Henning Venske gratuliert der Münchner Lach- und Schießgesellschaft - DER SPIEGEL
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60 Jahre Lach- und Schießgesellschaft: Hände hoch!

Foto: Georg Göbel/ picture-alliance/ dpa

Lach- und Schießgesellschaft Komm mit ins Wohlstandswampenland

Wirtschaftswunder und Altnazis, Barbiepuppen und Nylonhemden - 1956 regierte in Deutschland der Muff. Die Opposition übernahm die Münchner Lach- und Schießgesellschaft. Eine Zeitreise mit dem Kabarettisten Henning Venske.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

"Denn sie müssen nicht, was sie tun": Mit diesem Programm trat die Münchner Lach- und Schießgesellschaft am 12. Dezember 1956 erstmals auf die Bühne, um fortan satirische Wortsalven auf die noch junge Bunderepublik zu richten. Ihren Anspruch formulierte Gründervater Sammy Drechsel einmal so: "Als wir 1956 anfingen, Kabarett zu machen, da haben wir den Leuten klarmachen müssen, dass die Demokratie die richtige Staatsform ist und was in der Demokratie alles möglich ist."

Gnadenlos nahmen die Kabarettisten um Drechsel und Dieter Hildebrandt den Muff der Adenauer-Ära auseinander. Ob Atomare Bewaffnung der Bundeswehr, Wirtschaftswunder-Fresswelle oder die fehlende Bewältigung der NS-Vergangenheit - Zielscheiben für Spott gab es reichlich. Henning Venske, selbst lange Lach- und Schieß-Mitglied, erinnert an das Jahr, in dem alles begann.

Zur Person
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Henning Venske, Jahrgang 1939, gehört zu den Altmeistern des politischen Kabaretts in Deutschland. Der laut Selbstbeschreibung "gelernte Misanthrop" brach sein Studium der Germanistik, Geschichte und Theaterwissenschaft ab, um sich an der Max-Reinhardt-Schule in Berlin zum Schauspieler ausbilden zu lassen. Von 1985 bis 1993 war Venske als Autor und Kabarettist, später auch als Regisseur bei der "Münchner Lach- und Schießgesellschaft" tätig. Mehr Infos unter: Henning Venske 

1956, das Jahr, in dem sich die Lach- und Schießgesellschaft gründete, fand kurz nach dem Aussterben der Dinosaurier statt. Die Designer hießen damals noch Schaufensterdekorateure, und wenn sie eine Auslage neu gestalteten, klebten sie das ganze Schaufenster mit Packpapier oder alten Zeitungen ab, damit sich vorbeiflanierende Passanten nicht am Anblick nackter Schaufensterpuppen aufgeilen konnten. Dabei war das Wort "aufgeilen" noch gar nicht erfunden.

Es gab 1956 auch noch keine Fotoapparate, mit denen man telefonieren konnte, und keine Telefone, mit denen man fotografieren konnte. Wenn überhaupt, hatten die Leute Festnetz. Man telefonierte mit einem schwarzen, relativ primitiven Apparat aus Bakelit. Der stand meistens auf einem Beistelltischchen im Flur, der Hörer hing an einer Strippe. Davor stand die Familie Schlange. Immerhin: Kaum jemand befürchtete, abgehört zu werden.

Niemand hatte einen Facebook-Account mit mehreren tausend "Freunden", niemand verschickte E-Mails oder wartete auf eine SMS - damals musste man sich, wenn einem der Sinn nach Kommunikation stand, mit seinen zwei bis drei Freunden, wenn's überhaupt so viele waren, persönlich treffen und ein Gespräch führen von Angesicht zu Angesicht - das war ganz schön ätzend. Trotzdem war niemand gestresst: Stress war noch nicht definiert.

Meine Oma trug ein Kopftuch

Auch die Ökologie gab's noch nicht, niemand definierte sich über die Gelbbauchunke oder stellte wegen des Treibhauseffekts ernsthaft seinen Lebensstil in Frage. Von Industrieabwässern und anderen schädlichen Einleitungen hatte man noch nichts gehört, Pollenflug-Triefnasen und andere allergische Reaktionen betrachteten wir als eine seltsame und nur vereinzelt auftretende Charakterschwäche. Unter "Umwelt" verstanden wir das Universum, und niemand trug das Hemd über der Hose.

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Ein Jahr im Daumenkino: Kofferradio, Wehrpflicht, Eigenheim - 1956 in Bildern

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Wir holten Italiener zum Arbeiten ins Land. Unser Lieblingswein war lieblich und hieß Liebfrauenmilch. Meine eigene deutsche Oma trug ein Kopftuch. Das Wort "Abschiebung" gab es nicht im deutschen Wortschatz.

Nach den Hungerjahren in den Vierzigerjahren bewahrheitete sich nun der Satz "Fresser werden nicht geboren, sondern erzogen". Dicke Bäuche und Speckrollen hielten triumphalen Einzug, Fettwanst und Riesenarsch prägten das Straßenbild. Die Fünfzigerjahre waren die Gründerjahre der adipösen Gesellschaft.

Barbiepuppen mit stacheldrahtspitzen Brüsten

Die Bürgerinnen und Bürger saßen unter der Tütenlampe im Cocktailsessel am Nierentisch, streckten ihre Beine aus den Bermudashorts heraus, und die Wohlstandswampe wurde im Nyltesthemd oder der Perlonbluse luftdicht abgeriegelt.

Das Plastikzeitalter entfaltete sich zu voller Blüte: Kindersandalen aus Kunstleder mit Porogummi-Laufsohle, Azella-Gardinen, Kaffeetassen aus Hochdruck-Polyethylen. Leider hat das meiste Zeug in greller Sonne heftig gestunken, leider bekam man vom Sitzen auf einem plastikbezogenen Sessel einen feuchten Klebearsch, aber: Das war modern.

1956 kam der "Backfisch" aus der Mode und wurde durch den Teenager ersetzt. Die blonde Lilly mit dem Pferdeschwanz aus der "Bild"-Zeitung wurde zum Idol und zur Vorstufe von Barbie.

Die Barbiepuppe war ein monströses Schönheitsideal: platinfarbene Haare, als wäre ihre Chemotherapie schiefgegangen, stacheldrahtspitze Brüste, derentwegen die Puppe immer gleich vornüberkippte, eine Bulimie-Taille und dürre Stelzenbeine, wie geschaffen für Osteoporose - jahrzehntelang wollten kleine Mädchen so verwachsen aussehen wie Barbie, und genauso lange haben fortschrittliche Mütter versucht, ihren Töchtern diese Art von Weiblichkeitswahn auszutreiben.

Mein Hüfthalter bringt mich um

Erwachsene Frauen waren 1956 lediglich das vorgeschriebene Füllmaterial für die Produkte der Miederwarenindustrie: Es gab Corseletts, Halb- und Vollmieder, Büsten- und Hüfthalter sowie hochtaillierte Gummischlüpfer mit Rückenverschnürung, verstellbarem Seitenverschluss, doppeltem Hakenband, mit Hakenleistenverschluss, mit Schaumstoffeinlage, Drahtbügelversteifung und Stahleinlage in der Magenpartie. Männer hingegen trugen Anzug mit Hut.

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60 Jahre Lach- und Schießgesellschaft: Hände hoch!

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Die deutsche Hausfrau erhielt das abgezählte Haushaltsgeld von ihrem männlichen Haushaltsvorstand. Frauen, die ihren Führerschein machen wollten, galten als Gefahr für die freiheitlich-demokratische Straßenverkehrsordnung, und Gehirn bei Frauen sah man als genauso überflüssig an wie Brustwarzen bei Männern.

Immerhin - die Anforderungen, die diese biedere deutsche Gesellschaft an sich selbst stellte, waren hoch: Die Marktwirtschaft sollte frei, aber auch sozial sein. Das private Eigentum wurde einerseits vom Grundgesetz geschützt, andererseits sollte es der Gemeinschaft gegenüber verpflichten.

"Maßhalten!", mahnte ausgerechnet ein dicker Zigarrenraucher

Ein junges Mädchen sollte hübsch sein, aber auch wieder nicht so aussehen wie eine, die nicht kochen kann. Jeder sollte zwar das sagen dürfen, was er dachte, und das tun dürfen, wozu er Lust hatte, aber nur dann, wenn er sich dadurch nicht außerhalb der Gemeinschaft der Menschen guten Willens stellte, wenn er nicht gegen den guten Geschmack verstieß und die anständigen Manieren verletzte. Und: wenn er nicht den Boden des Grundgesetzes verließ.

Für Bundeskanzler Konrad Adenauer waren die Ideen des Kapitals und die Ideale der Demokratie identisch, dabei wurde der Dax erst über 30 Jahre später eingeführt.

Adenauers Ende 1956 gebildetes Kabinett - naja, der Ausdruck "gebildet" ist vielleicht etwas hoch gegriffen - beherbergte so großartige Leute wie den dicken Zigarrenraucher Ludwig Erhard, der sich eine "formierte Gesellschaft" wünschte und seine "lieben Landsleute" zum "Maßhalten" aufforderte. Das war eine wirklich lächerliche Forderung von einem, der nicht mal sein eigenes Gewicht kontrollieren konnte.

Geistesriese, Nazi, Sonntagsredner

Dann war da der charmante Geistesriese und spätere Bundespräsident Heinrich Lübke, der als Landwirtschaftsminister verkündete: "Der Tach der Milch ist nicht nur der Tach der Milch, sondern auch ein Tach für uns alle".

Mitregieren durfte als Vertriebenenminister der Nazi Theodor Oberländer, ein Rassist und Antisemit übelster Sorte. Dann der Verkehrsminister Hans-Christoph Seebohm: Man musste nur den Namen nennen, schon lachte der ganze Saal. Seebohm war der ultrareaktionäre Sprecher der Sudetendeutschen Landsmannschaft, ein Sonntagsredner mit der Intelligenz eines Badeschwamms.

Am Kabinettstisch saß als Verteidigungsminister auch der juvenile Randlagenzombie Franz Josef Strauß, der es trotz seines Ehrgeizes letztlich doch nur zum bayerischen Ministerpräsident brachte.

Antibabypille noch ein Wunschtraum

Zentrale Erscheinung dieser Adenauer-Zeit war jedoch der sittenstrenge Familienminister Franz-Josef Wuermeling, der sein Ministerium bei Amtsantritt zur Abwehrinstanz gegen die Gleichberechtigung der Frau erklärte. Wuermeling war so katholisch, für den war die Inquisition eine linksradikale Bürgerrechtsbewegung.

Mit der Freundin unverheiratet in ein Hotelzimmer - da sei Wuermeling vor! In dieser Zeit war die Antibabypille noch ein Wunschtraum, und einsamer Höhepunkt sexueller Entfaltung war die Selbstbestäubung im Herrgottswinkel.

Kein Wunder, dass in dieser Atmosphäre Nazis sehr wohl, Kommunisten aber nicht geduldet wurden. Nach dem Verbot der KPD 1956 war Westdeutschland der einzige europäische Staat außer dem faschistischen Spanien, in dem Kommunisten zehn Jahre nach ihrer Befreiung aus den KZs erneut für ihre politischen Ansichten gejagt und eingekerkert wurden.

"Gehnse doch rüber"

In Westdeutschland, einem Land ohne Moscheen, ohne Nachbarn mit Namen Boateng, ohne Buddhisten und sogar ohne Bikini, regierte Bundeskanzler Konrad Adenauer ein durch und durch provinziell-konservatives und grausam spießig-langweiliges Land.

Ihm und seiner Gefolgschaft ging es um den Gleichschritt der Gesellschaft. Wer da nicht mitmarschieren wollte, dem wurde ein hämisches "Gehnse doch rüber" empfohlen, mit "drüben" war Walter Ulbrichts Arbeiter- und Bauern-Reservat gemeint. Und so entstand, als Höhepunkt der Evolution, der westdeutsche Mittelstandsdynamiker, der in aller Welt beliebte Bundesbürger mit seiner Bundesbürgerin.

Einziger Lichtblick: Die Opposition im Land übernahm ab 1956 die Münchner Lach- und Schießgesellschaft. Hätten Samy und Dieter sie nicht gegründet: Es hätte notgedrungen jemand anderes tun müssen.

Der Text ist die überarbeitete Version einer Rede, die Henning Venske bei der Geburtstagsgala der Lach- und Schießgesellschaft  am 27. Juni 2016 in den Münchner Kammerspielen hielt.