Hausmitteilung Eine komplizierte Beziehung
Heimkehrende Truppen und Volksmenge vor dem Brandenburger Tor in Berlin im November 1918: Emotional aufgeladen und kompliziert
Foto:DHM / ullstein bild
Erleben die Deutschen eine Zeitenwende? Und wenn ja, die wievielte? Als Reaktion auf den russischen Angriff gegen die Ukraine im Februar 2022 versprach der damalige Bundeskanzler Olaf Scholz in einer schon jetzt historischen Rede eine neue Verteidigungspolitik. Seitdem diskutieren die Deutschen wieder über ihre Armee, über Milliarden für Kampfjets, »Kriegstüchtigkeit« und die Rückkehr zur Wehrpflicht. Die einst belächelte Bundeswehr soll, so fordert es Bundeskanzler Friedrich Merz, zur stärksten konventionellen Armee Europas werden.
Die Deutschen und ihr Militär – Gehorsam, Stolz und Grauen vom Dreißigjährigen Krieg bis heute
Doch die jetzige Zeitenwende ist nur eine von zahlreichen in der deutschen Geschichte. Kaum eine Nation hat ihr Verhältnis zum Militär so radikal und so häufig neu verhandelt wie Deutschland; seine Soldaten abwechselnd gefürchtet und gefeiert, verklärt oder vergessen. Die Söldnerheere des Dreißigjährigen Krieges lösten Furcht in der Bevölkerung aus, die Freiwilligen gegen Napoleon nationale Euphorie .1848 schoss das Militär auf die eigenen Bürger , 1871 machte der Sieg über Frankreich die Soldaten zu Helden . Die Weltkriege und Verbrechen der Wehrmacht haben vielen Deutschen eine tiefe Skepsis gegenüber dem Militärischen eingebrannt. Selten war man sich seitdem einig darüber, was die deutsche Armee leisten und wofür sie stehen sollte.
Das Militär aber spiegelte nicht nur, was in der Gesellschaft passierte, es formte auch die Deutschen und ihr Land selbst; kurbelte die Wirtschaft an, schuf Männer- und Frauenbilder und veränderte die deutsche Sprache . Und dennoch bleibt das Militär bis heute ein Reizthema, emotional aufgeladen und kompliziert. Das sieht man etwa in Debatten über die Wehrpflicht, aber auch, wenn es darum geht, Kasernen umzubenennen und Vorbilder für die heutige Bundeswehr zu finden.
Diese Ausgabe erzählt die komplizierte Beziehung zwischen den Deutschen und ihrem Militär in den vergangenen 400 Jahren – und fragt, was sich daraus über die aktuelle Zeitenwende lernen lässt.
Eine spannende Lektüre wünscht das Team von SPIEGEL GESCHICHTE.