Newsletter »SPIEGEL läuft«: Stärker werden ohne Bewegung - DER SPIEGEL
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Ole Reißmann

meinung •Newsletter »SPIEGEL läuft« Stärker werden ohne Bewegung

Ich trainiere, habe ein Ziel, den Wettkampf unmittelbar vor den Augen. Dann kommt die Erkältung. Manchmal muss man als Läufer über sich hinauswachsen – und die Schuhe stehen lassen.
Manchmal bleibt auch Läufern nur der Platz am Seitenrand als Zuschauer
Manchmal bleibt auch Läufern nur der Platz am Seitenrand als Zuschauer

Manchmal bleibt auch Läufern nur der Platz am Seitenrand als Zuschauer

Foto: Ennio Leanza / KEYSTONE / picture alliance

Zürich hat mich gebrochen. Ich war für den Halbmarathon gemeldet, die Startnummer abgeholt, das Race-Outfit zurechtgelegt, die Vorfreude riesig. Allein: Ich war krank. Seit Tagen schon. Eine Erkältung, Variante fies. Ein Rennen unter diesen Umständen? Grotesker Unsinn. Einsehen wollte ich das erst nicht.

Meine schwerste Entscheidung: nicht zu laufen. Nachdem mein Kollege Jan Göbel in einer älteren Newsletter-Ausgabe von »SPIEGEL läuft« über seinen Renn-Abbruch geschrieben hat, das Did-not-finish, geht es diesmal um das Aussitzen. Das Gar-nicht-erst-Versuchen. Ich glaube nicht, dass diese Abkürzung geläufig ist, aber sie klingt, wie ich mich fühlte: gnev.

Der Begriff »mentale Stärke« begegnet einem schnell, wenn es um das Laufen längerer Distanzen geht. Der Kopf muss mitspielen: Wenn der Körper schon Erschöpfung signalisiert, noch mal hinten rausbeschleunigen. Die Warnungen des Regenradars stummschalten. Durchbeißen. Dranbleiben. Das muss man wollen.

Die Sportpsychologie weiß: Wer vor einer großen Aufgabe steht, benötigt eine Mischung aus Strategie und Motivation. Die Motivation kommt für einige von uns durch Wettkämpfe oder Tracking- und Community-Plattformen wie Strava. Viele laufen einfach für Freude und Zufriedenheit . Die Strategie: Der Glaube, etwas schaffen zu können, verbunden mit konkreten Handlungen.

Samstag vor dem Rennen verbrachte ich schniefend. Mit zwei Stößen Nasenspray, flacher Atmung und minimaler Bewegung konnte ich mir einbilden, fast gesund zu sein. Am nächsten Morgen folgte die Enttäuschung. Ich kann mich nicht genau an den Ablauf erinnern, aber letztlich ließ ich die Laufschuhe stehen. Gnev. Vernunft ist Trumpf, redete ich mir gut zu.

Laufen in Zürich am vergangenen Wochenende: Eher kalt und ungemütlich

Laufen in Zürich am vergangenen Wochenende: Eher kalt und ungemütlich

Foto: Ennio Leanza / dpa

Ich brachte die ebenfalls gemeldete Freundin an die Startlinie. Dabei blickte ich mehrfach verstohlen auf meine Uhr: Wenn ich jetzt noch schnell meine Sachen holte, ich könnte es noch schaffen. Ich versuchte, den Schalter endlich umzulegen: von Laufen auf Anfeuern. Bis hierhin hatte ich mich für einen recht abgeklärten Läufer gehalten. Mental top aufgestellt. Was ist schon ein verpasster Lauf? Wo war diese Stärke nur hin?

Die Freundin verschwand in ihrem Startblock, ich suchte mir einen Platz an der Strecke, der Zürich Halbmarathon startete ohne mich. Ein paar Minuten später fegte Regen über die Stadt. Dann mischte sich Schnee dazu. Go, Runners! Ich stapfte zwischenzeitlich in ein preisstarkes Café und versuchte, anhand der gemessenen Zwischenzeiten gute Punkte auf der Strecke zu finden, um die Freundin abzupassen.

Ich hatte mein ungesundes »Du schaffst das« endlich abgeschüttelt. Die selbstzerstörerische Mentalkraft besiegt. Die Enttäuschung überwunden. Ich hatte eine Erkältung und auf meinen Körper gehört. Am liebsten hätte ich mir dafür eine Medaille umgehängt. (Diese Kolumne tut es aber auch.)

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Später nahm ich eine etwas fröstelnde, aber glückliche Läuferin in den Arm: Sie hatte sich bei zwei bis vier Grad Celsius durch das Zürcher Geschnetzelte gebissen und trug nun stolz ihre Medaille. Ganz stark!

Wenn es Ihnen bei einem anderen Wettkampf so ergangen ist wie mir – schreiben Sie mir.  Oder vielleicht hatten Sie keine Erkältung, sondern eine Verletzung. Dann möchte ich Ihnen diesen Text empfehlen: Mein Kollege Jan Göbel hat recherchiert, ob Laufschuhe einen Einfluss auf Verletzungen haben. Das Ergebnis und die Tipps lesen Sie hier .

Bis bald, dann wieder ohne gnev,
Ihr Ole Reißmann