Mythos Freibad - DER SPIEGEL
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Kindheitserinnerungen: Pommes, Eis und Sonnencreme

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Mythos Freibad Ferien am Beckenrand

Sonne auf der Haut, baden in Jeans und Arschbomben vom Drei-Meter-Brett: Das Freibad als Dorfstrand und Flirtzentrale - auch für Philipp Kohlhöfer war es das Sommerbiotop seiner Jugend. Jahre später kehrte er dorthin zurück. Mit einer Mission.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Manchmal ziehe ich los und suche meine Kindheit.

Das ist einigermaßen schwierig, denn ich bin ja kein Kind mehr. Aber ich male mir aus, dass dieses wohlige Gefühl von Jugend wiederkommt, wenn ich Plätze aufsuche, die mir damals viel bedeutet haben. Im letzten Sommer war ich im Freibad.

Natürlich nicht in irgendeinem Freibad. Ich war im Freibad meines Heimatdorfes. Ich mochte es immer sehr. Es hat einen großen Pool, ein Kinderplanschbecken, ein Nichtschwimmerbecken, Sprungtürme und eine riesige Liegewiese. Außerdem protzte es mit einer Minigolfanlage, Tischfußball, einem überdimensionierten Schachspiel, dessen Figuren so groß waren wie achtjährige Kinder, Tischtennis und einem "Out Run"-Videospielautomaten. Zu meiner Enttäuschung musste ich allerdings feststellen, dass letzterer mittlerweile nicht mehr vorhanden war. Aber das war an diesem Tag nicht so wichtig. Denn ich hatte eine Mission zu erfüllen: einen Sprung vom Drei-Meter-Brett.

Früher war es bei den Jungen besonders beliebt, von ebenjenem Brett möglichst nahe an den Beckenrand zu springen. Dann nämlich spritzte das Wasser über die Hecke und machte alle nass, die auf der angrenzenden Liegewiese lagen. Natürlich hatte das einen Sinn: Hinter dem Gebüsch tummelten sich oft die Mädchen. Und die rächten sich in der Regel dadurch, dass sie wie von der Tarantel gestochen ins Wasser stürzten. Dann wurde der Täter solange untergetaucht, bis er so gut wie ertrunken war. Ziel der Jungen war natürlich, dadurch Kontakt zu den Mädchen herzustellen, dann zusammen Spaghetti-Eis beim Dorfitaliener zu essen - und vielleicht irgendwann zu knutschen.

Das Ende der Unsterblichkeit

Hätten dort hinter der Hecke Rentner gelegen, vermutlich wäre der Kerl, der meines Wissens Marcel hieß, das Risiko nicht eingegangen.

Außerdem hätte die Herauforderung in der Folge nicht beträchtlich an Reiz verloren, wenn Marcel sich nicht verschätzt hätte und mit großer Geschwindigkeit auf die Waschbetonplatten gesprungen wäre, die den Beckenrand einfassten. Marcel brach sich beide Beine und wurde mit dem Hubschrauber abtransportiert.

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Kindheitserinnerungen: Pommes, Eis und Sonnencreme

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Ich sollte Marcel böse sein. Denn mit dem verunglückten Sprung endete der Teil meiner Kindheit, der, durch Filme wie "Die Goonies" oder "Karate Kid" von dem Gefühl totaler Unsterblichkeit geprägt war. Seither bin ich vielleicht noch viermal vom Drei-Meter-Brett gesprungen. Es wurde Zeit für Sprung Nummer Fünf.

Ich stieg die Leiter hoch, ging zum Rand des Brettes, sah in die Tiefe- und stieg die Leiter wieder herunter. Ich redete mir ein, dass man sich auf den Sprung emotional vorbereiten müsse und dazu würde ich eben Zeit benötigen. Ich spielte zuerst eine Runde Minigolf. Als ich mit dem Minigolf fertig war und den Sprungturm vom weitem sah, beschloss ich, zuerst im Kiosk einen Schwung Esspapier zu kaufen. Schließlich sollte man gestärkt in eine große Herausforderung gehen.

Brauner Bär und Pommes Schranke

Ich ging quer über die Liegewiese und kam dabei an einer Rotte Jugendlicher in abgeschnittenen Jeans vorbei. Ich konnte mich gerade noch zurückhalten, um nicht etwa Sätze zu sagen wie: "Früher schwammen wir auch mit Jeans - und hatten sogar noch T-Shirts an." Allerdings nur für eine kurze Zeit, zugegeben, weil es wirklich sehr unpraktisch war. Warum? Ich ging nämlich schon in das Schwimmbad, als es noch Bademützenzwang gab und als das unsinnige Reglement für Badebekleidung endlich abgeschafft worden war, probierten wir alles Mögliche aus.

Das Esspapier schmeckte jedenfalls ganz vorzüglich. Ich holte einen Nachschlag, aß als Nachtisch Pommes Schranke, Brauner-Bär-Eis und Ahoi-Brause und saß unter einem Sonnenschirm mit dem Logo der örtlichen Brauerei drauf. Wenn ich die Augen geschlossen hätte, hätte ich aus Sentimentalität vermutlich angefangen zu weinen.

Ich ging zum Bademeisterbüro. Ich wollte ein Gespräch beginnen über irgendwas. Keine Ahnung, vielleicht wollte ich ihm erzählen, dass ich schon in diesem Freibad war, als die Sowjets die olympischen Spiele in Los Angeles boykottierten und meine eigenen olympischen Rennen im Becken veranstaltete. Ich gewann immer, kein Wunder, schließlich tat ich so, als sei ich Michael Groß und der gewann ja schließlich auch immer.

Der Bademeister war nirgends zu finden. Sind Bademeister heute eigentlich immer noch im Winter Waldarbeiter?

Jeder wollte Marlon Brando sein

Ich ging weiter zum Eingangsbereich. Das war fast wie Zirkeltraining. Ich arbeitete Station für Station ab und redete mir dabei ständig ein, dass ich wie ein Zen-Mönch erst eins sein müsse mit dem Gelände, bevor ich den wagemutigen Sprung vom Drei-Meter-Brett in Angriff nehmen könne. Der Geruch vor dem Kassenhäuschen war aber der gleiche wie damals. Es roch nach Ernte. Meine Kindheit im Freibad roch nach abgeerntetem Getreide, weil eine Genossenschaft das Grundstück neben dem Bad nutzte, um das Getreide der Umgebung dort zu lagern.

Ich atmete tief ein und erinnerte mich daran, wie ich früher mit dem Bonanza-Rad vom Schwimmbad nach Hause fuhr. Wie alle anderen auch, trug ich meist eine nasse Badehose bei der Fahrt aus dem Bad. Das Anziehen einer trockenen Hose war aus Gründen, die ich vergessen habe, völlig uncool.

Ich fand das Schwimmbad immer toll - auch heute noch. Wobei mir einfällt, dass es tatsächlich eine Zeit gab, in der ich meine große Sympathie für das Freibad unterdrückte. Ich war etwa 16, aber der Reihe nach.

Als Kind tat man das im Freibad, wozu ein Bad auch eigentlich gut ist: Man badete. Schwamm. Hatte Spaß. Ich muss etwa 15 gewesen sein, als sich das änderte. Man badete nicht mehr, sondern saß meistens auf den Bänken herum, die auf den Waschbetonplatten neben dem Pool standen. Oft sagte man nichts, was daran lag, dass man jedem Badegast nonverbal mitzuteilen versuchte, dass hier die Reinkarnation des jungen Marlon Brando saß. Sprach man doch, dann immer über Mädchen. An genaue Gespräche kann ich mich natürlich nicht erinnern, aber ich glaube doch zu wissen, dass ein Mädchen namens Katja aufgrund ihrer, nennen wir es mal "unübersehbaren körperlichen Vorzüge" viele Gespräche bestimmte.

Familienbad vs. Badesee

Kann sein, dass man das heute in politisch korrekten Kreisen sexistisch nennen würde. Sicher ist allerdings, dass mich ebenjenes Mädchen wahnsinnig unsexy fand, weil ich ins Freibad ging. Diese fantastische Einrichtung wurde nämlich, je tiefer man in die Pubertät eintauchte, immer weniger beliebt. Eben weil sie nach Familienbad aussah, was wenig mit dem jungem Marlon Brando zu tun hat.

Offensichtlich brandomäßig genug war allerdings der Badesee vor den Toren des Dorfes. Er war früher eine Braunkohlegrube und wurde irgendwann mit Wasser geflutet. Das perfekte Sommerbiotop für Mittellose, Naturliebhaber, Chlorhasser - und Mädchen, die auf ältere Jungs standen.

Ich versuchte, notgedrungen, den See ebenfalls zu lieben, obwohl ich es hasse, wenn ich nicht sehen kann, was unter mir schwimmt. Aber ich sagte es bereits: Mädchen fanden Rocker besser als Familientypen. Allerdings war ich auch damals schon stark kurzsichtig und Rocker mit Hornbrille und -5 Dioptrien habe ich noch nie gesehen, außer Buddy Holly, aber der ist ja schon lange tot.

So kam es, wie es kommen musste: Katja redete auch am See kein einziges Wort mit mir. Das hatte aber auch seine guten Seiten, denn so konnte ich schnell wieder ins Schwimmbad wechseln.

Geschmeidig wie eine Eisenbahnschiene

Doch zurück zu meinem Sprung vom Dreier: Vom Kassierhäuschen mit seinem Duft nach Getreide ging ich weiter zum Babyplanschpool, wo mich ein junger Familienvater, der mit seiner Tochter spielte, ansah, als verstünde er mich genau. Ich kannte ihn nicht, aber ich war mir sicher, dass ich vor 25 Jahren hier mit ihm geplanscht hatte.

Ich sah ihnen eine Weile zu und weil ich irgendwann nicht mehr wusste, was ich sonst noch tun sollte, stieg ich die Leiter zum Sprungturm hinauf. Ich ging zum Ende des Bretts und sah hinunter - ein Achttausender schien nichts dagegen zu sein. Ich stand dort minutenlang, bewegte mich vorsichtig nach vorne und wieder zurück, malte mir aus, was genau im Flug mit mir passieren könnte. Und als ich schließlich sprang, fiel ich vermutlich geschmeidig wie eine Eisenbahnschiene. Ich bekam Rückenlage und meine Wasserverdrängung stand der eines Flugzeugträgers in nichts nach.

Das Wasser war über die Hecke gespritzt.

Als ich mit stolz geschwellter Brust das Becken verließ, sah ich, dasss lauter 14-jährige Mädchen völlig durchnässt hinter der Hecke saßen. Als sie mich sahen, sagte eine betont laut: "Da kommt der alte Stelzbock."