Die letzten Wochen des Zweiten Weltkriegs - Folge 7: Die Bombardierung Tokios und der Krieg im Pazifik - DER SPIEGEL
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Kurz vor Mitternacht des 9. März 1945 erreichten die ersten zwölf Flugzeuge der US-Luftwaffe die Bucht von Tokio. Sie warfen Brandbomben über der japanischen Hauptstadt ab und markierten ihr Ziel mit einem lodernden X. In den kommenden zwei Stunden entluden mehr als 200 B-29-Bomber über dem Stadtgebiet beinahe im Minutentakt Napalm- und Phosphorbomben, die einen Feuersturm entfachten. Am nächsten Morgen glich das 40 Quadratkilometer große Gebiet einer Mondlandschaft – übersät mit verbrannten, verkohlten und von der Hitze unnatürlich verdrehten Leichen.

Ziel des Luftangriffs, der den Codenamen »Operation Meetinghouse« trug, war die Störung der japanischen Kriegswirtschaft. Japan hatte mit dem Angriff auf den US-Flottenstützpunkt Pearl Harbor am 7. Dezember 1941 den Zweiten Weltkrieg auch im Pazifik losgetreten und agierte im Bund mit Deutschland. Doch während deutsche Industriezentren wie das Ruhrgebiet für alliierte Bomber relativ leicht auszumachen waren, hatte sich Japan auf eine »cottage industry« verlegt: Kriegswichtiges Material wurde in kleinen Fabriken produziert, die zum Schutz vor Luftangriffen mitten zwischen den einfachen Holzbauten der Tokioter Wohngebiete angesiedelt waren.

Collage: Lea Rossa / DER SPIEGEL; dpa

Im Frühjahr 1945 tobten in Europa die letzten Wochen des Zweiten Weltkriegs. Von Westen rückten die Streitkräfte der USA, Frankreichs, Großbritanniens, Belgiens und anderer Verbündeter vor, von Osten die sowjetische Rote Armee. In dieser Serie blenden wir zurück in die Zeit vor 80 Jahren, vermitteln mit Texten, Fotos, Videos und Zeitzeugenberichten einen Eindruck davon, was damals geschah und wie unterschiedlich Menschen diese Zeit erlebten.
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Monatelang hatte die US-Luftwaffe 1944 versucht, die kleinen Anlagen mit präzise abgeworfenen Bomben zu zerstören. Vergeblich – die Verluste auf amerikanischer Seite waren zu hoch, der Effekt verschwindend gering. Anfang 1945 entschied der zuständige US-General Curtis LeMay deshalb, jegliche Rücksicht auf Zivilistinnen und Zivilisten fahren zu lassen. Der Plan für »Operation Meetinghouse« entstand: Die Luftwaffe würde in einer Nacht mit starken Winden einen gezielten Angriff auf die Tokioter Stadtgebiete Shitamachi und Asakusa fliegen, Brandbomben abwerfen und so einen Feuersturm provozieren, der die japanische Kriegswirtschaft empfindlich schwächen sollte.

US-General Curtis LeMay: Einen Feuersturm provozieren

US-General Curtis LeMay: Einen Feuersturm provozieren

Foto: Bettmann Archive / Getty Images

Die Stunden zwischen dem 9. und 10. März 1945 gingen als »Die Nacht des schwarzen Schnees« in das kollektive Gedächtnis des japanischen Volkes ein. Der gezielte Brandbombenangriff gilt als einer der destruktivsten Akte des Zweiten Weltkriegs, zerstörerischer als der Bombenangriff auf Dresden.

Beladung der US-Flugzeuge mit Bomben im Jahr 1944: Rücksicht auf Zivilisten fahren gelassen

Beladung der US-Flugzeuge mit Bomben im Jahr 1944: Rücksicht auf Zivilisten fahren gelassen

Foto: Keystone / Getty Images

Der Feuersturm kostete nach konservativen Schätzungen mindestens 80.000 Menschen, wahrscheinlich aber weit über 100.000 Japanerinnen und Japaner das Leben – weit mehr Tote als unmittelbar bei den Atombombenangriffen auf Hiroshima und Nagasaki starben. Mehr als 1 Million Menschen verloren ihre Häuser.

Aiko Matani floh in dieser Nacht mit ihren Eltern und zwei ihrer drei Geschwister vor den Flammen, die sich in Windeseile durch die Holzbauten fraßen, die den Großteil der Tokioter Wohngebäude ausmachten. Familie Matani lief zu einer Schule, die während der Luftangriffe als Sammelstelle diente. »Ich spürte plötzlich eine intensive Hitze an meiner Taille«, beschrieb sie ihre Erinnerungen später für eine Sammlung von Zeitzeugenberichten . »Als ich nach unten blickte, sah ich brennende Stiefel an den Füßen meiner kleinen Schwester, die auf meinem Rücken saß«, Aiko beeilte sich, das Kind abzusetzen und zog der Kleinen hastig die brennenden Stiefel von den Füßen.

Zerstörte Stadtviertel in Tokio: »Nacht des schwarzen Schnees«

Zerstörte Stadtviertel in Tokio: »Nacht des schwarzen Schnees«

Foto:

Gamma-Keystone / Getty Images

Gemeinsam mit anderen Einwohnern Tokios verbarrikadierten sich die Matanis in Todesangst in der Schule. »Zuspätkommende wurden nicht reingelassen, egal, wie sehr sie flehten. Wir stählten unsere Herzen gegen Mitleid und weigerten uns, die Türen zu öffnen, aus Angst, dass die Flammen in den Raum gesaugt werden würden.« Durch das Fenster sahen sie, wie Funken auf die Menschen vor der Tür herabregneten.

Als schließlich auch die Schule in Flammen aufging, liefen Aiko und ihre Familie erneut um ihr Leben. »In der Nähe rollte eine Frau mit brennendem Haar auf dem Boden. Ein Mann riss sich im Laufen die brennenden Kleider vom Leib«, erinnerte sie sich an die traumatischen Szenen dieser Nacht. Menschen verbrannten oder erstickten. Der Feuersturm entwickelte solch hohe Temperaturen, dass Verzweifelte, die in einen Pool gesprungen waren, im Wasser gekocht wurden.

Leichenberg am Tag danach: Verbrannt, erstickt, bei lebendigem Leib gekocht

Leichenberg am Tag danach: Verbrannt, erstickt, bei lebendigem Leib gekocht

Foto: Ann Ronan Picture Library / Photo12 / picture alliance

Aiko und ihre Familie hatten Glück: Sie überlebten. Ihr Haus war jedoch vollkommen zerstört.

Es war nicht die letzte Nacht des Schreckens für die Menschen in Tokio. Japans Hauptstadt war noch bis August 1945 Ziel von amerikanischen Luftangriffen. Der Krieg im Pazifik, auf den mindestens 40 Prozent der Kriegstoten entfallen, tobte nach der Kapitulation des »Dritten Reichs« im Mai 1945 noch mehrere Monate lang weiter. Am 6. August warf die US-Luftwaffe eine Atombombe über der japanischen Stadt Hiroshima ab, drei Tage später fiel eine zweite Bombe über Nagasaki.

Luftaufnahme nach dem Atombombenabwurf über Nagasaki am 9. August 1945: Kapitulation erst am 2. September 1945

Luftaufnahme nach dem Atombombenabwurf über Nagasaki am 9. August 1945: Kapitulation erst am 2. September 1945

Foto: AP

Erst mit der Kapitulation des japanischen Kaiserreichs am 2. September 1945 war der Zweite Weltkrieg endgültig beendet.


Was in dieser Woche vor 80 Jahren passierte

Die US-Armee fliegt in der Nacht zum 10. März einen der schwersten Luftangriffe auf Tokio. Einzelne Stadtteile brennen bis zu drei Tage lang, die Zahl der Toten beläuft sich Schätzungen zufolge auf 80.000 bis über 100.000 Tote

Hellmuth Reymann, Kampfkommandant von Berlin, ordnet an, dass Berlin »bis zum letzten Mann und bis zur letzten Patrone« verteidigt werden soll.

Von der untergetauchten Jüdin über den US-Soldaten bis zum NS-Propagandaminister: Begleiten Sie mit uns sieben Menschen bis zum Kriegsende – in jeder Folge kommen vier von ihnen zu Wort.

Noch immer besaß Alice Löwenthal keinerlei Nachricht von Mann und Töchtern. Die jüdische Hutmacherin und Schneiderin freute sich auf den Sieg der Alliierten über Nazideutschland, litt jedoch zunehmend unter der bohrenden Ungewissheit.

Am 14. März schrieb sie in einem Brief an ihren Ehemann Adolf: »Aber werde ich mich dieses Sieges noch freuen können? Wirst Du und werden mir die Kinder erhalten geblieben sein? Was soll ich anfangen, wenn ich Euch nicht wieder bei mir habe?«

Löwenthal war am Ende ihrer Kräfte: »Aber diese Angst, diese Sorge um Dich und die Kinder, diese manchmal unerträgliche Sehnsucht nach Euch (…) All das fehlt mir so sehr, dass ich manchmal schreien möchte, all meine Angst und meine Sehnsucht herausschreien.«

Die 35-jährige Berlinerin, die bei Freunden untergetaucht war, schilderte ihre widersprüchlichen Gefühle im Angesicht der Not leidenden Deutschen: »Heute sind sie es, denen ihr letztes bisschen Habe, ihre Wohnungen genommen, ihre Angehörigen in endlosen Trecks und Flüchtlingszügen einem ungewissen Schicksal entgegenfahren oder -marschieren!«

Löwenthal konnte die Not der Menschen gut nachvollziehen: »Oh ja, ich verstehe sie, ich weiß, was es heißt, Heim und Habe im Stich zu lassen (…) Ich weiß auch, was es heißt, seine nächsten Lieben und all die Menschen, an denen man hängt, im Ungewissen, in Not und Elend, in Hunger und Todesqualen zu wissen.«

Die Juden hätten »das alles« längst hinter sich – ihr Schicksal sei jedoch nur von wenigen bedauert worden. Daher fragt sich auch Löwenthal, warum nun ausgerechnet sie mit den Not leidenden Deutschen mitfühlen sollte: »Und da soll ich heute mit ihnen Mitleid haben?«

Alice Löwenthal (1909–1987) war eine jüdische Modistin aus Berlin. Nachdem ihr Ehemann im Februar 1943 festgenommen und deportiert worden war, tauchte sie mit ihren beiden Kindern unter. Die Töchter aus erster Ehe, Ruth und Brigitte Süssmann, kamen zunächst in Weimar bei der Cousine eines einstigen Polizisten unter.

Quelle: Löwenthals bislang unveröffentlichten Briefe sind teilweise abgedruckt bei: Volker Heise: 1945. Rowohlt 2024. Dass wir ihre ganzen Briefe einsehen durften, verdanken wir ihrer Tochter Eva.


Zur gleichen Zeit in München: Die junge Nationalsozialistin Wolfhilde von König freute sich am Anblick der Schneelandschaft. Am 8. März schrieb sie: »Frau Holle schüttelt tüchtig ihre Betten. Baum und Strauch tragen ihre weiße Last. Die Ruinen und Trümmerhalden werden bedeckt.«

Die 19-Jährige, die im Krankenhaus Dienst leistet, war glücklich, ihre Schulfreundin Lore wiederzusehen, zudem war sie nach längerer Krankheit erneut bei der Arbeit. »Nach 5 Wochen wieder der erste Krankenhausdienst«, schrieb sie am 10. März.

»12 Stunden Dienst. Es ist eine lange Zeit und doch vergeht die Zeit sehr schnell. Wir haben einige schwere Pneumoniefälle, die erhöhte Aufmerksamkeit unserseits erfordern. (…) Ich bin zwar todmüde, aber befriedigt.«

Statt der bevorstehenden deutschen Niederlage ins Auge zu sehen, suchte die junge Nationalsozialistin Halt in NS-Ritualen wie dem sogenannten Heldengedenktag. Von König schrieb am 11. März: »Wir denken an diesem Tag an die, die für Deutschland ihr Leben ließen. Jede Familie denkt an ihre Toten und darüber hinaus denken wir alle an die Männer der Nation, die ihr Leben hingaben. (…) Wir gedenken diesmal auch der vielen Toten, die im Luftkrieg fielen.«

Wolfhilde von König (1925–1993), überzeugte Nationalsozialistin und angehende Ärztin aus München, arbeitete bei Kriegsende als Freiwillige in einem Krankenhaus.

Quelle: »Kriegstagebuch einer jungen Nationalsozialistin: Die Aufzeichnungen Wolfhilde von Königs«, herausgegeben von Sven Keller (»Schriftenreihe der Vierteljahreshefte für Zeitgeschichte«, Band 11), De Gruyter 2015.


Just an dem (von den Nationalsozialisten eingeführten) »Heldengedenktag« erlebte die Berliner Sekretärin Brigitte Eicke einen massiven Luftangriff aus nächster Nähe mit. Das gegenüberliegende Mietshaus wurde komplett zerstört, 33 Menschen kamen ums Leben.

Eicke saß zu diesem Zeitpunkt im Luftschutzkeller: »Der Angriff konzentrierte sich zum größten Teil auf unsere Gegend und Schlag auf Schlag fielen die Bomben, bis eine so nahe bei uns fiel, dass der ganze Keller geschwankt hat und das Licht ging aus und alle schrien auf.«

Als Eicke wieder ans Freie trat, nahm sie wahr, dass es in ihrer Straße brannte. »Schon auf dem Berg sahen wir den großen Feuerschein und Mutti ist mir bald zusammengeknackt.« Die Wohnung der Eickes war stark in Mitleidenschaft gezogen worden: »die Wand war raus und es sah wüst in unserer Stube aus. Nichts stand mehr auf dem alten Fleck. Die Betten waren mit dem Schutt der Wand zugedeckt und man musste steigen, um durch die Bude zu kommen.«

Wie viele Leute bei dem Angriff umkamen, wusste Eicke zu dem Zeitpunkt noch nicht. »Es sollen noch über 30 Personen unten verschüttet sein«, schrieb sie. Mit ihrer Mutter machte sie sich auf zur Verpflegungsstelle. »Es gab da prima Bohnenkaffee und dickbelegte Brote mit Weißbrot und Wurst.«

Brigitte Eicke (1927–2016) begann 1942 als 15-Jährige mit ihren Stenografieaufzeichnungen. Die Sekretärin lebte gemeinsam mit Mutter und Hund in Berlin. 1945 arbeitete sie im Berliner Warenhaus der Bekleidungsgesellschaft, das vormals den Namen N. Israel trug, dann aber zwangsarisiert wurde.

Quelle: Brigitte: Backfisch im Bombenkrieg. Notizen in Steno, hrsg. von Barbara Felsmann, Annett Gröschner und Grischa Meyer, Matthes & Seitz 2013.


Im KZ Dachau litt der niederländische Häftling Nico Rost unter der wachsenden Anzahl der Toten sowie den niedrigen Temperaturen. Am 12. März notierte der 44-Jährige nach dem Appell: »Schon seit Tagen haben wir kein Heizmaterial, wir zittern geradezu vor Kälte! Kohlen schon seit Wochen nicht mehr gesehen«.

In ihrer Not verbrannten die Inhaftierten verschiedene Holzgegenstände: »Noch mehr Latten vom Zaun in der Blockstraße können wir nicht abreißen, und wenn wir wieder einen Sarg ›organisieren‹, merken sie das in der Totenkammer«, so Rost.

»Das Einzige, was wir noch auftreiben können, sind alte Holzschuhe. Die hole ich nun jeden Abend – nach der Arztmeldung – von den Toten, die dann im Bad liegen. (…) Vier Holzschuhe brennen ungefähr eine halbe Stunde.«

Der Literaturkritiker und Übersetzer mit der Gefangenennummer 68878 stemmte sich gegen die Verzweiflung, indem er Bücher aus der Häftlingsbibliothek des Lagers verschlang. Rost verehrte Goethe zwar – alles konnte er dennoch nicht ertragen.

Auf einen Satz Goethes in einem Brief an Bettina von Arnim (»Du hast wohl recht zu sagen, dass, wo der Boden mit Heldenblut getränkt wird, es in jeder Blume neu hervorsprieße«) antwortete Rost mit dem Ausruf: »Nein! – nein! – nein! – ich kann hier in Dachau solche Äußerungen, selbst wenn sie von einem Genie wie Goethe stammen, nicht lesen, ohne innerlich dagegen in Aufruhr zu geraten.«

Bereits 1933 von den Nationalsozialisten ins KZ Oranienburg verschleppt, war der niederländische Kommunist und Schriftsteller Nicolaas Rost nach seiner erneuten Verhaftung erst im KZ Herzogenbusch und dann in Dachau interniert. Rost war im Lager als Pförtner und Läufer tätig, unter enormen Risiken führte er heimlich Tagebuch.

Quelle: Nico Rost: Goethe in Dachau: Ein Tagebuch. Ullstein 2000.


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