meinung •Extremsportler auf Superlangstrecken Der Hype der Ultraläufe und was dahintersteckt
Russ Cook ist einmal durch Afrika gelaufen
Foto:Zoubeir Souissi / REUTERS
Es fällt schwer zu entscheiden, was die spektakulärste Erinnerung ist, die Russ Cook mit seinen Unterstützern in den sozialen Medien geteilt hat. Ist es das Video vom 337. Tag seiner Reise, als der britische Ultraläufer versucht, einem Sandsturm zu entkommen? Ist es einfach nur ein Schnappschuss seiner Umgebung, durch die Wüste, vorbei an Kamelen und endloser Weite? Ist es die Geschichte, dass er unterwegs mit einer Waffe bedroht worden sein soll?
Oder einfach nur die Tatsache, dass er Afrika laufend durchquert hat?
Am Sonntag beendete der 27-Jährige erfolgreich seinen fast einjährigen Lauf auf dem afrikanischen Kontinent. Cook startete am 22. April 2023 am südlichsten Punkt Afrikas, dem Kap Agulhas in Südafrika. Seine Reise führte ihn über 16.000 Kilometer bis nach Tunesien, wo er seinen Lauf am nördlichsten Punkt des Kontinents, dem Kap Ben Sakka, beendete.
Day 337 of running the entire length of Africa🫡 pic.twitter.com/hPH9fBkq9K
— Russ Cook (@hardestgeezer) March 24, 2024
Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung.
In der neuen Ausgabe unseres Newsletters »SPIEGEL läuft« geht es um Ultraläufe, den Boom dahinter, um immer mehr Läuferinnen und Läufer, die mit ihren Projekten andere Menschen faszinieren wollen, für einen guten Zweck laufen oder beides. Cook hat bei seinem Lauf nach eigenen Angaben gut 700.000 Euro an Spenden gesammelt.
Mittlerweile hat man fast das Gefühl, es vergeht kaum ein Tag ohne ein neues Ultra-Projekt. Auch wir vom SPIEGEL bekommen immer wieder Anfragen, ob wir über den nächsten extremen Lauf eines Ultra-Athleten, den noch niemand kennt, berichten möchten.
Doch was ist wirklich besonders? Was ist neu? Und: Haben wir es hier wirklich mit einem neuen Phänomen zu tun, sind Ultraläufe die neueste Erfindung und die Menschen endgültig verrückt geworden?
Wahrscheinlich eher nicht. Mein Kollege Sven Christian hat mich neulich auf ein SPIEGEL-Cover aus dem Jahr 1978 aufmerksam gemacht. »Jogging – Spaß am Laufen, Schutz vor dem Herztod«, das war damals das Thema der Ausgabe. Den Text können Sie hier nachlesen. Eigentlich ist es erstaunlich, wie wenig sich in den vergangenen 46 Jahren getan hat.
Es gab Studien, die Laufen verteufelten oder als die einzig wahre Sportart anhimmelten. Die gibt es noch heute. Es gab Sportartikelhersteller, die »Superschuhe« auf dem Markt warfen. Adidas produzierte den »Formel I«, einen Schuh mit Rillen mit Stoßdämpfereffekt. Heute sind es Schuhe mit Carbon , aber das Ziel, schneller zu werden, haben die Hersteller noch immer. Es gab Laufgruppen, die gemeinsam an ihren Zielen arbeiteten. Auch das: nichts Neues.
Zum Thema Ultralauf findet sich dieser Hinweis in dem Text von 1978: »Ein normaler Marathonlauf ist für so gestählte Jogger längst zum Läufer-Alltag geworden. Etliche haben schon einen 80 Kilometer langen Super-Marathon bewältigt, Super-Super-Marathonläufe über 160 Kilometer, ja sogar ›im Laufschritt in 80 Tagen um die Welt‹ sind geplant.«
Alles wie heute, nur ein wenig anders.
»Ich bin ein bisschen müde«, sagte der Ultraläufer Russ Cook am Ende seiner Afrika-Mission – britisches Understatement. Er sei der erste Mensch, der Afrika laufend durchquert habe, sagte er. Ein neuer Rekord, aber offenbar gab es auch das schon einmal.
Plötzlich kann jeder ein Laufheld werden
Die World Runners Association (WRA), ein Zusammenschluss von Ultra-Ausdauerläufern, widersprach Cooks Darstellung. Der Däne Jesper Kenn Olsen sei der erste Mensch gewesen, der Afrika durchquert habe. Olsen war 2010 von Taba in Ägypten zum Kap der Guten Hoffnung in Südafrika gelaufen. Die Route von Cook, der nicht den direkten Weg genommen hatte, sei zwar 3400 Kilometer länger gewesen. Für den Rekord zähle es aber nicht, ob der Weg länger war. »Wir sollten uns an die Fakten halten«, sagte WRA-Mitglied Marie Leautey.
Cooks Leistung bleibt natürlich beeindruckend. Der wesentliche Unterschied zu den Ultra-Projekten früherer Tage ist wohl nicht das immer gleiche Leiden. Es ist die Möglichkeit, seine Leistungen immer besser über Smartphones und soziale Netzwerke zu dokumentieren und damit auch eigene Projekte umzusetzen, abseits von Wettkämpfen und organisiertem Sport. So kann theoretisch jeder mit dem Laufen berühmt werden, in Deutschland hat es der Ultraläufer Jonas Deichmann mit seinen extremen Projekten geschafft . Ein bisschen weniger prominent, aber ebenso erstaunlich war das Laufprojekt von Joyce Hübner, die in 140 Tagen 120 Marathons entlang der deutschen Grenze gelaufen ist.
Keine Frage: Man muss sich schon sehr quälen, und das kann dann doch nicht jeder.
Es gibt auch organisierte Ultramarathons, die Legenden schaffen: Da ist der berühmte und mysteriöse Barkley-Marathon in den Wäldern von Tennessee. Vor zehn Jahren wurde eine Fernsehdokumentation darüber gedreht, aber einige Geheimnisse um diesen mystischen Lauf sind geblieben – mein Kollege Lukas Brems hat mit einer ehemaligen Teilnehmerin darüber gesprochen, was den 100-Meilen-Lauf im Frozen Head State Park so besonders macht. Und über die erste Frau, die den Barkley-Marathon vor gut zwei Wochen geschafft hat, lesen Sie hier etwas.
1921, Südafrika, Comrades Marathon: In diesem Jahr fand die erste Auflage dieses Rennens über rund 90 Kilometer statt, bei dem die Teilnehmer unter zwölf Stunden bleiben mussten. 34 Läufer gingen an den Start, 16 erreichten das Ziel. Der Lauf wurde von Vic Clapham, einem Veteranen des Ersten Weltkriegs, zum Gedenken an die gefallenen südafrikanischen Soldaten ins Leben gerufen. Heute gilt er als der älteste Ultralauf der Geschichte.
Übrigens kann man auch heute noch am Comrades Marathon teilnehmen, der nächste findet am 9. Juni statt. Wenn Sie also Lust und Zeit haben, 90 Kilometer zu laufen, wäre das sicher eine gute Gelegenheit. Aber eines ist sicher: Sie wären nicht der Erste. Dafür muss man sich schon etwas anderes einfallen lassen.
Oder Sie machen es wie ich. Ich laufe heute meine Alsterrunde und esse danach ein Stück ultraleckeren Kuchen.
Wie auch immer Sie sich entscheiden: viel Spaß.
Ihr Jan Göbel