Nahostkonflikt Ein Bier am raketenfreien Tag
Nächtliche Bombardierung des Vororts Haret Hreik am 14. Juli 2006
Foto: Nicole Hänel/Spencer OsbergDas Lagerfeuer knisterte behaglich. Ich tippte meinen Freund Jerry an, zeigte in den tiefschwarzen Himmel über Israel. Eine Sternschnuppe zog vorüber. Zeit für das obligatorische Wünsch-dir-Was. Doch nach wenigen Sekunden stutzten wir. Verschwinden Sternschnuppen nicht für gewöhnlich? Diese bahnte sich ihren Weg gen Norden. Am nächsten Morgen meldete CNN, Israel habe die schwersten Luftangriffe seit fünf Jahren gegen den Libanon geflogen. Wieder war der schwelende Nahostkonflikts zum Greifen nah. Es waren die Vormonate des letzten Libanonkriegs.
Allzu viel Zeit blieb uns nicht, uns von den Raketen beeindrucken zu lassen. Von einem neuen Krieg zwischen Libanon und Israel war noch längst nicht die Rede. Außerdem galt es in Kfar Tikva, ganz alltägliche Probleme zu lösen. Kfar Tikva, das Dorf der Hoffnung, ist ein Zuhause für Menschen mit körperlichen und seelischen Behinderungen im Norden Israels. Meine Aufgabe als Freiwilliger dort im Jahre 2005 war es, den Bewohnern, soweit nötig, in ihrem Alltag zur Seite zu stehen.
Nachdem ich am nächsten Tag mit Mühe und Not den Morgenmuffel Ido aus dem Bett bugsiert hatte, sollte ich in einer der Werkstätten arbeiten. Aber noch während ich mich mit einer Tasse dampfenden Kaffees auf den Weg mache, klingelt mein Handy. Es war mein Chef. Der Sozialpädagoge mit deutschen Wurzeln war Ansprechpartner und gelegentlich auch Antreiber für allzu faule Mitarbeiter. Ein morgendlicher Anruf bedeutet meistens eine Planänderung. So auch an diesem Tag. Zwicker, mit dem ich am engsten zusammenarbeite, sollte zur Kur gebracht werden.
Nach einer einstündigen Fahrt durch das schöne Galiläa erreichen wir unser Ziel. Spätestens nach dem Passieren der Sicherheitskontrolle wurde mir aber klar, dass dieser Ort nicht meiner Vorstellung von einem Kurort entsprach. Wir waren in einer psychiatrischen Anstalt gelandet. Meterhohe Mauern und blassrosa gestrichene Wände erzeugten eine beklemmende Atmosphäre. Die Patienten schlurften mit stumpfem Blick durch die Gänge. In ihren Schuhen befanden sich keine Schnürsenkel. Suizidgefahr! Slawa, Zwickers Sozialarbeiter, der mit uns gekommen war, raunte mir zu: "Diese Anstalt erinnert mich an 'Einer flog übers Kuckucksnest.'" Aber Zwicker ging es so schlecht, dass er professionelle psychiatrische Hilfe brauchte. Die Rückfahrt verlief sehr still. Auf dem Weg wurde mir bewusst, welch ein Paradies Kfar Tikva für seine Bewohner war. Die Menschen mit ihren verschiedenen Eigenheiten und Behinderungen hatten hier die Möglichkeit, mit der Hilfe der Freiwilligen ein selbstständiges und erfülltes Leben zu führen.
Als ich nach der Rückkehr ins Dorf der Hoffnung die Tür zu der Wohngemeinschaft aufschloss, in der ich zusammen mit anderen Freiwilligen wohnte, hob sich meine Stimmung. Es duftete nach Gebäck und Schwarzem Tee. Ich kam gerade rechtzeitig zum Englisch-Club. Jeden Montag trafen wir uns zu fünft, um Englisch zu sprechen. Die anderen waren Muttersprachler, und ich war einfach so dabei. Der Club gehörte zu den Höhepunkten unserer Arbeitswoche. Alle Mitglieder waren interessante Charaktere: Richard mit dem Cambridge-Examen, der auf die Frage "How are you?" immer bloß "I'm depressed" antwortete. Seit er im Kfar Tikva lebte, hatte er ein 5000-seitiges Manuskript zu Papier gebracht, in dem es um philosophische Themen ging. Michael gab zum Einstieg immer die britische Hymne zum Besten und kommentierte jede Äußerung mit einem überschwänglichem "That's lovely". Jeder hatte seine Eigenheiten.
Mit einem verschmitzten Lächeln auf den Lippen verabschiedete sich irgendwann Tommy, der Rollstuhlfahrer aus den USA. "Ich werde morgen 32" sagt er. In Wahrheit ging er aber auf die 70 zu. Er freute sich wie ein kleiner Junge über seinen Scherz und den Geburtstag. Solche Augenblicke waren es, die die Entbehrungen im Dorf der Hoffnung mehr als wettmachten! Am Ende dieses langen Tages schnappte ich mir ein kaltes Bier und machte mich daran, Holz für ein Lagerfeuer zu sammeln. Doch zuvor ließ ich noch einige Minuten in der Hängematte die Seele baumeln. An jenem Tag flogen nämlich mal keine Raketen; und selbst wenn: Das Leben wäre weitergegangen.