20 Jahre "Use Your Illusion" - DER SPIEGEL
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20 Jahre "Use Your Illusion": Eine Überdosis Rock

"Use Your Illusion" Eine Überdosis Rock

Zwei Alben für alle: 1991 veröffentlichte die Band Guns N' Roses ihr Doppel-Doppelalbum "Use Your Illusion I & II". Wer in den neunziger Jahren Teenager war, kam um dieses großspurige Mammutwerk kaum herum. Fünf SPIEGEL-ONLINE-Redakteure erinnern sich an ihre Zeit mit Guns N' Roses.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Am 17. September 1991 herrschte vor Hunderten Plattenläden in den USA der Ausnahmezustand. Bereits in den Abendstunden hatten sich die ersten Kunden, teils mit Schlafsäcken, vor Läden wie Virgin oder Tower Records versammelt. Die Fans der amerikanischen Hard-Rock-Band Guns N' Roses fieberten der Veröffentlichung von "Use Your Illusion I & II" entgegen, zwei Doppelalben, mit deren Erscheinen niemand mehr gerechnet hatte. Als die Geschäfte um punkt Mitternacht ihre Pforten öffneten, stürmten die Fans hinein und schrieben Musikgeschichte.

Bereits zwei Stunden später, der Morgen dämmerte noch nicht, waren landesweit 500.000 Exemplare verkauft. Innerhalb einer Woche rissen die Fans den Händlern rund 1,5 Millionen Alben aus den Händen. Auch die Charts wurden über Nacht erobert. Aus dem Stand schafften es die Alben "Use Your Illusion I" und "Use Your Illusion II" auf Platz eins und zwei der Charts.

Dabei hatte es lange Zeit nicht danach ausgesehen, als ob die Formation um Leadsänger Axl Rose überhaupt jemals wieder ein Album zustande bringen würde. 1987 hatten Guns N' Roses mit ihrem ersten Studioalbum "Appetite For Destruction" nicht nur einen Bestseller hingelegt, sie hatten auch den Rock'n'Roll wiederbelebt. Selbst der SPIEGEL schrieb in der Folge, Guns N' Roses seien das Sprachrohr einer ganzen Generation amerikanischer Jugendlicher, die in der Hoffnungslosigkeit des Arbeitslosendaseins versanken: "Guns N' Roses geben dieser Hoffnungslosigkeit ein wenig Würde. Es ist der Soundtrack der alltäglichen Apokalypse."

Rakete in den Superstar-Olymp

Für Guns N' Roses selbst war "Appetite For Destruction" der Soundtrack zum Erfolg, die Rakete, die die Band direkt in den Rockstar-Olymp schoss. Für manche Bandmitglieder war die Beschleunigung allerdings zu stark. In den Jahren nach ihrem Erfolg machte die Combo vor allem mit ihrem Heroinkonsum und fortwährenden Skandalen von sich reden.

Penibel pflegte die Band ihr Rüpel-Image. In Interviews gaben Axl und Co. freimütig haarsträubende Geschichten aus ihrem Rockstar-Alltag zum Besten. Zum Beispiel, dass Axl auf einer Barbecue-Party kurz entschlossen ein Schwein erschossen und auf den Grill gewuchtet habe. Oder dass Gitarrist Izzy Stradlin von einer Polizeieskorte am Flughafen abgeholt wurde, weil er in den Aschenbecher uriniert hatte. Ob es sich dabei um Räuberpistolen handelte, die die Band aus Jux erzählte, oder um tatsächliche Begebenheiten, war nie ganz klar. Die Presse nahm sie jedenfalls für bahre Münze. Der "New Musical Express" nannte die Band das "größte Monster, das Hollywood je erschaffen hat", das Metal-Magazin "Kerrang!" erklärte sie kurzerhand zur "gefährlichsten Band der Welt".

Das alles lag vermutlich im Kalkül von G N' R-Mastermind Rose, es war ein strategisch geschicktes Stricken am eigenen Rock'n'Roll-Mythos. Doch dann wurden im August 1988 beim "Monsters of Rock"-Festival im englischen Donington während des Guns-N'-Roses-Auftritts zwei Fans totgetrampelt. Dass die Band die prekäre Lage im Publikum erkannt, mehrfach den Auftritt unterbrochen und an die Zuschauer appelliert hatte, Ruhe zu bewahren, spielte keine Rolle mehr. Die britische Boulevardpresse zerriss Guns N' Roses in der Luft, plötzlich schienen sie wirklich die gefährlichste Band der Welt.

Komplett durchgedreht?

Dass Guns N' Roses nur ein Jahr nach "Appetite for Destruction" mit "G N' R Lies" ein Album veröffentlichten, das rassistische, schwulen- und frauenfeindliche Textpassagen enthielt, sorgte für weiteren Zündstoff. Radiostationen und Plattenläden traten den Boykott an, Konzerte wurden abgesagt. Alles deutete darauf hin, dass sich die Band in ihre Einzelteile zerlegen würde. Als Axl Rose im November 1989 ankündigte, in Kürze vier Alben gleichzeitig herauszubringen, schien das nur der Beleg dafür, dass die Band nun komplett durchgedreht war.

Als am 17. September 1991 tatsächlich zwei Doppelalben in den Regalen der Plattenläden standen, grenzte das fast an ein Wunder. Auf dem Weg dorthin war Stephen Adler, der Drummer, aus der Band geflogen und durch Matt Sorum ersetzt worden. Während es der Rest der Band irgendwie geschafft hatte, clean zu werden, gab sich Adler weiter dem Heroinkonsum hin und wurde entsorgt. Lead-Gitarrist Slash und Axl befanden sich Gerüchten zufolge zeitweise so im Clinch, dass sie das Studio nur getrennt betraten und die Songs am Telefon schrieben. Der Manager der Band war gefeuert worden. Bob Clearmountain, der Tontechniker der Band und eine Koryphäe der Branche, wurde ebenfalls spontan entlassen. 24 der 30 Songs hatte er da bereits abgemischt - sein Ersatzmann musste von vorne anfangen.

All das führte zu immer neuen Release-Verzögerungen, so dass die weltweite "Use Your Illusion"-Tour begann, bevor überhaupt die Alben veröffentlicht waren. In einem Interview mit dem "Rolling Stone" erklärte Axl Rose einmal: "Ich bin immer zu spät. In meinem Testament werde ich deswegen verfügen, dass mein Sarg eine halbe Stunde zu spät in die Kirche getragen wird. Und auf dem Sarg soll in goldenen Lettern stehen: 'Sorry für die Verspätung'." Sein Publikum konnte diese Schwäche oft genug bezeugen. Kaum ein Guns-N'-Roses-Konzert fing pünktlich an, vielfach musste die Menge drei Stunden lang warten, bis sich Axl Rose und seine Truppe auf der Bühne blicken ließen.

Prügel für aufmüpfige Fans

Der Frontmann und sein Publikum - es war eine Hassliebe. In St. Louis zerlegte das aufgebrachte Publikum die Konzerthalle, nachdem Axl Rose eine Zugabe mit den Worten "Fuck St. Louis" verweigert hatte. Es war nicht das einzige Mal, dass er ein Konzert abbrach. Schon kleinste atmosphärische Störungen zwischen Rose und den Zuschauern konnten dazu führen, dass der Sänger die Bühne verließ. Fühlte sich der Bandleader von einzelnen Konzertgästen provoziert, konnte es auch passieren, dass er von der Bühne ins Publikum sprang, den Aufwiegler höchstpersönlich verprügelte und dann den Auftritt abbrach.

Trotzdem pilgerten die Fans zu Zigtausenden zu den Auftritten der Gunners, trotz oder vielleicht auch gerade wegen deren chronischer Unzuverlässigkeit. Die Videos zu Songs wie "November Rain" wurden mit Preisen überhäuft und liefen auf MTV in der Heavy Rotation. Es schien, als hätten es sich Guns N' Roses auf dem Thron des Rocks komfortabel eingerichtet. Mehr noch: unverrückbar einzementiert, von niemandem je wieder herabzustoßen.

Dabei bemängelten viele Fans, dass Guns N' Roses auf den neuen Alben zu weich geworden wären. Das Schnodderige, Punkige der ersten beiden Platten war einem bluesigen Bombast-Rock gewichen, die Balladendichte vielen Altfans zu hoch. Kritiker monierten zudem, dass die Band sich musikalisch kaum weiterentwickelt hätte, neue Einflüsse in der Rockmusik schlicht ignorieren würde. Dass ausgerechnet zwei der erfolgreichsten Songs des Albums, nämlich "Knockin' on Heavens Door" und "Live and Let Die" Coverversionen waren, gibt ihnen natürlich recht. Trotzdem gelten die beiden Alben vielen Fans bis heute als Meilenstein der Rockgeschichte.

Aber waren sie das wirklich? Musikalisch gesehen vermutlich nicht. Wäre das Album musikalisch visionärer gewesen, wäre die Band vermutlich nicht kurze Zeit später implodiert; dann hätte Axl Rose nicht als letztes verbliebenes Gründungsmitglied der Band mit stetig wechselnden Gastmusikern versucht, den Mythos wiederzubeleben; dann wären die beiden Folgealben "The Spaghetti Incident" (1993) und das zigmal angekündigte und dann erst 2008 veröffentlichte Album "Chinese Democracy" nicht so gefloppt; dann würde Axl Rose nicht heute als dicke, traurige Karikatur seiner selbst auf Festivals immer wieder nur die alten Songs wie "November Rain" zum Besten geben - vor einem Publikum, das viel zu jung ist, um sich an das Phänomen "Guns N' Roses" zu erinnern.

Denn genau das waren sie, ein Phänomen. Tatsächlich, ein Monster. Eine Band "larger than life", wie die Amerikaner sagen würden. Eine Truppe, die, als sie schon fast vergessen waren, noch einmal alle Attribute des Rock'n'Roll-Superstar-Daseins aus der Versenkung holte. Die Großspurigkeit, Launenhaftigkeit, Verschwendungssucht und Größenwahn zum Credo erhob - und sich dadurch in unser aller Leben drängte. Denn egal ob man sie liebte oder hasste: Nach den "Use Your Illusion"-Alben kam eine Zeitlang niemand an Guns N' Roses vorbei. Sie waren so groß, dass sie immer ein Synonym für diese Zeit sein werden. So groß, dass sie bei allen, die damals Teenager waren, einen Eindruck hinterlassen haben.

Auf einestages erinnern sich fünf SPIEGEL-ONLINE-Redakteure, wie Guns N' Roses sie durch diese Zeit begleitete.

"Don't Cry" wegen Sonja

"Don't Cry" wegen Sonja

Sie hieß Sonja und studierte Modedesign. Ich hing nur so rum. Über Monate hinweg hatten wir uns in dem Club, in dem ich Platten auflegte, Blicke zugeworfen, dann waren wir für ein paar viel zu kurze Wochen zusammen. Es war das erste Mal, dass eine Frau mit mir Schluss gemacht hatte, und ich war im Arsch, richtig im Arsch.

Guns N' Roses waren für mich damals eigentlich schon kein Thema mehr. Meinen Schmerz versuchte ich, mit dem sehnsüchtigen Lärm von Hüsker Dü, Dinosaur Jr. und Buffalo Tom zu lindern, aus Seattle kamen damals Bands wie Soundgarden, Mudhoney und die Screaming Trees, die den Jack Daniels saufenden kalifornischen Haar- und Sleazerockern flanellhemdsärmelig ihre Posen und Gockelhaftigkeiten vorführten. Passte mir und meinem Hass gut in den Kram.

Guns N' Roses hatten 1987 mit "Appetite For Destruction" einen Meilenstein der Rockmusik veröffentlicht. Die haarigen Jungs um Sänger Axl Rose hatten Millionen Platten verkauft und waren völlig zu Recht die unbestrittenen Könige des Pop-Establishments, das sich mit den Sex- und Drogen-Referenzen der Band ein bisschen Horrorshow leistete. Aber die Achtziger waren vorbei, die Mauer war weg. Und Sonja auch.

Als "Use Your Illusion I & II" sich im September 1991 doppelreihig in den Plattenläden stapelten, griff ich trotzdem zu, aus alter Verbundenheit, und weil ich Größenwahn für eine der Schlüsseleigenschaften von Rockmusikern halte: Doppelalbum war ganz klar eine Nummer zu klein - es mussten zwei eigenständige Alben sein, so gehört es sich, wenn man auf dem Thron der Entertainment-Industrie sitzt.

Von 30 Songs beeindruckte mich dann allerdings nur wenig. Von "Knockin' On Heaven's Door" wurde mir übel, "November Rain" war mir zu kitschig, und "Estranged" konnte es mit den kathartischen Soundwalls der Grunge-Bands so gar nicht aufnehmen. Aber "Don't Cry" traf mich mitten ins Zentrum meiner Jämmerlichkeit - und spendete plötzlich mehr Trost als alle lauten Gitarren, die mich den ganzen Tag zudröhnten. Ich liebte beide Versionen, die originale auf "Illusion I" und die mit den alternativen Lyrics auf "Illusion II". Ich kaufte dann sogar noch die CD-Single mit der Demo-Version aus den "Appetite"-Sessions und spielte alle drei "Don't Crys" auf jedes meiner Mix-Tapes, damit ich immer eine Dosis dabei hatte. Passte zu nichts, war mir aber egal.

Dass es in dem Song um ein Mädchen ging, in das erst Izzy Stradlin verliebt war und dann Axl, dass sich die beiden dann gemeinsam hingesetzt haben, um in fünf Minuten dieses Kopf-hoch-Manifest zusammenzuschreiben, habe ich erst viel später irgendwo gelesen. Mir sagte diese in ihrer Rührseligkeit furchterregende Rockballade alles, was die kaltherzige Sonja mir zum Abschied verwehrt hatte. Gleichzeitig war sie im Getöse und Bombast des "Use Your Illusion"-Doppelschlags eine Oase der Intimität, ein Echo der wohltuend reduzierten Akustikversionen der "Lies"-EP - und ein letzter Hinweis darauf, dass diese Band, die bald darauf zerbröselte, aus hervorragenden Musikern und Songschreibern bestand.

Guns N' Roses und ich passten im Herbst 1991 nicht mehr zusammen, Sonja und ich haben wahrscheinlich nie viel gemeinsam gehabt. Heute kommt mir mein damaliges Herzeleid albern vor. Aber die "Don't Cry"-Single, die hab' ich noch.

Andreas Borcholte

Ein Intro für immer

Ein Intro für immer

"Juh kutt bie maaaaiiin", kreischte Axl Rose immer wieder. Es schien ihm wichtig zu sein. Ich hatte allerdings keinen Schimmer, was das bedeuten sollte. Es war mir nicht egal, ich dachte einfach nur nie darüber nach. Weil es nicht wichtig war. Weil etwas anderes in diesem Song eine viel deutlichere Sprache sprach. Es war dieses gnadenlos rollende Schlagzeug im Intro des Songs. "Ich bin eine Urkraft", gaben diese wenigen Takte dem schmächtigen Jungen in den weiten T-Shirts und karottigen Jeans zu verstehen. "Ich kann ganze Bergketten dem Erdboden gleichmachen, Krater reißen, ja, Planeten aus der Bahn werfen. Und wenn du zu mir tanzt", versprach er, "bist du ein Teil dieser Kraft."

Ein oder zwei Jahre hat mich dieser Beat begleitet. Auf den betrunkenen Feten in elterlichen Partykellern, auf Waldlichtungen zwischen Zelten und in Scheunen, zu denen man mit dem Rad über stockfinstere Feldwege holpern musste, die weder Asphalt noch Straßenlaternen kannten. Wir waren schüchterne, hormonverwirrte, tiefverunsicherte Teenager - aber wenn "You Could Be Mine" lief, verwandelten wir uns in Sekundenschnelle in eine brodelnde Masse, in ein Moshpit aus schwitzenden Körpern, rudernden Armen, erhobenen Fäusten, dazu das Bier- und Apfelkornkarussell in unseren Köpfen. Wenn "You Could Be Mine" lief, wussten wir auf einmal, was wir wollten - wenigstens für die nächsten fünf Minuten.

Einmal wurde ich mitten auf der Tanzfläche umgerempelt und bevor eine von den Händen, die immer sofort da waren, wenn einer fiel, mich wieder hochziehen konnte, quetschte ein Springerstiefel meinen Schädel. "Geil bescheuert" war das, wie wir damals sagten. Vollkommen bescheuert, das war uns auch klar, aber eben auch total geil.

Natürlich, es gab noch mehr als "You Could Be Mine". 1990 "Lights, Camera Revolution" von den Suicidal Tendencies, 1991 Nirvanas "Nevermind" - "Hello, hello, hello, how low!!!" - und ein Jahr später die erste Rage Against the Machine. Und ja, die Guns-N'Roses-Alben waren die ersten, die uncool wurden, die ersten, die man auf dem Schulhof zu Geld machte. Etwa, um sich die "Start Today" der Gorilla Biscuits zu kaufen und die Texte sein Leben verändern zu lassen.

Guns N' Roses war keine Band, bei der man auf Texte achten musste. Aber der Beat von "You Could Be Mine", diese ersten paar Takte. Sie pressten all das, die ganze Energie dieser Zeit, diese Wut, von der man nicht wusste, woher sie eigentlich kam, die Verunsicherung, die Geilheit und eben auch die Bescheuertheit, die kein Songtext beschreiben konnte, in ein paar Sekunden Rhythmus.

Benjamin Maack

Der Tag, an dem Axl Rose sich eine Auszeit gönnte

Der Tag, an dem Axl Rose sich eine Auszeit gönnte

Manches sprach dafür, dass dieser Samstag in einem Fiasko enden würde. Schon waren die Nine Inch Nails von einer enthemmten Meute mit Bockwürsten beworfen worden. Das hatten wir verpasst, den Auftritt von Skid Row leider nicht. Als sie endlich aufhörten, hofften alle auf den Höhepunkt des Abends: Guns N' Roses - am 24. August 1991, drei Wochen vor der Deutschland-Veröffentlichung der beiden Alben "Use Your Illusion".

Auf dem tristen Mannheimer Maimarktgelände warteten 40.000 in glühender Sommerhitze auf die notorisch unberechenbaren Guns N' Roses. Und warteten. Und warteten. Mein Mitbewohner Michael mochte alles, was laut ist: alten Punk und neueren Punk, progressives Gitarrengegniedel, sogar Schweinerock von Breitbeinern der Siebziger. Er hatte mich nach Mannheim verschleppt und hielt Axl Rose für einen großen Musiker; den hielt ich eher für einen verhaltensgestörten Poser, mochte aber die Wucht von "Appetite For Destruction".

Gefühlt zwei Stunden sollte es dauern, bis die Band erschien. Ein übler Auftakt: Axl Rose war ganz schlecht bei Stimme, er krächzte und knarzte sich durch zwei, drei Songs. Murmelte etwas ins Mikro. Lief davon. Und kam nicht wieder. 10, 20 Minuten verstrichen, niemand wusste, was geschehen war. Hatte ein Stromschlag ihn gekitzelt, fühlte er sich von Fans geschmäht, hatte er sich falsch betankt, war etwas in seinem Kopf explodiert?

Das Konzert abzubrechen, schien keine gute Idee - nur einen Monat zuvor hatte die Band es in St. Louis getan, es kam zu derben Ausschreitungen. Nach einer kleinen Ewigkeit kehrte sie auf die Mannheimer Bühne zurück. Dahinter musste Rose Teile seiner Stimme und größere Teile seiner Energie wiedergefunden haben, galoppierte nunmehr linksrechtslinks wie ein blondmähniges Fohlen, während Slash eine famose Performance gelang, einige Songs aus dem kommenden Album inklusive, darunter das McCartney-Cover "Live And Let Die" und die etwas schmierige Piano-Ballade "November Rain".

So wurde daraus doch noch ein prächtiger Abend, den manche G-N'-R-Fans heute als einen der dollsten Auftritte ever verbuchen. Was während der halbstündigen Auszeit geschah, darüber redeten später Veranstalter Marek Lieberberg und Leadgitarrist Slash: Ob Guns N' Roses ein Konzert tatsächlich spielen, das sei stets "ohne Gewähr, wie bei der Bekanntgabe der Lottozahlen", so Lieberberg in einem Interview. In Mannheim habe er kurzerhand mit Lkw die Ausfahrten blockieren lassen und Axl Rose angeherrscht: "If I die, you die!" - "Das hat er verstanden."

Slash erinnert sich in seiner Autobiografie, Axl habe sich "wieder einmal aus irgendeinem unerfindlichen Grund" in den Van verdrückt und geweigert herauszukommen, während Schlagzeuger Matt Sorum vor Zorn bebte und ihm Prügel androhte: "Was soll denn das, verdammte Scheiße? Beweg deinen Arsch zurück auf die Bühne!" Axl machte weiter. Aber der Mannheimer Streit führte zum Bruch mit Gründungsmitglied Izzy Stradlin: Der Rhythmusgitarrist beschloss am nächsten Morgen seinen Ausstieg und verließ die Band mit dem Ende der 91er-Europa-Tour. Trotz des weltweiten Erfolgs von "Use Your Illusion" - er konnte Axl Rose nicht länger ertragen.

Jochen Leffers

Kann man Coolness anziehen?

Kann man Coolness anziehen?

Teenager sein bedeutet vor allem, sich in Geschmacksdingen zu verhalten wie eine Flipperkugel. Ohne Sinn und Verstand, dafür aber mit rasender Geschwindigkeit und viel Radau von einem Stil zum nächsten zu hetzen, von einem vermeintlich coolen Modestatement zum nächsten.

Es gab eine Zeit, da waren Guns N' Roses für mich das Epizentrum der Coolness. "Appetite for Destrucion" und "G N' R Lies" waren schon schweinegeil, und dann kam "Use Your Illusion". Zwei Doppelalben (!) mit insgesamt 30 (!) Songs gleichzeitig (!) auf den Markt gebracht. Sorry, geht es lässiger? Andere Bands hätten ihr Pulver trocken gehalten, die Alben gestreut, mehr Geld verdient. Nicht aber Guns N' Roses. Und dann ihre Konzerte! Die waren so überirdisch spektakulär, dass auf MTV eine Zeit lang gefühlt nichts anderes lief als die Live-Mitschnitte ihrer Auftritte. Kein Wunder. Sie beherrschten alle großen Gesten des Rock'n'Rolls: das Gitarrensolo auf den Boxentürmen, den Hechtsprung ins Publikum, das Abrocken mit verschwitztem, nacktem Oberkörper.

Und am coolsten war Slash. Er trug meist einen Zylinder, unter dem seine Afromatte gleichmäßig zu allen Seiten hervorquoll, und aus diesem Ensemble lugte ein Glimmstängel hervor, der verriet, dass es hinter dem Vorhang aus Haaren auch ein Gesicht geben musste. Ich habe Stunden darüber gegrübelt, ob er wohl etwas sehen kann, also, ob er durch seine Haare sein Spiel auf den Saiten beobachtet und wenn nicht, wie unfassbar cool das wäre. Ebenso habe ich lange darüber nachgedacht, wie es sein kann, dass die immer glimmende Kippe nicht schon längst eine Schneise in seine Haarpracht gebrannt hat.

Meine Verehrung für Slash und Guns N' Roses kombiniert mit der oben erwähnten, teenagerspezifischen Flipperkugelmentalität führten schließlich zu einem Selbstversuch, den ich rückblickend als grausam bezeichnen würde: Es war am Ende der 10. Klasse, auf der Abschlussfeier meiner Gesamtschule. Vier Klassenkameraden und ich hatten es uns in den Kopf gesetzt, drei Coversongs zum Besten zu geben. Es waren "Wild Thing" (das wir damals für einen Song von Jimi Hendrix hielten), "Insanity" von der Punk-Combo The Exploited - und "Knockin' On Heaven's Door" (das wir damals für einen Song von Guns N' Roses hielten). Es war schrecklich. Der Schlagzeuger drosch taktlos auf seine Drums ein, wir zwei Gitarristen griffen bei den Soli konsequent daneben und der Gesang - ja, welcher Gesang eigentlich? Doch das Peinlichste an dem ganzen Auftritt war der Zylinder. Der Zylinder auf meinem Kopf.

Niemand im Publikum kapierte, warum ich diesen Zylinder trug. Niemand verstand die Verbeugung vor dem Giganten der Coolness. Und ich verstand nicht, warum ich mich bei weitem nicht so cool fühlte, wie Slash wirkte. Ich dachte wirklich, es reicht, sich einen Zylinder aufzusetzen und schon ist sie da, die Coolness.

So war das eben als Teenager. Wie ich wohl in 20 Jahren über das denke, was ich heute cool finde? Die glühende Verehrung, dieses Gefühl, kurzzeitig eine bestimmte Sache für den Nabel der Welt zu halten und sich ihm mit Leib und Seele hinzugeben, ist verflogen. Ich werde mich deswegen vermutlich nicht mehr schämen müssen, für das, was ich heute mag. Ich werde aber vermutlich auch nicht mehr schmunzeln können darüber. Ich werde mit Sicherheit keine Geschichte erzählen können, wie die, als ich so unbedingt cool sein wollte - und das genaue Gegenteil war.

Michail Hengstenberg

Meine Michelle

Meine Michelle

Geiler als mit Michelle Young kann ein 13-jähriger Junge aus der niedersächsischen Provinz gar nicht in die Pubertät einsteigen. Ihr Vater arbeitete in der Porno-Industrie, ihre Mutter hatte sich mit Heroin umgebracht und sie selbst war eine feierwütige Koksnase, ein rastloses Partychick, das Nacht für Nacht durch Clubs und Bars zog, wo sie verzweifelt ihr Scheißleben gegen Lebenslust einzutauschen versuchte. In Los Angeles zwar, aber das war mir egal, damals, 1987, als ich mich in meine Michelle verliebte.

1987? Genau. Denn aus diesem Jahr stammt "Appetite For Destruction", das Album, auf dem Guns N' Roses der nimmermüden Miss Young mit "My Michelle" ein musikalisches Denkmal setzen. Es ist viel cooler, dreckiger, mitreißender - kurz: besser! - als das vier Jahr später erschienene Doppelalbum "Use Your Illusion". Egal ob I oder II.

Der Grund ist simpel: Die Songs auf dem ersten Studiowerk der Band stinken noch nach Whiskey, billigem Parfüm und Zigarettenqualm, sie atmen noch den Geist der kleinen Konzertclubs und schmuddeligen Rockbars rund um den legendären Sunset Strip in Los Angeles, wo viele von ihnen entstanden sind, als G N' R noch eine von Zillionen fröhlich-dämlicher Hardrockbands waren, die in der prokapitalistischen Macho-Muckerszene Mitte der Achtziger dem Traum von der großen Rock'n'Roll-Karriere nachjagten.

Was ist "Welcome To The Jungle" doch für eine großartige Hassliebeserklärung an die Metropolen dieser Welt (in diesem Fall allerdings New York). Ebenso "Paradise City". Dann "It's So Easy", ein relaxter Abrocker, sozusagen Gitarrist Slash in Songform. Und natürlich die grandiose Ballade "Sweet Child o' Mine" mit diesem so einfachen wie zärtlich melancholischen Riff.

"Use Your Illusion" brilliert dagegen vor allem mit Coverversionen ("Knockin' On Heaven's Door", "Live And Let Die") sowie altem Songmaterial ("Back Off Bitch", "November Rain"), das zum Teil schon auf "Appetite For Destruction" hätte erscheinen sollen - und nervt leider auch mit Füllstoff, der überdies von einer Armee von Gaststars aufgepimpt werden musste. Eigentlich muss man die beiden Werke gar nicht mal anhören, um zu kapieren, welches wirklich rockt - ein Blick auf die Plattencover reicht. Auf "Appetite For Destruction" liegt eine von einem Roboter vergewaltigte Frau am Straßenrand, ein großmäuliges Monster eilt der Geschändeten zur Hilfe - in den USA wurde das Artwork flugs in die Innenhülle verbannt, herrlich, so muss es sein. Und was zeigt "Use Your Illusion"? Einen Bildausschnitt von Raphaels "Die Schule von Athen"; ein italienischer Renaissance-Maler, der sich der Philosophie der Antike widmete, wie prätentiös.

Nein, die Hörer der mir leider völlig unbekannten australischen Radiostation Triple M haben definitiv recht: Sie wählten "Appetite For Destruction" auf Platz eins ihrer Liste der "Most Life Changing Albums", die "Illusion"-Dinger II und I folgten auf den Plätzen 28 und 29. Man sollte dieser Wahl vertrauen, denn von gutem Hardrock verstehen die Australier bekanntlich am meisten. Fragen Sie mal Angus Young.

Thorsten Dörting

mic