Loving, Männer die sich lieben
Historische Fotos von Homosexuellen Liebesblicke, unverkennbar
Sie tragen feinen Zwirn und edle Accessoires, ihre Haare sind sauber gescheitelt und pomadisiert. Sanft sieht der eine den Partner an, der auf seinem Schoß sitzt und einen Arm um ihn gelegt hat. Ihre Hände halten einander. Mehr Verbundenheit zwischen zwei Menschen könnte nur noch ein Kuss ausstrahlen.
Doch warum schaut der eine schüchtern auf den Boden? Sollte es seine Unsicherheit demonstrieren? Und wer waren die beiden? Fest steht: Sie waren mehr als nur Freunde.
Die Pose des Paares ist wohl inszeniert. In einem Fotoatelier ließen die Männer ihre Liebe im Bild festhalten. Die dokumentarische Carte Cabinet - eine auf Karton geklebte Fotografie im Format von etwa 10 mal 15 Zentimetern - entstand um 1880, irgendwo in den USA. Zu dieser Zeit waren in höheren Kreisen innige Beziehungen unter Männern nichts Ungewöhnliches, intime, gar erotische Gesten geduldet. Sexuelle Handlungen unter Gleichgeschlechtlichen jedoch standen in den meisten amerikanischen Bundesstaaten unter Todesstrafe.
Der Grat war schmal, und so ist diese Fotografie nicht nur Zeugnis einer Liebe, sondern auch von Mut oder Leichtsinn.
2800 Fotografien aus aller Welt
Mehr als ein Jahrhundert später entdeckte das Ehepaar Hugh Nini und Neal Treadwell die Cabinet-Karte. Sie zog die beiden derart in den Bann, dass sie eine Kopie davon rahmten und in ihrem Zuhause in New York aufhängten.
Sammler und Hüter: Hugh Nini und Neal Treadwell
Über 20 Jahre hinweg trugen Nini und Treadwell rund 2800 Fotografien dieser Art aus aller Welt zusammen, das älteste von 1850. "Als Sammler haben wir von diesen Fotos gelernt, dass es schon immer Paare wie uns gab." Stetig erweitern sie ihre Sammlung. Das Paar stöbert auf Flohmärkten und in Familienarchiven, auf Webseiten von Auktionshäusern und in Antiquitätenläden oder fragt bei Händlern an, die sich auf den Verkauf alter Fotografien spezialisiert haben.
2500 Dollar war das höchste Gebot, das Nini und Treadwell für ein Bild zahlten. Da der Preis aber kein Maß für Qualität und Ausdrucksstärke sei, wollen sie nicht verraten, welches Motiv das war. Es sei aber unter den rund 350 Fotografien, die in ihrem jüngst erschienenen Bildband "Loving - Männer, die sich lieben" erstmals veröffentlicht wurden.
An einem gewöhnlichen Sonntag überkam Nini und Treadwell das Sammelfieber. Nach dem Kirchenbesuch bummelte das Ehepaar durch einen Trödelladen in Dallas, als Hugh Nini in einer Ecke eine Pappschachtel mit alten Fotos entdeckte. Der 65-Jährige blätterte sie durch und stockte bei einer Momentaufnahme aus den Zwanzigerjahren: Sie ist aus dem Dickicht heraus fotografiert, scheinbar heimlich, und zeigt zwei junge sich umarmende Männer vor einem Haus. Der Kopf des einen ruht auf der Schulter des anderen.
Nini und Treadwell erkannten: Die Zwei hatten eine Beziehung, die über Zuneigung und Kameradschaft hinausging. "Wir waren fasziniert, dass ein solches Foto bis ins 21. Jahrhundert überleben konnte." Von nun an begannen die beiden, gezielt nach Fotos von Homosexuellen zu suchen, die vor langer Zeit wagten, Beweise ihrer verbotenen Liebe zu hinterlassen.
Auf ihr zweites Foto stießen Nini und Treadwell etwa ein Jahr später während eines Kalifornien-Urlaubs. Es ist nur so groß wie ein Daumennagel, und zeigt zwei junge Soldaten um 1940. Ein Indiz gab die Sicherheit, dass die Männer verliebt ineinander waren: "Always Yours" ("Für immer der Deine") stand unter dem Souvenir in dem kleinen Glasrahmen.
Ein weiteres Bild aus der Nini-Treadwell-Kollektion lässt keine Zweifel aufkommen, welche Gefühle die namenlosen Abgebildeten füreinander empfanden: Zwei Jünglinge, um die 20 Jahre alt, halten ein Schild in die Kamera, auf dem steht: "Not married, but willing to" ("Nicht verheiratet, aber bereit dazu"). Das Spektakuläre: Die Fotografie wurde in den Siebzigerjahren des 19. Jahrhunderts aufgenommen. "Es ist erstaunlich, dass sich ein Männerpaar vor mehr als einem Jahrhundert als Ehepaar vorstellen konnte", erklärt Ballettlehrer Hugh Nini, warum dieses Bild sein liebstes ist.
Die Aufnahmen zeigen oft Cowboys, Matrosen, Soldaten. In diesen Kreisen waren Frauen rar bis gar nicht existent. So war es nicht unüblich, dass Männer hier untereinander Trost und Nähe suchten.
Wie konnten Nini und Treadwell Jahrzehnte später allein durch die Betrachtung der Bilder sicher sein, dass die Paare mehr als nur tiefe Freundschaft hegten? Treadwell dazu: "Wenn zwei Menschen sich verlieben, können sie es nicht verbergen. Es zeigt sich in ihren Augen." Diesen Blick könne man nicht vortäuschen, und er sei stets das entscheidende Kriterium gewesen, ob ein Bildnis in den Fundus aufgenommen wurde.
Die Sammlung erstreckt sich mittlerweile über mehr als ein Jahrhundert, darunter Bilder aus der Zeit des Amerikanischen Bürgerkriegs und des Zweiten Weltkriegs, und enthält neben Cabinet-Karten und traditionellen Fotografien, auch Ferrotypien, Postkarten, Fotostrips, Ambrotypien und Daguerreotypien.
Nini und Treadwell hatten ihr Archiv bislang mit niemandem geteilt, weil sie dachten, niemand würde so etwas sehen wollen. Doch die Reaktionen seien "herzerwärmend" gewesen, und es habe Zuspruch von allen Seiten gegeben: "Ob schwul oder heterosexuell, alt oder jung, männlich oder weiblich, verheiratet oder alleinstehend, konservativ oder progressiv - es scheint jeden anzusprechen", stellten die "Loving"-Herausgeber überrascht fest.
Ihren Papierschatz bewahren Nini und Treadwell in einem feuerfesten Tresor auf, säuberlich eingeklebt in elf dicke, schwarze Alben. "Wir werden nie genug haben! Wir denken, dass wir bald einen weiteren Safe brauchen", scherzt Neal Treadwell. Er und sein Ehemann planen bereits einen zweiten Bildband: Das Buch soll Männer beim Militär zeigen.