Leben als Co-Abhängige Meine Eltern betranken sich regelmäßig, später heiratete ich einen Alkoholiker
Bei diesem Text handelt es sich um einen bearbeiteten Auszug aus dem Buch »Säuferkind: Mein Leben als Co-Abhängige und wie ich trotzdem glücklich wurde« (Ullstein, 272 Seiten, 14,99 Euro). Cornelia Hoppe, geboren 1968, wuchs in einer Alkoholikerfamilie auf. Sie heißt eigentlich anders, ist zweifache Mutter und lebt heute ein freies, selbstbestimmtes Leben. Das Buch hat sie gemeinsam mit dem Journalisten und Sachbuchautor Wigbert Löer, geboren 1972, geschrieben.
Mein Bruder Thomas sagt heute, er sei auf St. Pauli schnell selbstständig geworden. Im Winter musste er die schweren Briketts zum Heizen holen, beim Kohlenhöker in der Talstraße. Sich die Säcke liefern zu lassen, kostete extra, und man musste die Kohle ja ohnehin noch vom Keller in den vierten Stock hochtragen. Vom Kohlenschleppen abgesehen, hatte Thomas tatsächlich eine gewisse Freiheit. Zumindest konnte er raus aus der Wohnung, wann immer er wollte. Anfangs spielte er viel auf einer großen Straßenbaustelle am Ende des Hamburger Bergs. Später, in den Siebzigerjahren, zog er auch in die andere Richtung los, auf die Reeperbahn und zum Hans-Albers-Platz.
Thomas wurde schnell zum Raviolikind. Die Dosen mit den Teigtaschen in Tomatensoße waren billig, leicht zu öffnen und schnell zu erwärmen. Er ernährte sich mittags jahrelang vor allem davon.
Ich selbst bekam meine Mittagsmahlzeit bis zur Einschulung im Kindergarten. Hunger hatte ich also nicht, wenn meine Mutter mich irgendwann im Laufe des Nachmittags abholte, in der Regel zu einem Zeitpunkt, an dem alle anderen Kinder schon zu Hause waren. Für uns ging es dann allerdings oft nicht zurück in die Wohnung.
Dreimal im Jahr wird auf dem Heiligengeistfeld am Ende der Reeperbahn für einige Wochen der Hamburger Dom aufgebaut, eine große Kirmes mit Fahrgeschäften, Schießbuden und Imbissständen. Der Dom lag genau zwischen dem Kindergarten und unserem Zuhause. Wenn dieses Fest stattfand, konnte es passieren, dass meine Mutter auf den Bus verzichtete und zu Fuß mit mir über den riesigen Rummelplatz schlenderte. Sie kaufte mir dann Schmalzgebäck mit viel Puderzucker. Domtage waren die schöneren Tage.
Meine Eltern
An den meisten Nachmittagen nahm meine Mutter mich nach dem Kindergarten allerdings mit in eine der Kneipen, die sie auf St. Pauli regelmäßig aufsuchte. Mein Vater kam oft dazu. In den Gaststätten, das war das einzig Gute daran, hatten wir es im Winter deutlich wärmer als zu Hause. Eine dieser Kneipen lag nur ein paar Häuser weiter. Heute heißt sie Sorgenbrecher, an den damaligen Namen erinnere ich mich nicht. Ein größerer Tresen mit Barhockern stand darin, die am Nachmittag meist schon besetzt waren.