Laufen: Die Laufuhr hat aus mir einen Veganer gemacht - Newsletter »SPIEGEL läuft« - DER SPIEGEL
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Sven Christian

meinung •Newsletter »SPIEGEL läuft« Wie die Laufuhr meine Ernährung umgestellt hat

Pessimisten wissen es schon: Die Maschinen werden uns beherrschen. Bei mir ist es bereits so weit, meine Laufuhr hat mich zum Fast-Veganer gemacht. Das hat erstaunliche Auswirkungen auf meine Fitnessdaten.
Es gibt ein Leben ohne Käse, auch wenn es schwerfällt
Es gibt ein Leben ohne Käse, auch wenn es schwerfällt

Es gibt ein Leben ohne Käse, auch wenn es schwerfällt

Foto: IMAGO/LMykola / IMAGO/YAY Images

Kennen Sie den schon? Woran erkennt man einen Veganer oder eine Veganerin? Sie sagen es dir. Sofort.

Ok. Das wäre erledigt. Seit etwa einem halben Jahr vermeide ich jegliche durch tierisches Mittun erzeugte Nahrungsmittel. Kein Fleisch, kein Fisch, keine Eier, kein Käse, keine Milchprodukte. Das ist manchmal nicht so einfach.

Ich mache das nicht dogmatisch, forsche nicht bei jedem Einkauf oder jeder Bestellung, ob da nicht doch ein mikroskopischer Anteil von irgendwas drin ist, der gegen die Regel verstößt. Ich esse auch Honig. Also bin ich nicht ganz vegan im Sinne der zum Teil doch sehr heißköpfigen Verfechter der reinen Lehre, also kein echter Veganer. Aber ich vermeide, so gut es geht, tierische Eiweiße.

Und warum schreibe ich das? Sie ahnen es. Ich mache das, weil ich mir davon verspreche, schneller, leichter, schöner und länger laufen zu können. Darum geht es in unserer neuen Folge des Lauf-Newsletters.

Wie ich darauf komme? Meine Laufuhr. Es ist mir etwas peinlich, aber meine Uhr hat großen Einfluss auf meine Laune und sogar auf mein Tun. Zumindest in der Freizeit.

Digitaler Diktator

Jeden Morgen wünscht sie mir einen »Guten Morgen, Sven!«. Man beachte das autoritäre Ausrufezeichen. Sie sagt mir, wie hoch meine Trainingsbereitschaft ist (0-100). Alles über 80 ist toll.

Die Uhr berichtet Schlaflänge und -qualität, das Maß an Erholungsbedarf (Recovery) nach Übungseinheiten, schlägt mir das Training für den Tag vor und wünscht mir einen schönen solchen.

Diese Berechnung der Trainingsbereitschaft setzt sich aus vielen Faktoren zusammen. Unter anderem ist ein (offenbar recht relevanter) Fitnessindikator die HRV. Herzratenvariabilität. What?

»Als Herzratenvariabilität (engl. heart rate variability, HRV) wird die Variation der Zeiten zwischen aufeinanderfolgenden regulären Herzschlägen bezeichnet«, schreibt Wikipedia. Und weiter: »Die Herzfrequenzvariabilität ist ein Indikator für die Fähigkeit, die Herzfrequenz den körperlichen und mentalen Anforderungen anzupassen.«

Ah. Es wird die Zeit zwischen den Herzschlägen gemessen. Und in einem gewissen Rahmen sollen die variieren. Heißt: je höher der Wert, desto fitter der Sven. Der Wert ist sehr individuell, wie wir hier beim SPIEGEL unter Kollegen festgestellt haben.

Die Idee des Werts ist laut Wikipedia nicht ganz neu:

»Bereits im 3. Jahrhundert nach Christus erkannte der chinesische Arzt Wang Shu-he (auch Wang Shu-ho oder Wang Hsi), dass ein variabler Herzschlag ein Zeichen für Gesundheit ist.«

Mein HRV war vergangenen Herbst nicht gut. Eigentlich noch nie, seitdem ich die Uhr habe.

Der Versuch

Dann hatte ich den nicht ganz unumstritten Film »The Game Changers « gesehen und war erstaunt, wie stark Ernährung uns und die Umwelt beeinflusst. Die Doku »You Are What You Eat « über die Erkenntnisse der Zwillingsforschung hat nicht nur hervorragend unterhalten, sondern mich weiter erwägen lassen, wie es wäre, wenn ich Veganer wäre.

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Außerdem bombardiert mich mein Instagram-Feed mit lecker aussehenden und schnell und einfach zuzubereitenden veganen Gerichten. Und so ging es los.

Ich vermisse Eier, Käse, Joghurt. Es brauchte eine Weile zu begreifen, dass die Substitute in der Regel an die Originale nicht heranreichen. Ein veganer Käse ist halt kein Käse. Punkt. Ich entdecke jetzt andere leckere Dinge.

Aber jetzt zum Ergebnis: Mir geht es merkbar anders. Ich habe etwas abgenommen, obwohl ich nicht weniger esse als vorher. Ich meine, ich habe mehr Energie.

Und: Mein HVR ist schlagartig in den grünen Bereich meiner Laufuhr gerutscht: bei 55 bis 60 Millisekunden statt vor der Umstellung 40. Wow. Dauerhaft. Die Trainingsbereitschaft ist nun um 20 Prozent besser. PB (persönliche Bestzeit), zieh dich warm an.

Probe aufs Exempel

Da ich dem vermeintlichen Erfolg nicht trauen wollte, nutzte ich eine Reise nach Frankreich (Le pays du fromage – Land des Käses), um einen Gegencheck zu machen. Dort habe ich mir absichtlich eine gefühlte mittelschwere Käsevergiftung zugezogen. Jeden Tag Käse, viel Käse, Quark und Joghurt. Köstlich.

Und tatsächlich: Wirklich vom ersten Tag der Käseparty an rauschte meine HRV wieder in den Keller. Zeitweise unter 40.

Die Woche drauf wieder auf vegane, tiereiweiß-arme Kost umgestellt und siehe da: Die HRV dreht in den grünen Bereich.

Fazit

Mir geht es gut damit, der Umwelt geht es gut damit. Ich habe nicht den Eindruck, mich sonderlich einzuschränken.

Was sind die Auswirkungen auf mein Laufen? Der erhoffte Boost in allen Bereichen hat sich leider noch nicht eingestellt. Schneller, schöner und länger laufen geht wohl doch eher über Training denn Ernährung. Aber: Ich habe seitdem keine Verletzungen mehr. Davor hatte ich davon leider reichlich. »Wie meine Plantarfaszie meinen YouTube-Algorithmus zerschossen hat.«

Ich denke, ich sollte manchmal eher weniger auf meine autoritäre Uhr hören, das fällt mir aber schwerer, als tierische Eiweiße zu meiden. Wie geht es Ihnen? Was opfern Sie, um glücklicher zu laufen? Schreiben Sie mir . Ich freue mich sehr über Post von Läufer:innen.

Ich wünsche Ihnen weiterhin guten Appetit und viele schöne Läufe!
Herzlichst, Sven Christian
Wie ich laufe? Folgen Sie mir bei Strava .

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