Laufen: Aua! Wie meine Plantarfaszie meinen YouTube-Algorithmus zerschossen ha – Newsletter »SPIEGEL läuft« - DER SPIEGEL
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Sven Christian

meinung •Newsletter »SPIEGEL läuft« Aua! Wie meine Plantarfaszie meinen YouTube-Algorithmus zerschossen hat

Wie es anfing, weiß ich nicht mehr genau. Aber seit mehr als einem Jahr begleitet mich eine teils sehr schmerzhafte Plantarfasziitis. Jetzt bin ich sie (fast) wieder los.
Eigenmassage bei Fußschmerzen
Eigenmassage bei Fußschmerzen

Eigenmassage bei Fußschmerzen

Foto: Andreas Lindlahr +491734558080 / E+ / Getty Images

Etwas spannt unter der Fußsohle. Beim Laufen. Alarm!

Der geneigte Läufer horcht ja extrem auf, wenn es irgendwo zieht, zuckt oder drückt. Panische Gedankenspiralen rotieren und verknoten sich gern innerhalb kürzester Zeit in Worst-Case-Szenarien. Ein langer Lauf bietet extrem viel Zeit und Raum, sich intensiv damit zu beschäftigen.

Ich bin bekennender Laufjunkie. Wie es anfing, beschreibe ich hier. Eine Verletzung bedeutet Trainingsstopp. Kalter Entzug. Unwohlsein, verzweifelte Übersprungshandlungen, unausstehlich werden. Nicht schön. Weder für mich noch für mein sehr geschätztes Umfeld.

Um Verletzungen und deren Folgen geht es in dieser neuen Ausgabe unseres Newsletters von »SPIEGEL läuft«. Hier können Sie ihn abonnieren.

»Ist es gleich wieder weg. Bestimmt« rede ich mir noch während des Laufes ein. »Entspann dich.« »Dumdidum …«.

»Shit, es ist immer noch da.« Es beginnt ein Selbst-Diagnose-Programm. »Was könnte es sein? Ist es...?« Noch während des Gedankens nehme ich mir vor, nicht zu googeln. »Don’t! Da stehen nur Worst-Worst-Case-Fälle drin. Das macht es nur schlimmer.« Noch vor dem Duschen nach dem Lauf google ich. Selbstdiagnose via Internet: Wann Sie sich bedenkenlos an Dr. Google wenden können .

Plantarfasziitis könnte es sein. Die Symptome sind recht eindeutig zu identifizieren: Schmerzen unter der Fußsohle. Besonders heftig morgens direkt nach dem Aufstehen.

Die Beschwerden sind derart eigenartig, dass sofort klar ist, womit ich es hier zu tun hatte. Beim Laufen selbst schmerzt nur das Loslaufen. Die erste Minute. Dann taucht ab und zu ein Ziehen an der Fußkante auf, geht aber in der Regel wieder weg. Etwa drei bis vier Stunden nach dem Lauf schmerzt das Auftreten auf der Ferse. Am nächsten Morgen kann ich kaum Auftreten. Erst nach ein paar Schritten lässt der Schmerz nach und verschwindet dann auch ganz. Bis zum nächsten Lauf oder Morgen.

Die Plantarfaszie ist die Sehne unter dem Fuß. Sie verbindet die Zehen mit dem Hackenknochen. Entzündet sie sich durch Überbelastung, kann es sogar zu einem Fersensporn kommen: Die Sehne verknöchert. Ach, du Scheiße.

Und da sind sie auch schon. Die Horrorgeschichten im Netz: »Sechs Monate außer Gefecht«, »nach einem Jahr nicht losgeworden«, »Ich fahre nur noch Rad«, »Ging nie mehr weg.« Der Läufer-Super-GAU.

Als ich kurze Zeit später eine Läufer-Doku bei YouTube anschaute, ploppen schon die ersten Physiovideos in den Empfehlungen auf: »Wie ich meine Plantarfasziitis wieder loswurde.« »Das musst du machen, wenn du Plantarfasziitis hast.« »Das darfst du bei einer Plantarfasziitis auf keinen Fall machen.« In dem letztgenannten Video kommen natürlich genau die Übungen vor, die im Vorherigen als DAS Allheilmittel angepriesenen wurden.

Sicherheitshalber habe ich alles ausprobiert. Fuß auf Ball ausrollen, Zehen dehnen, Wadendehnen, zehn-zehig Klavierspielen, Wadenheber auf Treppenstufen, mit Gewichten ohne Gewichte, bis hin zu Löffelmassagen – mal flach, mal mit der Löffelkante. Was nicht alles gegen die Plantarfasziitis helfen soll. Es gibt Tausende Videos mit Abermillionen Aufrufen. Wahnsinn.

Natürlich habe ich mich nicht auf die Tipps aus dem Netz und YouTube-Videos verlassen. Ich bin zum Orthopäden gegangen. Einer, der mir zuvor schon sehr geholfen hatte. Schon bei der Achillessehnenentzündung, Runners-Knee, Patellasehne … ach lassen wir das. Der startete sein übliches Programm: MRT, Stoßwelle, Physioanwendungen und -Training. Seine Wunderspritze, erklärt er mir, funktioniert in der Hacke nicht und es sei zudem sehr schmerzhaft dort eine Injektion zubekommen. Beim Letzteren hatte er recht. Später haben wir auch das ausprobiert. Das mache ich nicht noch mal.

Die sehr freundlichen pakistanischen Physiotherapeutinnen zeigten mir Übungen, die mir in YouTube-Videos einerseits angepriesen wurden, oder vor denen ich ausdrücklich gewarnt wurde. Die beste Nachricht meines Orthopäden möchte ich nicht verschweigen. Anders als viele anderen Quellen sagt er, »du kannst weiter trainieren, du kannst nichts kaputt machen.« Musik in meinen Ohren. Was sage ich: Sinfonien!

Was ich seitdem mache: gezielt dehnen und stärken. Der Trainer meiner Laufgruppe bietet das an. Wöchentlich mit anderen zusammen. Das sind Übungen, die ich allein nie machen würde, auch nicht mit YouTube-Vorturner:innen.

Alle sagen es. Es muss wohl stimmen: gezieltes Stärken und Dehnen der Muskulatur verhindert Verletzungen.

Mein Kollege Jörg Blech hatte schon vor meiner Laufrenaissance mein Leben ein kleines bisschen verändert. Seit seinem Artikel über Rückenbeschwerden  meide ich Fahrstuhl und Rolltreppen konsequent. Seine These hat bei mir funktioniert. Durch das Treppensteigen ist mein unterer Rücken bis auf eine Ausnahme (Hexenschuss) durchgehend beschwerdefrei. Seit Jahren! Danke Jörg an dieser Stelle. Hast du auch einen Tipp gegen Plantarfasziitis?

Zurück zum Thema: Ich habe fast alles probiert. Arzt, Masseur, Physio. Eine Zeit lang ernährte ich mich sogar vegan statt sonst vegetarisch. Nichts half. Ich griff sogar zum Äußersten: einer Laufpause.

Auch das sorgte keineswegs für Linderung. Drei Dinge haben mir dann schließlich doch geholfen.

Erstens: Stärken und Dehnen.

Zweitens: Ich habe mich mit der Verletzung abgefunden. Dann ist es halt so. Ich kann ja weiter laufen, arbeiten, Spaß haben. Ab und zu mit Schmerzen leben. Das ist auch Training fürs Altern.

Und drittens: ich bin dann doch mal schwach geworden und habe auf eins der YouTube-Videos über Plantarfasziitis geklickt. Darin erinnerte mich einer der vielen Bobs und Steves an eine Behandlungsmethode, die ich wohl schon wahrgenommen aber nicht ernst genommen hatte: Kühlen. Den Fuß nach dem Laufen auf ein Coolpack legen.

Seitdem sind die Schmerzen nicht gänzlich verschwunden aber erträglicher. Vor allem kann ich fast uneingeschränkt wieder laufen. Und mein YouTube-Algorithmus wird sich hoffentlich auch wieder beruhigen.

Wie gehen Sie mit Verletzungen um? Schreiben Sie mir. Ich freue mich über jede Zuschrift.

Ich wünsche Ihnen Gesundheit.

Auf bald,
Sven Christian

Wenn Sie meinen Läufen folgen möchten: Sven Christian @ strava .


P.S. Hier sind einige Zuschriften, die mich nach meinem ersten Newsletter erreicht haben:

  • »Den Anfang habe ich in einem Laufkurs (von 0 auf 21 km) in Vorbereitung auf den 2. Altenburger Skatstadtmarathon gemacht. Es war beeindruckend, wie ich von Woche zu Woche besser wurde. »Offenbarungen« wurden mir zuteil. Zum Beispiel, dass es gar nicht nötig ist schnell zu laufen, sondern einfach so langsam und angenehm, dass der Atem weiter fließt. War das cool. Es tat nicht mehr weh. Seitenstechen einfach weg. Warum hatte mein Sportlehrer uns so was nicht beigebracht?« von Chris

  • »Angefangen mit 16, erster Marathon mit 22 (na ja…ich brauchte mehr Zeit). Aber seitdem »addicted to run«. Jetzt mit 57 nach fast 30 Marathons davon 7 im Hochgebirge (Jungfrau und Zermatt) bin ich jetzt auf der Suche nach neuen Herausforderungen beim Kickboxen gelandet. Wider Erwarten ist dieser Sport sehr gut für alte Säcke wie mich geeignet! Konditionell stecke ich die 30jährigen noch locker in die Tasche. Laufen tue ich aber immer noch … einmal addicted … immer addicted.« von Thomas

  • »Ich laufe nicht auf Zeit, führe kein Buch, habe keine Fitnesswatch. Ich laufe gemächlich oder schnell oder lege Steigerungen ein, aber verfolge keinen Plan dabei. Ich höre keine Musik während des Laufens. Ich mag die Natur und die Laufstrecke wird nie langweilig. Kurz vor Schluss steige ich barfuß bis zu den Knien in die Wertach hier in Augsburg. Warum? Eher würde ich fragen: Warum sollte ich nicht laufen?« von Gisela

Vielen Dank an alle, die geschrieben haben.