Deutsche Heiligtümer - DER SPIEGEL
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Deutsche Heiligtümer Backpfeifen zum Fest

Gereizte Eltern, verschlossene Zimmertüren und drastische Disziplinierungsmaßnahmen: Bjoern Paetzoldt über seltsame Weihnachten in seiner Kindheit.
Anfang der fünfziger Jahre kam es zu zahlreichen weihnachtlichen Spendenaktionen und Einladungen wie hier durch den US-Frauenclub im schwäbischen Vaihingen - Waisenkinder erhalten mit Geschenken gefüllte Strümpfe.
Anfang der fünfziger Jahre kam es zu zahlreichen weihnachtlichen Spendenaktionen und Einladungen wie hier durch den US-Frauenclub im schwäbischen Vaihingen - Waisenkinder erhalten mit Geschenken gefüllte Strümpfe.

Anfang der fünfziger Jahre kam es zu zahlreichen weihnachtlichen Spendenaktionen und Einladungen wie hier durch den US-Frauenclub im schwäbischen Vaihingen - Waisenkinder erhalten mit Geschenken gefüllte Strümpfe.

Foto: Gerhard Jochem/Amerika-Dienst (USIA)
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Im Krieg verschwanden die Väter. An ihre Stelle traten nach dem Krieg die sogenannten Onkel. Ich erinnere mich, einen Onkel gehabt zu haben, der abends häufig im mütterlichen Wohnbereich zu Besuch war. Am Heiligen Abend wurde er zum Weihnachtsmann mit rosigen Wangen und weißem Bart. Wie es sich gehörte, kam er mit einer Rute und einem Sack voller Geschenke zu uns gestiefelt. Meine Schwester und ich mussten ein Gedicht vortragen und auf die Frage, ob wir auch immer brav gewesen seien, nichts als die Unwahrheit sagen. Anschließend wurden wir beschert.

Als 1949 unser Vater aus der Kriegsgefangenschaft heimkehrte, blieben die Besuche des Weihnachtsmanns zu unserem Bedauern aus. Auch der uns so vertraute Onkel verschwand. Das Weihnachtsfest war bei weitem nicht mehr so schön wie zuvor.

Stattdessen herrschte vom frühen Morgen bis zum späten Heiligabend Hektik und Gereiztheit. Die Eltern schmückten den Tannenbaum im verschlossenen Wohnzimmer, während wir ausgesperrten Kinder im Flur warteten und die immer gleiche Auseinandersetzung über die unausgeglichene weihnachtliche Arbeitsteilung mit anhörten. Trotzdem konnten wir es nicht erwarten, endlich eingelassen und beschert zu werden. Wir quengelten und drängelten, was das Zeug hielt. Nicht selten wurde geschimpft, manchmal setzte es Backpfeifen zur Beruhigung.

Der weihnachtliche Kirchgang wurde noch einige Jahre pflichtschuldig absolviert und irgendwann endgültig eingestellt, weil die Kirchensteuer den Eltern lästig geworden war. Die Zeit bis zur Bescherung wurde uns damit zu einer Höllenqual. Nicht einmal die langweilige Messe konnte uns nun mehr auf andere Gedanken bringen. Wenn bei Abenddämmerung endlich die Glocke läutete und wir ins Wohnzimmer durften, schlugen die Herzen hoch und höher. Am liebsten hätten wir die Geschenke sofort und in aller Eile aus dem Papier gerissen. Das aber wurde uns verboten. Stattdessen mussten wir vor dem Christbaum ein Gedicht aufsagen und Weihnachtslieder singen. Auch auf der Blockflöte mussten wir unser Bestes geben, bevor wir uns wie Raubtiere auf die Geschenke stürzen durften. Sobald alles ausgepackt war, blieb jeder mit sich beschäftigt. Gemeinsamkeit ade!

Damals schwor ich mir, dass ich mit meiner eigenen Familie eines Tages ein komplett anderes Weihnachtsfest feiern würde. Ich malte mir aus, wie ich mit meinen Kindern gemeinsam den Tannenbaum so kitschig wie möglich schmücken würde, und ich stellte mir vor, wie wir gemeinsam viel lachen würden. Gedichte und Weihnachtslieder? Nie wieder, schwor ich mir. Weihnachten sollte schließlich Spaß machen. Seltsam fand ich damals, dass uns an Weihnachten niemand besuchen kam. Wir blieben immer im allerengsten Familienkreis. Nicht einmal Verwandte wurden eingeladen. Mittlerweile weiß ich, dass es genug einsame Menschen gibt, die sich an Weihnachten über Einladungen freuen.

Meine Frau ist aus Persien und keine Christin. Gemeinsam laden wir Freunde und Fremde mit oder ohne Glaubensbekenntnis ein, um Jesu Geburt zu feiern. Aber nicht nur das. Wir feiern auch die Wintersonnenwende, das jüdische Lichtfest Chanukka und den Tag der unschuldigen Kinder, den hauptsächlich die Christen in Südamerika zur Erinnerung an den Kindermord von Bethlehem begehen. Der Dezember bietet viele Gelegenheiten, zusammenzufinden und die Ankunft des neuen Jahres zu feiern. Wer singen mag, darf übrigens auch singen.

Zum Weiterlesen:

Der Text ist ein leicht geänderter Auszug aus Björn Pätzoldts Buch "Draußen ist Freiheit: Eine deutsche Nachkriegsbiographie".