35 Jahre Mauerfall Stacheldraht, Todesstreifen und eine Jahrhundertlüge
Inzwischen ist sie länger weg, als sie überhaupt da war – die Berliner Mauer. 35 Jahre ist es schon her, dass diese ikonischen Bilder entstanden, am 9. November 1989. In der Nacht, in der die Mauer fiel. Als auf einmal möglich wurde, was vorher undenkbar schien. Als in Berlin spät abends Weltgeschichte geschrieben wurde.
Heute herrscht hier grenzenlose Normalität – da, wo früher die streng bewachten Grenzanlagen waren. Einfach so durchs Brandenburger Tor spazieren, das war vor dem 9. November lebensgefährlich. Schlicht nicht möglich.
Dieser Film erinnert an die 28 langen Jahre, die sie existierte und zeigt, wie es überhaupt zum Bau der Mauer kommen konnte.
Die Geschichte der Berliner Mauer ist eine Geschichte des Kalten Kriegs.
Nach dem Zweiten Weltkrieg gilt für Berlin ein Sonderstatus durch die Vier-Mächte-Erklärung der Alliierten. Die Stadt ist in den amerikanischen, französischen und britischen Sektor – also West-Berlin – und den sowjetischen Sektor – also Ost-Berlin – unterteilt. Die Grenzübergänge zwischen West- und Ostberlin sind für den Personenverkehr offen.
Das ist eine absolute Ausnahme in dem seit 1949 geteilten Deutschland. Die Grenze zur BRD hat die DDR-Führung schnell zugemacht. Das letzte Schlupfloch aus der DDR ist die offene Sektorengrenze in Berlin.
Bis zum 13. August 1961. An diesem Sonntagmorgen wachen die Berlinerinnen und Berliner auf und sehen, was quer durch die ganze Stadt passiert. Über Nacht werden alle Straßen zwischen Ost- und West-Berlin aufgerissen, um Stacheldraht und Barrikaden zu befestigen. Bewacht von der Volkspolizei.
Danach beginnen die Maurerkolonnen – überall entlang der Grenze. Die deutsche Teilung wird zementiert. Knapp zwei Monate vorher hieß es noch:
Walter Ulbricht, DDR-Staatchef am 15. Juni 1961:
»Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten.«
Eine Jahrhundertlüge, um klammheimlich alles vorzubereiten. Bis August 1961 fliehen mindestens 2,8 Millionen Menschen Richtung Westdeutschland, mit verheerenden Folgen für die Wirtschaft der DDR. Die Fluchtbewegung stoppt ab sofort eine Mauer.
Wie eine Insel liegt West-Berlin inmitten der DDR.
Besonders in der Bernauer Straße zeigt sich, wie brutal die Folgen sind. Auf einmal ist da diese Mauer. Sie verläuft mitten durch die ganze Straße, trennt Nachbarn, Freunde, Familien.
Unglaubliche Szenen spielen sich hier ab. Verzweifelt versuchen Bewohner noch in den Westen zu kommen. Egal wie.
In den ersten Tagen gibt es immer wieder Gelegenheit zur Flucht, weil die Grenzanlagen noch lückenhaft sind. Aber das ändert sich schnell.
Frieda Schulze flieht in letzter Sekunde. Volkspolizisten sind schon in ihrer Wohnung, versuchen sie aufzuhalten, als die 77-Jährige aus dem Fenster klettert. Unten wartet die West-Berliner Feuerwehr mit einem Sprungtuch. Sie hat Glück.
Die Wohnhäuser, die direkt an die Mauer grenzen, werden kurz danach zwangsgeräumt, zugemauert und später komplett abgerissen.
Ihre Fundamente gibt es heute noch – sie gehören zur Gedenkstätte Berliner Mauer. Hier steht sie noch, die Mauer – veranschaulicht die Tragik, ermöglicht auch heute noch die Spurensuche und das Verständnis derer, die die Teilung nicht miterlebt haben.
In der Bernauer Straße entsteht 1961 auch das Motiv, das die deutsche Teilung symbolisiert wie kein zweites – das des fliehenden Grenzsoldaten. Der 19-jährige Conrad Schumann sagt später, er sei geflohen, weil er nicht auf Menschen schießen wollte.
Er meint den Schießbefehl. Elementarer Bestandteil des DDR-Grenzregimes. Dabei geht es nicht um Warnschüsse auf Flüchtende.
Heinz Hoffmann, DDR-Verteidigungsminister 1961 – 1985:
»Wer unsere Grenze nicht respektiert, der bekommt die Kugel zu spüren.«
Mindestens 140 Menschen sterben zwischen 1961 und 1989 an der Berliner Mauer.
Einer von ihnen heißt Peter Fechter. Er ist am 17. August 1962 über den Drahtzaun an der Grenze geklettert, über den Todesstreifen gerannt und hat schon fast die Mauer erreicht, als DDR-Grenzposten zu schießen beginnen.
50 Minuten liegt der Schwerverletzte im Todesstreifen an der Berliner Mauer. Während seine Schreie schwächer werden, versammeln sich Passanten und Polizisten im Westen, die ihm helfen wollen. Aber niemand wagt sich zu ihm.
Der 18-Jährige verblutet nicht weit vom Checkpoint Charlie entfernt.
Checkpoint Charlie, der wohl bekannteste ehemalige Berliner Grenzübergang. Heute Pflichtprogramm für Berlin-Touristen, damals ein Hotspot des Kalten Kriegs.
Am 27. Oktober 1961 stehen sich hier sowjetische und amerikanische Panzer schussbereit gegenüber – im Abstand von kaum 200 Metern. Zum ersten und einzigen Mal in der Geschichte. Ein Disput um Grenzkontrollen war eskaliert, 16 Stunden dauert der Nervenkrieg, die ganze Nacht lang. Die Welt hält den Atem an. Dann ziehen sich die Panzer zurück.
Insgesamt reagieren die Westmächte aber zurückhaltend auf die Mauer. Einige Tage nach dem Mauerbau soll US-Präsident John F. Kennedy zu Mitarbeitern im Weißen Haus gesagt haben: ›Die Mauer ist keine sehr schöne Lösung. Aber sie ist immerhin besser als Krieg.‹
Die Berlinerinnen und Berliner fühlen sich alleingelassen, aber trotzdem empfangen sie Kennedy zwei Jahre später wie einen Popstar.
John F. Kennedy, US-Präsident 1961 – 1963 am 26. Juni 1963 in West-Berlin:
»Alle freien Menschen, wo auch immer sie leben mögen, sind Bürger Berlins, und deshalb bin ich als freier Mensch stolz auf diese Worte: Ich bin ein Berliner!«
In all den Jahren danach werden die Grenzanlagen sukzessive weiter befestigt, verbreitert, unüberwindbar ausgebaut und aufgerüstet. Todesstreifen, Minen, Wachtürme, Selbstschussanlagen.
Und gleichzeitig setzt eine Art Gewöhnungsprozess ein. Nur wenige glauben, dass sich das jemals wieder ändern wird.
Ronald Reagan, US-Präsident 1981 – 1989 am 12. Juni 1987, in Berlin:
»Herr Gorbatschow, öffnen Sie dieses Tor! Herr Gorbatschow, reißen Sie diese Mauer nieder!«
Gorbatschows Reformen leiten das Ende des Kalten Kriegs ein. Seine Perestroika bildet die Rahmenbedingungen für den Fall der Mauer. Aber die friedliche Revolution mutiger DDR-Bürgerinnen und Bürger spielt die Hauptrolle. Massendemonstrationen gegen das Honecker Regime. Dazu immer mehr Menschen, die nach Ungarn oder Prag flüchten. Die SED-Diktatur bricht zusammen. Und ein Versprecher, eine Kommunikationspanne auf einer Pressekonferenz leitet ganz unspektakulär das Ende ein.
Günter Schabowski, SED-Politbüro am 9. November 1989:
»Und deshalb haben wir uns dazu entschlossen, heute eine Regelung zu treffen, die es jedem Bürger der DDR möglich macht, über Grenzübergangspunkte der DDR auszureisen.
Das tritt... Nach meiner Kenntnis ist das sofort. Unverzüglich.«
Der Rest ist Geschichte. 35 Jahre später dominiert Kunst den einstigen Todesstreifen an der Spree. Beliebtestes Touristenmotiv der East-Side-Gallery ist der sozialistische Bruderkuss von Breschnew und Honecker. Das passt irgendwie – Sozialismuskitsch auf den Resten einer Mauer, die es nie hätte geben dürfen.