In seiner Brust schlagen zwei Herzen. Als Sohn türkischer Gastarbeiter wurde Kazim Abaci erst von seinen Eltern verlassen, später folgte er ihnen nach Deutschland. Zwei Kulturen in sich zu vereinen, bringt Probleme mit sich. Nicht nur für Abaci. Lange wusste er nicht, wo er hingehört.
Kazim Abaci, Sohn von Gastarbeitern
»Ich bin jemand, der gerne in Deutschland lebt. Ich identifiziere mich mit den Werten dieser Gesellschaft und insofern: Ich bin ein Deutscher, ja. Aber ein Deutscher mit anderen Wurzeln.«
Kazim Abaci ist diplomierter Volkswirt und Sozialökonom. In der Hamburger Sternschanze ist er bekannt und beliebt, die türkische Gemeinde schätzt ihn, weil er Migranten unterstützt, die in Deutschland Fuß fassen wollen. Noch immer prägt das Anwerbeabkommen von 1961 mit der Türkei die deutsche Gesellschaft.
Kazim Abaci, Sohn von Gastarbeitern
»Auch meine Eltern kamen damals mit der Idee: Wir arbeiten ein paar Jahre und gehen wieder zurück. Und auch der deutsche Staat ist davon ausgegangen, wir holen die Menschen, sie sollten das Land ein bisschen aufbauen und dann wieder gehen. Das war eine Lebenslüge von beiden Seiten. Was ist daraus geworden: Jetzt haben wir die dritte, vierte Generation hier.«
Gekommen, und unverhofft geblieben – ein Schicksal, dass Abacis Familie mit vielen anderen Gastarbeiterfamilien teilt. Seit dem Jahr 2000 unterstützt Kazim Abaci mit seinem Verein »Unternehmer ohne Grenzen« Existenzgründerinnen und -gründer mit Migrationshintergrund, sich beispielsweise im deutschen Behördendschungel zurechtzufinden.
Turan Korak, Gastronom
»Wir haben unsere Familien hier gegründet, geheiratet, Kinder bekommen. Meine Tochter - wir arbeiten zusammen im Familienbetrieb, wir fühlen uns wohl. Es gibt natürlich immer mal wieder Probleme, aber die versuchen wir mit Herrn Abaci zu überwinden.«
Es war eine pragmatische Vereinbarung zwischen Deutschland und der Türkei, die regelte, wie Arbeitskräfte reguliert ins Land kamen. Ursprünglich sollten sie nur 2 Jahre bleiben. Doch viele wurden immer länger gebraucht. Allein in den ersten zehn Jahren verließen 650.000 Türken ihre Heimat. So auch Kazim Abacis Eltern. Ohne ihn und seine drei Geschwister gingen sie nach Deutschland – eine Entscheidung, für die die Familie einen hohen Preis zahlt.
Kazim Abaci, Sohn von Gastarbeitern
»Die kamen ja 1969 nach Hamburg, damals war ich fünf Jahre alt. Zehn Jahre habe ich bei meinen Großeltern gelebt. Hier sind wir vier Geschwister mit meiner Oma, meine Eltern kamen alle zwei Jahre mit dem Auto. Ganz ehrlich gesagt, ich habe meine Eltern nicht richtig kennengelernt. Ich habe versucht, sie kennenzulernen als ich nach Hamburg kam, weil sie nur alle zwei, drei Jahre für zwei Wochen in die Türkei gekommen sind. So richtiges Familienleben haben wir leider nicht führen können.«
»Da sind meine Eltern drauf. Mein Vater, meine Mutter mit meinem jüngeren Bruder.«
Die Eltern von Kazim Abaci arbeiteten in einer Hamburger Asbestfabrik. Beide erkrankten später an Krebs. Kazims Mutter starb früh mit 55 Jahren, sein Vater mit 74 Jahren.
Kazim Abaci, Sohn von Gastarbeitern
»Als Kind werden sie zurückgelassen, verlassen. Dann kommen sie hierher, ihre Eltern werden krank. Ihre Mutter stirbt. Dann müssen Sie sich durchboxen, um weiterzukommen. Insofern war das ein sehr teurer Aufstieg und das hinterlässt starke Spuren. Dieses Schicksal ist nicht nur mein Schicksal, ich kenne viele Menschen mit ähnlichem Schicksal.«
Die Gastarbeiterinnen und Gastarbeiter nahmen die Arbeitsplätze ein, die für Deutsche nicht attraktiv waren: unqualifizierte und zum Teil gefährliche Industriearbeit. Das ist heute längst nicht mehr so. Dennoch: Abaci und sein Team sehen jeden Tag, welche Probleme türkische Unternehmerinnen und Unternehmer in Deutschland haben. Oft ist bereits der Name eine Hürde bei der Unternehmensgründung.
Kazim Abaci, Sohn von Gastarbeitern
»Ich hätte gerne mit Erkan gesprochen.«
»Die haben es etwas schwerer als diejenigen, die vielleicht Thomas oder Sabine heißen. Ich wünsche mir für die Zukunft, dass alle Behörden und Kammern so inklusiv sind, dass es egal ist, woher man kommt, wie man aussieht, sondern was will dieser Mensch?«
Damit das Realität wird, fährt Kazim Abaci zum Hamburger Rathaus. Seit 2011 sitzt der 56-Jährige für die SPD in der Bürgerschaft und ist Fachsprecher für Integration – vom Gastarbeiterkind zum Abgeordneten.
Kazim Abaci, Sohn von Gastarbeitern
»Ich bin ein Stück stolz darauf, dass ich meinen Beitrag dazu leisten kann, auch in der Politik, das Leben für andere Menschen ein Stück besser zu machen. Gerade aufgrund meiner Biografie ist es nicht selbstverständlich, dass man in einem deutschen Parlament sitzt. Aber es zeigt auch, dass sich die deutsche Gesellschaft verändert hat.«
Doch auch 60 Jahre nachdem die ersten Gastarbeiter aus der Türkei nach Deutschland kamen, hat in den deutschen Parlamenten lediglich jeder zehnte Abgeordnete eine Zuwanderungsgeschichte. Kazim Abaci tut alles, damit sich das ändert.