Newsletter »SPIEGEL läuft« So schön kann Laufen sein – das waren unsere Highlights 2023
Ein Eisbad und Laufen – wie passt das zusammen? Hilmar Schmundt erklärt es
Foto: PrivatHeute ist der 23. Dezember, Weihnachten steht vor der Tür und vielleicht fehlt Ihnen noch ein letztes Geschenk. In der Welt des Laufens gibt es allerlei Gadgets. Aber mal ehrlich, was benötigt man davon wirklich?
In dieser letzten Ausgabe des Newsletters 2023 hat das »SPIEGEL läuft«-Team seine schönsten Laufmomente des Jahres gesammelt. Vielleicht ist ja etwas dabei, das Sie zu einem Last-Minute-Weihnachtsgeschenk inspiriert? Etwa ein Startplatz bei einem kuriosen Rennen, wie es unser Autor Sven Christian erlebt hat? Oder ein Gutschein für ein Eisbad?
Losgelöst von allem, frei
Von Susanne Amann , Ressort Investigation
Ende Oktober haben wir uns mit alten Studienfreunden in der Uckermark getroffen. In einem wirklich kleinen Ort. Eine Ansammlung von vielleicht zwanzig Häusern, mitten im Nichts. Bis zur nächsten geteerten Straße waren es wahrscheinlich vier, fünf Kilometer, egal in welche Richtung man sich bewegte.
»Ich habe meine Laufsachen dabei«, sagte eine Freundin. »Wollen wir?« Sie habe in Erinnerung, dass es da irgendwo diesen See gebe, zu dem man laufen könne. Also sind wir los. Ohne GPS-Empfang (wir waren wirklich mitten im Nichts), einfach immer den einen Weg entlang, mitten durch den bunten Laubwald. Nur wir beide, keine Kinder, keine Männer. Nur Natur.
Angekommen im Nichts, in der Schönheit der Natur
Foto: Susanne AmannWir sind gelaufen, haben gequatscht, haben uns erzählt, wie das Jahr war, wie es uns geht, welche Themen uns gerade beschäftigen. Und um uns herum Ruhe. Und Herbst.
Irgendwann nach vier oder fünf Kilometern standen wir wirklich an dem See. Wir haben aufs Wasser geschaut, friedliche Stille. Irgendwann mussten wir uns losreißen, sind umgekehrt, weil es schon langsam dämmerte. Es fing an zu regnen. Aber wir sind geflogen und waren fast enttäuscht, als im Halbdunkel die Häuser wieder auftauchten. Wir hätten noch stundenlang weiterlaufen können. Es fühlte sich einfach nur gut an, losgelöst von allem, frei.
Das Jahr war nicht abschließend besprochen. Das haben wir dann abends beim Essen und Wein fortgeführt. War anders. Aber auch gut.
Platz eins!
Von Sven Christian , Videoredakteur
2023 war ein tolles Laufjahr für mich: Ich habe im Oktober am Chicago-Marathon teilgenommen, damit nun alle sechs Major-Marathons (London, Berlin, Boston, New York, Tokio und eben Chicago) absolviert und so etwas wie den Grand Slam für Hobbyläuferinnen und Hobbyläufer geschafft.
Am meisten gefreut habe ich mich aber über ein Rennen, das ich gewonnen habe. Das Erste jemals. Dass mir das mit 55 Jahren noch einmal gelingen würde! Es war ein kleines Rennen: der Lausitzer Seenland 100 Bike & Run Marathon mit 38 Teilnehmern und Teilnehmerinnen.
Sven Christian (rechts) mit seinem Goldlaufpartner Jens
Foto: Privat»Bike and Run«, ein lustiges Format. Eine(r) fährt Fahrrad, eine(r) läuft, so schnell es geht, man wechselt sich ständig ab. Mein Laufpartner Jens und ich haben etwa alle 400 Meter gewechselt. So kommt man auf etwa 90 Sekunden volle Belastung gefolgt von 90 Sekunden Ausruhen auf dem Fahrrad. 42,195 Kilometer, die man in schnellen Intervallen zurücklegt. Allerbestes Tempotraining. Wir haben knapp 2 Stunden 50 Minuten gebraucht – eine Marathon-Laufzeit, die ich allein, ich mag nicht für Jens sprechen, nie erreichen werde.
Also standen wir tatsächlich ganz oben auf dem Stockerl – stolz mit Blechmedaille und Plastepokal. Starkes Bild für mich und mein Läufertagebuch.
Offenlegung: Wir waren nur die schnellsten Männer. Ein Mixed-Team aus Frau und Mann war noch schneller – herzlichen Glückwunsch!
Kipchoge sehen und stauen
Von Jan Göbel , Sportredakteur
Ende September Berlin-Marathon, danach Urlaub, abschalten: Diese Routine hatte ich in den vergangenen Jahren entwickelt. Aber warum nicht einfach mal andere anfeuern? 2023 hatte ich mein schönstes Lauferlebnis abseits der Strecke. Es war kurz vor dem Berliner Ku’damm, etwa Kilometer 35, als Marathon-Superstar Eliud Kipchoge an mir vorbeirauschte, einsam und verlassen, viel zu schnell für den Rest des Feldes. Wow, wie sehen 21 Kilometer pro Stunde bei einem Menschen aus? So schnell rannte er. Und wie entspannt kann ein Mensch aussehen, wenn er sich so anstrengt? Kipchoge grinste.
Über den Kenianer hatte ich schon beruflich geschrieben; er ist der erste Mensch, der in einem Laborprojekt die 42 Kilometer unter zwei Stunden lief. Ich habe an Läufen teilgenommen, an denen er teilgenommen hat (natürlich kam er immer laaaange vor mir ins Ziel und ich sah nicht mal beim Start seinen Rücken). Aber live, direkt vor meinen Augen, die Lauftechnik, die Arme zum Dreieck mit perfekten Winkeln, die Beine stets im Flugmodus, zack, zack, zack: Das muss man mal aus nächster Nähe gesehen haben.
Natürlich gewann Kipchoge auch in diesem Jahr in Berlin, seinen Weltrekord verlor er allerdings wenige Wochen später . Macht das das Lebenswerk kleiner? Kipchoge hat mit seinen Wunderläufen den Laufsport über Jahre auf ein neues Niveau gehoben, hat Schuh-Innovationen vorangetrieben , ist für viele ein Vorbild. Wer weiß, wie lange Kipchoge noch auf Topniveau läuft. Er ist bereits 39 Jahre alt. Es wird wohl nicht mehr viele Gelegenheiten geben, ihn live zu erleben.
Schnelles Bier
Von Ole Reißmann , Leitung Audio
Mein Moment: jetzt gerade Sonntag, die Laune mies, das Wetter mies, die Temperatur fies, alles furchtbar. Und trotzdem finden sich auf WhatsApp schnell fünf Leute aus der Crew und laufen 15 bis 25 Kilometer bei Regen durch den kalten Matsch.
(Warum man auch im Winter sehr viel Spaß beim Laufen haben kann, erfahren Sie in dieser älteren Ausgabe des Newsletters – Stichwort: January Battle.)
Auch ein guter Moment 2023: die Biermeile. Ein Bier, 400 Meter laufen, und das mal vier – Grüße an die Hamburger Laufcrews Fat Boyz Track Club & Tide Runners Hamburg.
»Brrrrr. Ich kann das, ich will das auch«
Von Hilmar Schmundt , Wissenschaftsredakteur
»Ah! Brrrrr! Puhhh! Hmmmmm…«, so in etwa lässt sich mein schönstes Lauferlebnis 2023 zusammenfassen. Zum Verständnis: Sonntags mache ich im Hochsommer zur Marathonvorbereitung gern einen langen Lauf von etwa 30 Kilometern, am nächsten Tag habe ich meist steife Beine.
Um den Muskelkater zu vertreiben, nutzen einige Sportler Kältebäder oder Eisnebel (»Kryotherapie«). Also melde ich mich zu einem Eisbadeseminar an. Brütende Sommerhitze, neben uns ein Badezuber, in dem Eiswürfel schwimmen. Der Trainer macht ein paar Atemübungen mit uns, dazu Esoterikgewummer aus einer Bluetooth-Büchse, dann ab ins brutal kalte Nass. Der Trick: nicht zögern, nicht kreischen, sondern laaaaangsam ausatmen und gaaaanz ruhig eintauchen. »Ich kann das, ich will das!«, intoniert der Coach das Mantra des Eisbadens. Aber ich hasse Kälte, selbst im Sommer habe ich oft einen Wollpulli dabei, man kann ja nie wissen. Also Zähne zusammen und: Brrrrr. Ich kann das, ich will das auch.
Hilmar Schmundt friert gegen seinen Muskelkater
Foto: PrivatNach etwa einer Minute werde ich ganz ruhig. Halleluja, mein Körper hat ein Wunder vollbracht. Ich schließe die Augen. Mein Puls verlangsamt sich von 111 Schlägen pro Minute auf ungefähr die Hälfte.
Drei Minuten sind um, der Trainer reißt mich aus der wohligen Trance, ich klettere aus der Tonne, ziehe mir sofort ein Wollfleece über, zittere aber trotzdem: der berüchtigte »Afterdrop«, wenn das heruntergekühlte Blut von Armen und Beinen zur Körpermitte strömt. Nach einer Viertelstunde legt sich das Bibbern, eine Euphoriewelle erfasst mich. Meine Stimmung ist auch am nächsten Tag noch prächtig.
Viele fluchen über die dunklen Wintermonate, aber jetzt erkenne ich ihren Vorteil: Die Badeseen sind wunderbar leer und einladend eisig. Hmmm.
Ach so: Den Muskelkater hat das Eisbad in meinem Fall leider nicht weggechillt. Egal. Grins.
Oh, Kot!
Von Uwe Schauder, ein Leser unseres Newsletters
Mein schönstes Lauferlebnis hatte ich im Oktober in Sinaia in den rumänischen Südkarpaten. Ich war dort mit meiner Frau zum Wandern und bin jeden zweiten Morgen vor dem Frühstück etwa eine Stunde in den Bergen gelaufen. Ich wusste, dass es dort viele Braunbären gibt. Aber ich habe mich nicht wirklich darum gekümmert und bin einfach in der Morgendämmerung losgelaufen. Unterwegs sah ich viele umgekippte Mülleimer und oft gleich daneben riesige Kothaufen. Ich habe mich natürlich gefragt, was das wohl ist, und machte Fotos.
Als ich am ersten Lauftag zurückkam, zeigte ich dem Rezeptionisten meine Fotos und er erklärte mir, dass die Bären jede Nacht aus den Bergen in die Parks der Stadt kommen und die »Schätze« in den Mülleimern plündern. Die Eimer bestehen aus drei Teilen, sodass sie nach der Futtersuche von der Straßenreinigung problemlos wieder zusammengesetzt werden können. Ich war begeistert, wie relativ problemlos das Zusammenleben von Raubtier und Mensch möglich ist, wenn man sich darauf einstellt. Die nächsten Tage lief ich mit etwas mehr Vorsicht und Respekt.
Vielen Dank für Ihre Einsendung und auch für alle anderen Nachrichten, die wir in diesem Jahr von Ihnen erhalten haben.
Wir wünschen Ihnen ein frohes Weihnachtsfest, das hoffentlich gemütlicher wird als ein Eisbad. Wir hören uns im nächsten Jahr wieder!
Das Team vom Newsletter »SPIEGEL läuft«