Anderson-Bunker: Als die Briten unter Gemüse Schutz suchten
Britischer Zivilschutz Ein Minibunker wie aus dem Möbelhaus
Am Anfang montiere man den Grundrahmen und lege dazu die beiden T-Profile mit dem Bein nach oben jeweils an die Enden einer Baugrube. Die Seitenschienen werden so ausgerichtet, dass die Nietlöcher an den Ecken überlappen. Dann die Nieten in die Löcher stecken und einschlagen. Präzise und anschaulich führte die Bauanleitung des britischen Innenministeriums durch alle Montageschritte, bis das fertige Werk, gut getarnt, im heimischen Garten stand - eine Wellblechhütte.
Massiv und unübersehbar rüstete das Deutsche Reich Ende der Dreißigerjahre auf. Der Zweite Weltkrieg bahnte sich an - und mit dieser Gefahr stand der Zivilschutz in Großbritannien vor gewaltigen Herausforderungen. Im November 1938 übernahm Sir John Anderson das Kommando. Seinen Posten im Kabinett des Vereinigten Königreichs hatte es so zuvor nicht gegeben - doch die erwartete Bedrohung für die Bevölkerung wurde zusehends konkreter. Und es war klar, woher sie kommen würde: aus der Luft.
Lange hatte Premierminister Neville Chamberlain auf "Appeasement", auf Beschwichtigung gegenüber Hitler gesetzt. Bis er einsehen musste, dass diese Politik der Zugeständnisse gescheitert war. Auf welche Weise die Deutschen und ihre Luftwaffe im bevorstehenden Krieg vorgehen würden, hatte die Briten im Spanischen Bürgerkrieg bei der Bombardierung Guernicas und auch Barcelonas gesehen. Auch die Erinnerung an die tödliche Fracht der deutschen Zeppeline im Ersten Weltkrieg war noch wach.
Do-it-yourself für den Garten
Als oberster Zivilschützer war Sir Anderson davon überzeugt, dass es nicht gelingen konnte, alle Menschen in kommunalen Einrichtungen vor Luftangriffen in Sicherheit zu bringen. Stattdessen musste der Schutz zu den Menschen kommen. Die passende Idee dazu lieferte William Paterson, ein Freund Andersons. Der Ingenieur war Inhaber eines auf Metallverarbeitung spezialisierten Unternehmens. Im Dezember 1938 lag Patersons Vorschlag im britischen Parlament - und schon drei Monate nach seinem Amtsantritt präsentierte Anderson der Öffentlichkeit seine Lösung: einen Heim-Bunker zum Selberbauen.
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Der erste dieser Art entstand am 25. Februar 1939 in einem Garten im Londoner Stadtteil Islington. Man nannte ihn auch Anderson-Unterstand, nach dem bald zum Minister beförderten Zivilschutz-Chef. Gut sechs Monate sollten bis zum Kriegsausbruch noch vergehen. Die Briten nutzten die Zeit und errichteten bis dahin rund 1,5 Millionen dieser privaten Schutzhütten. Zum Beginn der Luftschlacht um England im Sommer 1940 waren sogar schon Bausätze für 2,3 Millionen Anderson-Bunker im ganzen Land verteilt; Haushalte mit geringem Einkommen bekamen sie kostenlos.
Die Lieferung umfasste sechs gebogene Stahlprofile. Man stellte sie auf den 1,40 Meter breiten und zwei Meter langen Grundrahmen und verschraubte sie oben in der Mitte überlappend. Dazu gab es je vier Platten unterschiedlichen Zuschnitts für die Front- und Rückseite - ebenfalls aus Wellblech. Hinzu kamen Nieten, Schrauben, Muttern, Unterlegscheiben und ein Schraubenschlüssel.
Feucht und kalt, aber robust
Die Montageanleitung enthielt auch Hinweise zur richtigen Standortwahl. In einer Baugrube sollte die Metallkonstruktion gut einen Meter tief versenkt und schließlich mit Erde bedeckt werden. Blumen und Gemüse schienen geeignet, den künstlichen Erdhügel zu kaschieren. Die Innenausstattung blieb den Nutzern überlassen. Drinnen in der 1,80 Meter hohen und für bis zu sechs Personen ausgelegten Höhle aber war es meist dunkel, feucht und kalt.
Recht robust war die Konstruktion aber auch: Der Mini-Bunker erfüllte durchaus die Funktion, die Insassen vor Bombensplittern und Gebäudeeinstürzen zu bewahren. Das gerillte Stahlprofil konnte einer Druckwelle standhalten; eine Zinkbeschichtung schützte das Metall vorm Durchrosten.
Laut einer Zählung im November 1940 verbrachte gut ein Viertel der Londoner die Nächte während des "Blitz", wie die Briten die deutschen Luftangriffe nannten, in Anderson-Unterständen. Lediglich neun Prozent schliefen in öffentlichen Notunterkünften, vier Prozent in U-Bahn-Stationen. Die Übrigen, so hatte die Umfrage ergeben, waren entweder nachts im Dienst oder blieben in ihrer Wohnung, nicht selten mit der fatalistischen Begründung: Wenn sie schon sterben müssten, dann lieber im Komfort der eigenen vier Wände.
Ihre Beständigkeit bewiesen die Anderson-Bunker auch nach dem Krieg - als das wertvolle Metall wieder eingesammelt wurde. Wer wollte, konnte seine Wellplattenhütte gegen kleines Geld behalten. Ausgegraben und ebenerdig neu zusammengesetzt dienen manche bis heute als Gartenhäuschen.