Skurriler Städtename: "Dieses Kaff mit dem komischen Namen"
Umgetopfte Kleinstadt Ein Wüstennest namens "Wahrheit oder Pflicht"
Staunen sei meist die Reaktion auf den Namen ihres Wohnorts, erzählt Jessica Meyers. "Wenn ich mit Stromversorgern oder Banken telefoniere, fragen die mich gern mal, ob ich sie veräppeln will." Meyers stammt eigentlich aus North Carolina. Vor einigen Jahren zog die Supermarktkassiererin "in dieses Kaff hier mit dem komischen Namen": Truth or Consequences, auf Deutsch in etwa "Wahrheit oder Pflicht".
Rund 7000 Menschen leben in der Kleinstadt im US-Bundesstaat New Mexico. Truth or Consequences ist sonst eher als ein beliebtes Partyspiel bekannt: Entweder muss man dabei eine ehrliche Antwort auf eine meist intime Frage geben (Wahrheit) oder eine schwierige bis peinliche Herausforderung bestehen (Pflicht). In den USA kennt man das Spiel auch als "Truth or Dare".
"Das ist wirklich ein komischer Name für eine Stadt", findet auch Jim Breuer, der einst mit seinen Eltern aus der New Yorker Bronx herzog und inzwischen ein Fitnessstudio betreibt. Gerade bestellt er in der einzigen McDonalds-Filiale des Ortes ein Menü. "Wir sagen hier alle nur 'T or C'. Ursprünglich hieß die Stadt mal Hot Springs, also heiße Quellen - die gibt es hier wirklich, sie sind super. Letztens habe ich mir beim Motorradfahren die Hand gebrochen, im heißen Wasser ist sie sofort wieder geheilt."
Endlich ein bisschen Ruhm
"Hot Springs, New Mexico, gibt es nicht mehr", verkündete die Zeitung "Gallup Independent" im April 1950. Mit riesiger Mehrheit - 1294 gegen 295 Stimmen - hatten die Bürger für die Umbenennung in Truth or Consequences gestimmt. Millionen Amerikaner waren zu dieser Zeit Fans einer gleichnamigen Radioshow. Die Kandidaten mussten blitzschnell eine Rätselfrage (Wahrheit) beantworten. Blieben sie die Antwort schuldig oder lagen falsch, drohte die "Pflicht" in Form einer Aufgabe wie zum Beispiel eines Hula-Hula-Tanzes.
Moderator Ralph Edwards begrüßte seine Hörer stets mit den Worten "Hallo da draußen! Wir haben schon auf Sie gewartet!". Zum zehnjährigen Jubiläum hatte er eine besondere Idee: Aus der Stadt, die sich nach seiner Show benennen würde, wollte er die erste bundesweite Livesendung von Truth or Consequences ausstrahlen. Und eine große Party feiern.
Skurriler Städtename: "Dieses Kaff mit dem komischen Namen"
Viele Städte waren interessiert, Hot Springs aber machte das Rennen - die örtliche Handelskammer war froh, den Allerweltsnamen loszuwerden. USA-Landkarten kennen unzählige Gemeinden dieses Namens. Der Ort war damals ein beliebtes, aber kleines Heilbad am Rio Grande. Amerikanische Ureinwohner hatten in der Wüstengegend gelebt, im 16. Jahrhundert kamen die Spanier, schließlich Cowboys. Arbeiter bauten den nahegelegenen Elephant-Butte-Damm, den damals größten der USA. Sonst war nicht viel los. Die Umbenennung sollte den Ort weithin bekannt machen.
Auch Ralph Edwards war mit dieser Gemeinde in New Mexico mehr als zufrieden. Zahlreichen erkrankten Kindern hatten die heißen Quellen und das angeschlossene Krankenhaus bei der Genesung geholfen, Edwards selbst engagierte sich für Bedürftige. Mit Frau und Crew flog der Radiomoderator am 1. April 1950 ein. Als Cowboy verkleidet trat er im Sattel eines Schimmels bei den Umbenennungsfeierlichkeiten auf.
Zornige Bürger gründeten Konkurrenzort
Über die Party zur Radioübertragung spricht man im Ort noch heute. Edwards schien Gefallen am Westernleben gefunden zu haben, fortan sollte er bis zu seinem Tod 2005 Jahr für Jahr nach Truth or Consequences reisen, um an den Gedenkfeiern zu Umbenennung teilzunehmen. Nach ihm wurde ein Park benannt.
Dankbar für den neuen Spaßnamen zeigten sich allerdings nicht alle Einwohner von Hot Springs. Ein paar Hundert waren sogar derart unglücklich, dass sie am Rande des Orts einen neuen gründeten: Willamsburg. Das größere Truth or Consequences erntet bis heute viel Spott, die Einwohner diskutieren nach wie vor über den Namen. Mehrere Referenden zur neuerlichen Umbenennung scheiterten jedoch.
Und so bleibt "T or C" - "eine Stadt so einzigartig wie ihr Name", wie sie das Rathaus auf seiner Homepage feiert - als Kuriosum erhalten. "Es lebt sich eigentlich ganz gut hier", sagt Kassiererin Jessica Meyers. "Es sind nur zu viele und zu harte Drogen im Umlauf. Ich musste schon einen festeren Riegel für meine Tür kaufen, weil Junkies bei mir einbrechen wollten."
Die Stadt müsse mehr aus sich machen und den komischen, aber einprägsamen Namen für den Tourismus nutzen, sagt Mark Newman. Er bietet Touren durch die Stadt und zum nahe gelegenen "Spaceport America" an, von dem demnächst Touristen ins All fliegen sollen. "Der Weltraumflughafen wird sicher viel verändern und viele Menschen hierher bringen", so Newman. "Auch die heißen Quellen müssten besser vermarktet werden. Sie enthalten viel Lithium, Sodium und Magnesium, aber keinen Schwefel. Das ist selten, deswegen stinken sie nicht. Und man kann schon für sechs Dollar eine halbe Stunde darin liegen - wo gibt es denn so was noch?"