Adolf Hitler hatte sich am 30. April selbst getötet, die Russen eroberten Berlin, die militärische Lage im ganzen Reich war für die Wehrmacht aussichtslos. Eigentlich hätte der Krieg vorbei sein können.
Aber nein: Die Regierung unter Großadmiral Karl Dönitz, den Hitler in seinem Testament zu seinem Nachfolger als Reichspräsident auserkoren hatte, dachte nicht daran, einen Schlussstrich zu ziehen. Dönitz begann, sich eine Taktik für die Verhandlungen mit den Alliierten auszudenken.
Als gäbe es noch etwas zu gewinnen.
Dönitz versuchte, auf Zeit zu spielen, um noch »möglichst viele Menschen vor der Vernichtung durch den Bolschewismus zu retten«, und strebte daher nach einem Deal mit den Westalliierten, der es erlauben würde, versprengte Truppenteile oder Flüchtlinge aus den von den Sowjets besetzten Gebieten in den Westen holen zu können.
Im Frühjahr 1945 tobten in Europa die letzten Wochen des Zweiten Weltkriegs. Von Westen rückten die Streitkräfte der USA, Frankreichs, Großbritanniens, Belgiens und anderer Verbündeter vor, von Osten die sowjetische Rote Armee. In dieser Serie blenden wir zurück in die Zeit vor 80 Jahren, vermitteln mit Texten, Fotos, Videos und Zeitzeugenberichten einen Eindruck davon, was damals geschah und wie unterschiedlich Menschen diese Zeit erlebten.
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»Genießt den Krieg, denn der Frieden wird fürchterlich« – als folgte man diesem damals unter Nazis kursierenden Spruch, dauerte es also noch eine Weile, bis es vorbei war mit all dem Blut, Leid, Sterben. Immerhin hielt Dönitz sich nicht an die Order in Hitlers Testament, »den Krieg mit allen Mitteln weiter fortzusetzen«.
Die Reichsregierung war Ende April schon nach Schleswig-Holstein evakuiert worden, »Festung Nord« hieß das Gebiet, etwas übertrieben, im damaligen Nazisprech. Bis auf die Berliner Führerbunker-Truppe und vielleicht Hermann Göring, der sein Glück im Süden suchte (und nicht fand), hatte sich so ziemlich alles, was damals Rang und Namen hatte, in den Norden verzogen: hochrangige Militärs wie Alfred Jodl und Wilhelm Keitel, Minister wie Albert Speer, SS-Größen inklusive ihres Anführers Heinrich Himmler und ehemalige KZ-Kommandanten wie Rudolf Höß.
Zunächst flüchteten Dönitz und seine Mannen in den ersten Maitagen, von den heranrückenden Briten getrieben, von Eutin weiter gen Norden und bezogen am 3. Mai Quartier in dem Marinestützpunkt im Flensburger Vorort Mürwik. Dort konstituierte sich die neue Regierung Dönitz. Und begann, über den Untergang nachzudenken.
»Kapitulation auf Raten«, nennt Historiker Gerhard Paul die Versuche der Regierung Dönitz, den Westmächten noch Zugeständnisse abzutrotzen – und am Ende dann doch bedingungslos die Waffen zu strecken. Paul hat gerade ein Buch über diese Zeit vorgelegt: »Mai 1945. Über das absurde Ende des ›Dritten Reichs‹«.
Darin erzählt der Historiker von dieser eigentümlichen Zwischenzeit der Weltgeschichte, die zwar den Frieden brachte – aber auch Himmlers SS-Schergen und Gestapo-Männern wertvolle Tage schenkte, in denen sie ihre Identität vom NS-Täter zum unbescholtenen Feldpolizist, Unteroffizier der Wehrmacht oder Maat der Marine ändern konnten. In den Gängen des Polizeipräsidiums in Flensburg, so Paul, hätten in der ersten Maiwoche »Hunderte von schwarzen SS-Uniformen gelegen, derer sich ihre Träger aus Angst vor Vergeltung entledigt haben«. Ganze Lastwagenladungen mit Gestapoakten seien von dort abgefahren worden, um vor den Toren der Stadt verbrannt zu werden.
An diesem Ort traf sich auch Himmler, bevor Dönitz ihn abservierte, am 5. Mai ein letztes Mal mit den Spitzen seiner SS. Paul: »Vermutlich waren nie vorher und nie danach in einem deutschen Polizeipräsidium mehr Massenmörder versammelt als in diesem Samstagmorgen in Flensburg.«
Die Deutschen kapitulierten in jenen Tagen in drei Etappen: in einem Militärzelt auf einem Hügel in der Lüneburger Heide am 4. Mai, in dem Klassenzimmer einer Schule in Reims am 7. Mai und in einem Offizierskasino in Berlin Karlshorst in der Nacht zum 9. Mai. Engländer, Amerikaner, Russen – die Siegermächte sicherten sich jeweils ihr Kapitulationsevent. Die Franzosen konnten immerhin für sich verbuchen, dass Event Nummer 2 in ihrem Land stattfand: In Reims hatten die Westalliierten unter General Dwight D. Eisenhower ihr Lager aufgeschlagen.
Dönitz’ erster Versuch in Kapitulationsdiplomatie scheiterte am 3. Mai, als er eine Delegation unter Leitung des Generaladmirals Hans-Georg von Friedeburg losschickte, um mit Feldmarschall Bernard Montgomery, genannt »Monty«, über einen Separatfrieden zu verhandeln. Die Idee: nur gegenüber den Westalliierten nachgeben. Gegen die Rote Armee weiterkämpfen.
Die Deutschen, gestartet mit einer Mercedes-Limousine Typ 770 K, gelangten nach einer komplizierten Fahrt via Quickborn ins Hauptquartier des britischen Armeechefs auf dem Timeloberg südlich von Lüneburg. »Monty« ließ die Deutschen warten. Der Historiker John Buckley beschreibt in seinem Buch »Monty’s Men«, der Feldmarschall habe die Deutschen »wie Staubsaugervertreter« behandelt und angeraunzt: »Was wollen Sie?«
Noch verärgerter sei Montgomery geworden, »als sich herausstellte, dass die Delegation lediglich versuchte, Zeit zu gewinnen, damit deutsche Zivilisten und Truppen vor der vorrückenden Roten Armee nach Westen fliehen konnten«, so Buckley.
Der britische Oberbefehlshaber packte seine Karten aus und zeigte den Deutschen ihre erbärmliche militärische Lage. »Sie hatten davon offenbar keine Ahnung und waren sehr bestürzt«, schrieb Montgomery in seinen Memoiren. Ein Kriegsreporter berichtete für den Sender CBS: »Admiral von Friedeburg brach in Tränen aus, als er außer Sichtweite von Montgomery war, und er weinte weiter beim Mittagessen.«
Der Feldmarschall stellte klar: Alle Truppen im Norden und Nordwesten hatten ihre Waffen zu strecken, auch in Holland, auch in Dänemark. Von Friedeburg muss das mit Dönitz abstimmen. Die Delegation fährt zurück nach Flensburg.
Am 4. Mai, abends um 18 Uhr, kam von Friedeburg zurück zum Timeloberg. Es regnete, und Feldmarschall Montgomery hatte alles vorbereitet für eine große Show vor der Weltpresse: ein Zelt, ausgestattet mit einem simplen Tisch und Stühlen, Billigstiften zum Unterschreiben, Kriegsreporter, Kameras. »Monty« drohte, im Fall einer Weigerung der Deutschen weiterzumachen mit den Bombardements. Kampfflieger der Royal Air Force donnerten währenddessen über die Köpfe der Verhandler, als bedürfte die Botschaft des Briten noch der Bekräftigung.
Die Deutschen signierten die Urkunde über die Kapitulation der nördlichen und nordwestlichen Streitkräfte. Montgomery verherrlichte später den kleinen Berg in der Lüneburger Heide zu seinem »Siegeshügel«.
Auf dem Timeloberg unterzeichnete Urkunde über die Teilkapitulation der Wehrmacht im Norden und Nordwesten: »Admiral von Friedeburg brach in Tränen aus, als er außer Sichtweite von Montgomery war«
Foto: SZ Photo / picture allianceDirekt von den Verhandlungen mit Montgomery flog Hans-Georg von Friedeburg nach Reims, ins Hauptquartier der Alliierten, wo Oberbefehlshaber Dwight D. Eisenhower residierte. Es ging in die zweite Runde der Verhandlungen mit den Siegermächten. Am 6. Mai gegen 17.30 Uhr kam Verstärkung für von Friedeburg aus Flensburg nach Reims: Generaloberst Alfred Jodl vom Oberkommando der Wehrmacht.
Die deutschen Offiziere wollten mit dem amerikanischen Befehlshaber Dwight D. Eisenhower verhandeln. Wieder versuchten sie, die Anti-Hitler-Allianz zu spalten: Wegen der Gefahr aus dem Osten könnten sie die Waffen nicht bedingungslos strecken. Aber Eisenhower empfing Jodl nicht einmal. »Man lässt ihn wissen, dass nur eine Gesamtkapitulation, auch gegenüber der Sowjetunion, akzeptabel sei«, schreibt der Historiker Volker Heise in seinem Buch »1945«, in dem er das Schicksalsjahr aus Tagebüchern, Protokollen und anderen Originalquellen zusammenpuzzelt. »Falls er, Jodl, darauf nicht eingehe, würde Eisenhower die Kämpfe in aller Härte fortsetzen und auch die Luftangriffe auf deutsche Städte wiederaufnehmen.«
Also funkte von Friedeburg in der Nacht zum 7. Mai von Reims nach Flensburg: »General Eisenhower besteht darauf, dass wir noch heute unterschreiben.« Dönitz war sauer: »Absolute Erpressung!« Letztlich musste der deutsche Oberbefehlshaber aber nachgeben. Um ein Uhr morgens schickte Dönitz ein Telegramm: Jodl dürfe im Namen des Deutschen Reichs die Gesamtkapitulation unterzeichnen.
Beurkundung der bedingungslosen Kapitulation durch Wehrmachtsoffiziere Jodl (stehend) und von Friedeburg (r.) in Reims: »General Eisenhower besteht darauf, dass wir noch heute unterschreiben«
Foto: Scherl / SZ Photo / picture allianceSo geschah es. In dem Kartenraum im Reimser Schulgebäude »steht ein langer Tisch, daneben einfache Stühle«, beschrieb ein Reporter damals die Szenerie. »Über dem Eingang steht ›War Room‹.« Zwischen 2.39 und 2.41 Uhr beurkundeten Jodl und von Friedeburg die bedingungslose Kapitulation »aller unter deutscher Befehlsgewalt stehenden Streitkräfte«, zu Lande, zu Wasser und in der Luft.
Danach erst durfte Jodl zu Eisenhower. Der fragt, ob der Deutsche und seine Begleiter bereit seien, die Bedingungen zu erfüllen. »Jodl bejaht, salutiert und geht ab. Ein Wagen bringt ihn zum Flughafen«, so Historiker Heise.
»Am 8. Mai, 23 Uhr, schweigen die Waffen!« Mit diesem Wortlaut kündigte Karl Dönitz das Ende des Zweiten Weltkriegs auf dem europäischen Kontinent an. Die englischsprachige Welt nennt den Tag seitdem »VE Day«, Victory in Europe Day.
Nur: Josef Stalin reichte Reims nicht; er benötigte seine eigene Kapitulationsshow, dokumentiert mit Foto und Film: im Offizierskasino in Berlin-Karlshorst, dem Hauptquartier der Roten Armee.
Vonseiten der Deutschen wurde diesmal aus Flensburg Generalfeldmarschall Wilhelm Keitel geschickt, Chef des Oberkommandos der Wehrmacht.
»Keine Straße, kein Ort, kein Haus ist zu erkennen, selbst der Tiergarten scheint mit Pulver und Asche bedeckt«, schrieb später der Dolmetscher, der die deutschen Offiziere nach Karlshorst begleitete und mit ihnen den Anflug auf die zerbombte Hauptstadt am 8. Mai erlebte.
Der Dolmetscher bemerkte Keitels Arroganz: Der »silberbeschlagene Marschallstab in der handschuhbedeckten rechten Hand, das Monokel im Auge, gekleidet in seiner sorgfältig ausgewählten blaugrauen Uniform und aufgeblasen vor Stolz und Eitelkeit«.
Dem Oberkommandierenden der französischen Armee, Jean de Lattre de Tassigny, fiel bei der Besichtigung des Saals für die Kapitulationszeremonie auf, dass die Trikolore fehlt. Er forderte, »dass sie gleichberechtigt neben denen der anderen Alliierten angebracht ist«.
Um Mitternacht war es so weit, die deutsche Delegation betrat den Raum. Über 100 Reporter aus der ganzen Welt, Fotografen, Kameraleute dokumentierten das Geschehen in Karlshorst. An der Wand hingen die sowjetische Flagge, an den Seiten der Union Jack und das Sternenbanner – und schließlich auch die Trikolore.
Kriegsverlierer Keitel beim Unterzeichnen der Kapitulationsurkunde in Berlin-Karlshorst: Stalin brauchte seine eigene Kapitulationsshow
Foto: akg-images / picture allianceIn Keitels Gesicht und Körper wagte sich »kein Muskel zu bewegen«, schrieb der Dolmetscher später. »Steif und starr« habe er dagesessen, berichtete auch ein Reporter. »Der große Offizier, der hinter seinem Sessel steht, weint.« Keitel habe zu dem Mann gesagt: »Lassen Sie das.«
Inzwischen war der 9. Mai angebrochen. Generalfeldmarschall Keitel unterschrieb um 0.16 Uhr in Karlshorst die Kapitulationsurkunde. Die Sowjets datierten das Dokument auf den 8. Mai 23.45 Uhr zurück – sonst hätte es nicht zu dem offiziellen Akt gepasst.
Beim Reichssender Flensburg las der Sprecher gegen 20.03 Uhr einen Auszug aus dem letzten Wehrmachtsbericht vor: »Das Oberkommando der Wehrmacht gibt bekannt: Seit Mitternacht schweigen nun an allen Fronten die Waffen. Auf Befehl des Großadmirals hat die Wehrmacht den aussichtslos gewordenen Kampf eingestellt.«
Es war das Ende. Und ein Anfang – der Frieden in Europa sollte länger als 75 Jahre dauern.
Chronik: Was in dieser Woche vor 80 Jahren passierte
Deutsche Truppen in Nordwestdeutschland, Dänemark und den Niederlanden kapitulieren vor dem britischen Feldmarschall Bernard Montgomery.
Der letzte Tagebucheintrag von Flakhelfer Dieter Borkowski stammt vom Nachmittag des 2. Mai – dem Tag, an dem die letzten versprengten Wehrmachtverbände in Berlin die Waffen streckten.
Dieter Borkowski war im August 1944 als Luftwaffenhelfer zur Wehrmacht einberufen worden, der 16-Jährige erlebte das Kriegsende in Berlin. Sein Tagebuch rekonstruierte er nach dem Krieg aus dem Gedächtnis.
Quelle: Dieter Borkowski: »Wer weiß, ob wir uns wiedersehen: Erinnerungen an eine Berliner Jugend«, Fischer Verlag 1980.
»Oben, auf der Schönhauser-Allee, fluten die Truppen zurück. Und die Russen schießen nicht mehr. Keiner will mehr kämpfen«, schrieb der 16-Jährige. Mit seinen Kameraden Manfred und Peter schlug er die Tür eines Milchladens ein und fand einen großen Marmeladeneimer.
Die Jungen stillten ihren Hunger und fielen in einen tiefen Schlaf, so Borkowski. »Wie viele Stunden vergingen, weiß ich nicht. Ich werde von einem fremden Laut geweckt; ›Dawai, Dawai!‹ Ein junger russischer Soldat, semmelblondes Haar unter dem schiefen Käppi, sammelt die Waffen ein«, schrieb der Teenager.
Schriftsteller Borkowski (1983): »Die Russen schießen nicht mehr, keiner will mehr kämpfen«
Foto:Teutopress / ullstein bild
Im Mai 1945 geriet Dieter Borkowski kurzzeitig in sowjetische Kriegsgefangenschaft. Der Berliner studierte Geschichte und trat in die SED ein, zudem wurde er Journalist. 1953 schließt die SED-Führung den einstigen Flakhelfer aus der Partei aus, Borkowski wurde mehrfach inhaftiert.
1972 wurde er gegen DDR-Spione in der Bundesrepublik ausgetauscht. Sein Tagebuch aus den Kriegsjahren rekonstruierte er aus dem Gedächtnis. Dieter Borkowski starb 2000 in Berlin.
Wolfhilde von König (1925–1993), überzeugte Nationalsozialistin und angehende Ärztin aus München, arbeitete bei Kriegsende als Freiwillige in einem Krankenhaus.
Quelle: »Kriegstagebuch einer jungen Nationalsozialistin: Die Aufzeichnungen Wolfhilde von Königs«, herausgegeben von Sven Keller (»Schriftenreihe der Vierteljahreshefte für Zeitgeschichte«, Band 11), De Gruyter 2015.
Die Nationalsozialistin Wolfhilde von König war entsetzt ob der deutschen Niederlage: »Es ist kaum zu fassen und doch so unsagbar traurig«, schrieb die 19-Jährige. »Wir, die wir bis zum Kaukasus, bis am Nordmeer und an den Pyrenäen, in Tripolis und am Balkan waren, wir haben den Feind im Land, der uns ausrotten will.«
Für die rasche Kapitulation Münchens hatte die angehende Ärztin nur Verachtung übrig: »Kaum zeigten sich die ersten Amerikaner in unserer Straße, da wurden von einzelnen Wohnungen die weißen Fahnen gehisst. Manche Leute winkten mit den Tüchern. Etwas mehr Ehre hätte ich den Münchnern schon zugetraut«, notierte sie am 30. April.
Die junge Frau weigerte sich anzuerkennen, dass Deutschland den Krieg verloren hatte: »Unaufhörlich rollen die feindlichen Panzer und Fahrzeuge durch die Stadt. Das Material ist schlecht, man kann es nicht fassen, dass wir vor diesen Waffen kapitulieren mussten«, so von König am 12. Mai.
Sie blieb dabei: Die Alliierten hätten gar keinen wirklichen Sieg errungen. »Seit 3 Tagen ist Frieden in Europa. Frieden, wie Hohn klingt es in unseren Ohren. In Amerika und England läuten die Siegesglocken zu einem Sieg, der nach Churchills eigenen Worten nur durch die pausenlosen Luftangriffe auf die Zivilbevölkerung errungen werden konnte. Das ist kein Sieg für mich. Militärisch wären wir nicht geschlagen worden.«
Ehemalige Nationalsozialistin von König (1991): Problemlos entnazifiziert
Foto:Privat
Wolfhilde von König führte noch bis November 1946 Tagebuch. Sie fiel unter die Jugendamnestie und wurde problemlos entnazifiziert. Ab 1946 studierte sie Medizin und wurde Anästhesistin. Von König verstarb 1993 im Alter von 68 Jahren in München. Ihr Tagebuch wurde erst 2009 im Nachlass ihres Bruders Emanuel entdeckt.
Alice Löwenthal (1909–1987) war eine jüdische Modistin aus Berlin. Nachdem ihr Ehemann im Februar 1943 festgenommen und deportiert worden war, tauchte sie mit ihren beiden Kindern unter. Die Töchter aus erster Ehe, Ruth und Brigitte Süssmann, kamen zunächst in Weimar bei der Cousine eines einstigen Polizisten unter.
Quelle: Löwenthals bislang unveröffentlichten Briefe sind teilweise abgedruckt bei: Volker Heise: 1945. Rowohlt 2024. Dass wir ihre ganzen Briefe einsehen durften, verdanken wir ihrer Tochter Eva.
Auch nach der Kapitulation der Deutschen wusste Alice Löwenthal nicht, was mit Ehemann und Töchtern passiert war. Nach wochenlanger Pause schrieb sie erst am 13. Mai wieder einen Brief an ihren Mann. Sie berichtete von ihrem Gang zur Berliner Kommandantur: Dort habe man nicht glauben können, dass es in Berlin noch Juden gab.
»Ich habe nun die Erlaubnis erwirkt, unsere Wohnung wieder zu beziehen. Man sagte mir, ich dürfe zwar nicht die bombengeschädigten jetzigen Bewohner raussetzen, aber ich könne verlangen, dass man mir zunächst erst mal einen Raum freimache«, schrieb Löwenthal.
»Es war nicht so ganz einfach, das zu erreichen, aber dann sahen unsere ›Nachfolger‹ doch ein, dass ich darauf ein Anrecht habe. Alle Mieter im Hause sind hoch erfreut, oder sie taten wenigstens so.«
Die 35-Jährige schrieb, dass sie zum jüdischen Krankenhaus gegangen sei, wo sie nach ihren Töchtern gefragt habe. Dort erfuhr Löwenthal, dass Ruth und Gitti (sieben und fünf Jahre alt) deportiert worden seien.
»Man sagte mir, dass sie nach Auschwitz gekommen seien, man hätte sie dort (im Krankenhaus) liebgewonnen, besonders die Kleine, und hätte alle Hebel in Bewegung gesetzt, um sie hier zu behalten.«
Löwenthal entschied sich, bei der jüdischen Gemeinde mitzuhelfen, um dort den Bedürftigsten zur Seite zu stehen und zu erfahren, was genau mit ihrer Familie passiert war.
Sie weigerte sich zu akzeptieren, dass sie ihre Liebsten nie wieder in ihre Arme schließen würde. »Ich kann es nicht glauben, dass das Schicksal mit mir so hart ist, Euch nicht mehr zu mir zurückzuführen, und gebe meine Hoffnung nicht auf«, schrieb sie.
»Vielleicht ist es wirklich so, wie Du immer gesagt hast, dass uns immer im letzten Moment die Rettung kommt, vielleicht ist es auch in diesem Falle so, und vielleicht bist Du jetzt sogar schon mit den Kindern zusammen.«
NS-Opfer Löwenthal: »Ich kann es nicht glauben, dass das Schicksal mit mir so hart ist«
Foto:Privat
Alice Löwenthal schrieb noch bis zum Sommer 1945 Briefe an ihren Mann. Dann erst hatte sie die traurige Gewissheit, dass ihre Familie in Auschwitz ermordet worden war: Nachdem Löwenthal ihre Töchter Ende 1943 in Weimar einer Helferin anvertraut hatte, waren Ruth und Gitti 1944 von einer Nachbarin verraten und im August deportiert worden.
1947 heiratete Löwenthal Willy Nickel, den Sohn einer ihrer Retterinnen. Im Jahr darauf kam Tochter Eva Ruth Brigitte zur Welt: Sie erhielt die Namen der beiden ermordeten Schwestern.
Eva (heute 76) kann sich noch gut erinnern, wie sie als Mädchen mit ihrer Mutter vor dem Radio saß und die Suchmeldungen aus dem Krieg verfolgte: Alice Löwenthal starb 1987 in Berlin.
Melvin J. Lasky (1920–2004) wurde 1943 in die U.S. Army einberufen. Als »Combat Historian« begleitete der Sohn polnischer Juden aus New York die Truppen der 7. US-Armee bei ihrem Vormarsch auf Deutschland.
Quelle: Melvin Lasky: »Alles war still: Deutsches Tagebuch 1945«, aus dem Englischen von Christa Krüger und Henning Thies. Rowohlt 2014.
US-Soldat Melvin J. Lasky folgte den Truppen der 3. US-Armee weiter Richtung Süden. Mit Entsetzen reagierte er auf die Ruinen Augsburgs: »Die Stadt lag in Trümmern. Wie all die anderen, zu Dutzenden, zu Hunderten. Mein Gott! Ein ganzer Trümmerkontinent«, notierte der 25-jährige Militärhistoriker am 4. Mai.
Er war sich sicher, dass die deutsche Kapitulation unmittelbar bevorstehe: »Der Krieg in Europa kann nur noch Tage dauern«, schrieb er am 6. Mai. Zwei Tage später war es so weit. Atemlos notierte Lasky, was er am 8. Mai bei der Fahrt mit dem Jeep nach München sah: »Ein warmer, sonniger Tag. Brach um neun Uhr auf. Der Krieg ist vorbei. Lastwagen in Konvois, überladen mit Gefangenen. Eine alte Frau, ein junges Mädchen winken zum Abschied, gehen langsam weiter. Kinder spielen in Schützengräben, in Wrackteilen von Flakausrüstungen. Straßenschilder der 3. Division. Dachau, grauenvoller Auswuchs der modernen Gesellschaft.«
In München angekommen, beklagte er auch dort den Zustand der zerstörten Stadt. »Großartige alte Gebäude, jetzt nur noch hässliche Ruinen«, schrieb Lasky. Und: »In der Nymphenburger Straße flirteten Mädchen mit US-Soldaten.«
Bitterkeit erfüllte den US-Oberleutnant angesichts der grauenhaften Details, die ihm Holocaustüberlebende berichteten. Für das besiegte Land wagte er eine pessimistische Prognose: »Was für eine Tragödie. Die Naziroutine hat sich durchgesetzt. Für Deutschland habe ich keine Hoffnung. Ein wenig vielleicht für die nächste Generation, für die Kinder, die jetzt aufwachsen. Aber neue menschliche Wesen müssten geschaffen werden«, schrieb Lasky am 10. Mai.
Ehemaliger US-Soldat Lasky (2000): »Für Deutschland habe ich keine Hoffnung«
Foto:Bruni Meya / akg-images / picture alliance
Der US-Soldat Melvin J. Lasky quittierte seinen Militärdienst im Sommer 1946, er führte Tagebuch bis zum Oktober 1946. Nach Kriegsende ging der Sohn polnischer Juden nach Berlin, war als Kulturbeauftragter der US-Besatzung tätig und schrieb für verschiedene US-Medien. 1948 gründete Lasky die politisch-kulturelle Zeitschrift »Der Monat«. Der Publizist und Autor starb 2004 in Berlin.
Brigitte Eicke (1927–2016) begann 1942 als 15-Jährige mit ihren Stenografieaufzeichnungen. Die Sekretärin lebte gemeinsam mit Mutter und Hund in Berlin. 1945 arbeitete sie im Berliner Warenhaus der Bekleidungsgesellschaft, das vormals den Namen N. Israel trug, dann aber zwangsarisiert wurde.
Quelle: Brigitte: Backfisch im Bombenkrieg. Notizen in Steno, hrsg. von Barbara Felsmann, Annett Gröschner und Grischa Meyer, Matthes & Seitz 2013.
Die Tage unmittelbar vor der Kapitulation waren für die Berliner Sekretärin Brigitte Eicke geprägt von immer größerer Todesangst. Um nicht vergewaltigt zu werden, versuchte die 18-Jährige, älter zu wirken, indem sie sich ein Kopftuch umband. Aber auch Seniorinnen wurden Opfer der sexuellen Übergriffe durch die Rote Armee, wie Eicke notierte.
»Eine alte Frau in unserem Haus haben sie zweimal vergewaltigt«, so die Sekretärin am 3. Mai. »Ich habe solche Angst. … Wir werden wohl alle nicht mehr am Leben bleiben.«
Mit Abscheu notierte sie, wie um sie herum eine Gesellschaft in Anarchie versank: »Die Menschen waren alle wie irre und beim Plündern wie die Hyänen, keiner hat Rücksicht genommen, sie haben geschlagen, gar nicht mehr menschenähnlich.«
Dennoch beteiligte sich auch Eicke an den Beutezügen, nahm etwa Pelzmäntel, kaffeebraune Kreppseide und Schuhe an sich – auch Kleider aus der Textilfirma, für die sie tätig war. Der Gang durch die Stadt glich einem Albtraum: »Es lagen viele Tote auf der Straße und aufgedunsene Pferdeleiber, es sieht furchtbar aus«, schrieb Eicke am 4. Mai.
Die einsetzende Suche der Alliierten nach NS-Anhängern verglich die junge Frau (in Verdrehung der Tatsachen) mit antisemitischen Pogromen: »Es beginnt jetzt eine Nazi-Verfolgung, wie damals bei den Juden, was wird mit mir werden?«, notierte sie.
Doch Brigitte Eicke hatte Glück: Sie wurde nicht vergewaltigt und entging auch einer Inhaftierung, musste zur Strafe für ihre NSDAP-Mitgliedschaft jedoch Sonderarbeitseinsätze leisten.
86-Jährige Eicke: »Was wird mit mir werden?«
Foto:Doris Spiekermann-Klaas / Der Tagesspiegel
Nach Kriegsende wurde sie als eines der jüngsten Parteimitglieder entnazifiziert, ab Sommer 1945 arbeitete sie als Sekretärin in einem antifaschistischen Jugendausschuss. Brigitte Eicke lebte bis zu ihrem Tod im Jahr 2016 im Prenzlauer Berg.
Bereits 1933 von den Nationalsozialisten ins KZ Oranienburg verschleppt, war der niederländische Kommunist und Schriftsteller Nicolaas Rost nach seiner erneuten Verhaftung erst im KZ Herzogenbusch und dann in Dachau interniert. Rost war im Lager als Pförtner und Läufer tätig, unter enormen Risiken führte er heimlich Tagebuch.
Quelle: Nico Rost: Goethe in Dachau: Ein Tagebuch. Ullstein 2000.
Die unter Lebensgefahr heimlich aufgezeichneten Tagebucheinträge des niederländischen KZ-Häftlings Nico Rost endeten am 30. April: dem Tag nach der Befreiung des Konzentrationslagers Dachau.
Nach dem Krieg veröffentlichte er sein Tagebuch. Da der Journalist und Übersetzer inmitten des Elends von Dachau Kraft aus der klassischen Literatur geschöpft hatte, nannte er es: »Goethe in Dachau«.
Autor Rost (1966)
Foto:piemags / IMAGO
Rost ließ sich mit seiner Frau, der Jüdin Edith Blumberg, in der Sowjetischen Besatzungszone (und späteren DDR) nieder, 1951 wurde er ausgewiesen. Als Mitglied des Niederländischen und des Internationalen Komitees von Dachau setzte er sich für die Entstehung einer Gedenkstätte und gegen das Vergessen ein. Nico Rost starb 1967 in Amsterdam.
Seit 1923 führte Joseph Goebbels (1897–1945) regelmäßig Tagebuch, die Aufzeichnungen des NS-Propagandaministers wurden in mehreren Bänden posthum veröffentlicht.
Quelle: Joseph Goebbels: Tagebücher in fünf Bänden 1924–1945, Band 5: 1943–1945, Piper Verlag 2008.
Mit einem zehn Blatt langen Eintrag zur militärischen Situation vom 10. April 1945 sowie einigen (nicht mehr datierbaren) Passagen aus den darauffolgenden Tagen endet die Überlieferung der Tagebücher von NS-Propagandaminister Joseph Goebbels. Erhalten ist indes ein Brief des NS-Politikers an seinen Stiefsohn Harald Quandt, verfasst am 28. April 1945. Darin heißt es:
»Mein lieber Harald! Wir sitzen eingeschlossen im Führerbunker in der Reichskanzlei und kämpfen um unser Leben und um unsere Ehre. Wie dieser Kampf ausgehen wird, das weiß nur Gott allein. Ich aber weiß, dass wir nur mit Ehre und Ruhm lebend oder tot daraus hervorgehen werden. Ich glaube kaum, dass wir uns noch einmal wiedersehen werden.«
Ehepaar Goebbels mit dreien der Töchter, dem gemeinsamen sowie dem Sohn aus Magdas erster Ehe (hinten): »Ich glaube kaum, dass wir uns noch einmal wiedersehen werden«
Foto:akg-images / picture alliance
Drei Tage später, am 1. Mai, zwang das Ehepaar Goebbels Helfer, bei der Tötung seiner sechs Kinder Helga (12), Hilde (11), Helmut (9), Holde (8), Hedda (6) und Heide (4) mit Zyankali mitzuwirken. Anschließend begingen Magda und Joseph Goebbels Selbstmord.
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Kornblumenblau
Susanne BeyerPreisabfragezeitpunkt
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