einige davon lassen sich – anders als im Flugzeug – sogar öffnen. Die Welt unten ist zur Spielzeuglandschaft geschrumpft. Mit rund 65 Kilometern pro Stunde gleitet der Zeppelin ruhig wie ein Schiff über dem Ufer des Bodensees entlang. Der Rundflug führt heute zur Stadt Meersburg und zurück.

Kate und Jürgen behalten im Cockpit die Instrumente im Blick. Einige ähneln denen im Flugzeug, andere findet man nur im Zeppelin. Eine Anzeige gibt den Druck des Heliums an. Mit einem Joystick korrigiert der Pilot immer wieder leicht die Flugrichtung. Je nach Flug­route kann Kate manchmal ihre Wohnung von oben sehen. Das freut sie jedes Mal.

Dieser Artikel erschien in »Dein SPIEGEL« 11/2024.

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