Private Kriegsaufzeichnungen - DER SPIEGEL
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Das Kriegstagebuch meines Urgroßvaters: Alltag an der Front

Foto: Michael Bellmann

Private Kriegsaufzeichnungen Abgrund in der Schreibtischschublade

Held oder Täter? Lange Jahre hielt Michael Bellmann seinen Urgroßvater Ernst Ritter von Brunner für einen ruhmreichen und ehrenhaften Kämpfer des Ersten Weltkriegs. Dann entdeckte er in einem Geheimfach dessen Kriegstagebücher.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Der Siegelring meines Großvaters übte auf uns Kinder eine magische Anziehungskraft aus. Wir bestaunten das edle Stück oft und löcherten den Opa mit Fragen. Was hat das zu bedeuten? Bereitwillig begann er dann von seinem Vater Ernst Brunner, meinem Urgroßvater, zu erzählen. Dass er im Ersten Weltkrieg eine steile Offizierskarriere gemacht hatte und für seinen tapferen Einsatz an der Front nicht nur den Max-Joseph-Orden verliehen bekam - die höchste Auszeichnung des bayrischen Militärs - sondern auch den Adelstitel "Ritter von". Ihm also hatten wir den Siegelring und das Familienwappen zu verdanken.

Lange Jahre war der Erste Weltkrieg für mich nichts anderes als zwei Daten: 1914 und 1918 - viel mehr als das Anfangs- und das Endjahr wusste ich nicht. Mit etwa 15 Jahren las ich Erich Maria Remarques "Im Westen nichts Neues" und begann mich angesichts dieser hautnahen Schilderung des europäischen Alptraums erstmals für den Ersten Weltkrieg zu interessieren. Mein Großvater hatte sich über dessen Brutalität stets ausgeschwiegen. Wahrscheinlich brachte ich deshalb meinen Urgroßvater nie wirklich mit den von Remarque geschilderten Kriegsgräueln in Verbindung - obwohl ich wusste, dass er an der Westfront war.

Das änderte sich, als mein Großvaters 1999 starb und wir seinen Sekretär aufräumten, den er wiederum von seinem Vater geerbt hatte. Die oberste Schublade war mit altem Wachspapier ausgekleidet, das wir heraus rissen, weil es offensichtlich in die Jahre gekommen war. Darunter entdeckten wir mehrere schwarze Büchlein, deren pergamentartige Seiten dicht mit deutscher Schreibschrift beschrieben waren. Als ich die erste Seite des ersten Bands aufschlug, war mir sofort klar: Ich hielt das Kriegstagebuch meines Urgroßvaters in den Händen. Offensichtlich hatte mein Großvater diesen Schatz über Jahrzehnte ahnungslos gehortet.

Berichte eines schneidigen Oberst

Die Eintragungen begannen am 4. August 1914 und endeten am 2. Mai 1918 - das Lesen gab ich aber schnell wieder auf. Die Schrift war zu verwischt und undeutlich. Im Frühjahr 2008, fast zehn Jahr später, traf mich dann beim Abstauben meines Scanners ein Geistesblitz! Ich nahm die Tagebücher, scannte eine Seite ein, passte den Kontrast an und konnte plötzlich lesen, was da stand. Ich war überwältigt. Beim Lesen wurde mir klar, dass mein Urgroßvater als Offizier an der Westfront ein wesentliches Rädchen im Getriebe des Schlachtens, das Remarque so plastisch geschildert hatte, gewesen sein musste. Ich sah nicht mehr die namhafte Münchener Persönlichkeit vor mir, sondern den ehrgeizigen Offizier, der durch seine Befehle viele Leben auf dem Gewissen hatte.

Ich begann, das Tagebuch zu transkribieren und so erschloss sich mir Schritt für Schritt die Welt eines Offiziers an der Westfront. Sie erstreckte sich vom Ärmelkanal bis an die Schweizer Grenze - mitten durch Belgien und Frankreich. Ihr Verlauf veränderte sich zwischen Herbst 1914 bis zum Sommer 1917 kaum. Über Jahre hockten die Soldaten verschanzt in ihren Schützengräben. Großangriffe der Infanterie, Luftattacken, tagelanger Artillerie-Beschuss oder Giftgasangriffe gehörten für sie zum Alltag, ohne dass dabei eine Seite nennenswerte Erfolge hätte verbuchen können. Millionen von Soldaten wurden so sinnlos verletzt oder getötet. Die vielen hundert Soldatenfriedhöfe sind noch heute Zeugnisse des Leids, das die Männer täglich erlebten.

Mein Urgroßvater war im Norden Frankreichs an der Somme stationiert. Detailgetreu und bildhaft schilderte er den brutalen Alltag an der Front. Er berichtete von den vielen Granatenangriffen, bei denen teilweise Kameraden, die direkt neben ihm lagen, zerfetzt wurden, von den gefürchteten Gasangriffen  und von aufgebrachten französischen Zivilisten, die einem verletzten deutschen Offizier den Kopf abhackten , statt ihm zu helfen. Seine Tagebucheintragungen quittierte er oft mit dem Satz: "Es war grauenhaft." Trotzdem ist der schneidige Unterton des Offiziers nicht zu überhören. Zweifel an seinem Tun kamen ihm ganz offensichtlich nicht.

Wachsende Abgestumpftheit

Doch nicht nur der brutale Krieg war Gegenstand seiner täglichen Reflexion. Er dokumentierte auch den nicht-kriegerischen Alltag: Wie er gemeinsam mit seinen Kameraden und seinem ältesten Sohn Ernst das Abendmahl einnahm  oder wie er mit dem Bürgermeister des Dorfes, wo er stationiert war, über die Einquartierung einer weiteren Kompanie verhandelte.

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Das Kriegstagebuch meines Urgroßvaters: Alltag an der Front

Foto: Michael Bellmann

Während ich das Tagebuch Seite für Seite abtippte, kamen mir die Vorgänge an der Westfront immer brutaler vor. Das lag nicht unbedingt an der Steigerung der Gewalt, die im Laufe der Zeit tatsächlich stattgefunden haben mag, sondern an der zunehmenden Abgestumpftheit meines Urgroßvaters. Fast emotionslos berichtet er beispielsweise im Winter 1916 von "Füßen und Händen, die aus den Wänden der Schützengräben herausragen", die sie den "Franzosen entrissen haben".  Nicht das Schicksal dieser toten Soldaten beschäftigte ihn, sondern die Tatsache, dass die Leichenteile die Schützengräben unbrauchbar machten.

Ich dachte mir oftmals: Das soll der gutmütige, lustige und humorvolle Mann sein, von dem mein Großvater erzählte? Wer skrupellos Leute ins Verderben schickt und Orden dafür kassiert, andere umzubringen, kann doch nicht heimkommen und danach die Rolle des liebenden Familienvaters übernehmen. Oft war ich kurz davor, mein Projekt zu beenden und die Bücher in den Schrank zurückzustellen, da ich solch fürchterliche Vorgänge nicht mit meiner Familie in Verbindung gebracht haben wollte.

Ein gebrochener Mann

Doch das Interesse überwog und ich machte weiter, teilweise von furchtbaren Bildern verfolgt, die mir sehr nahe gingen. Den Militär-Max-Joseph-Orden bekam mein Urgroßvater dafür, dass er mit ein paar wenigen Mannschaften Neuville bei Arras gegen die Franzosen verteidigt und gehalten hatte. Über französische Verluste verliert er im Tagebuch kein Wort. Ich schätze sie auf mehrere Hundert, da "die im Abschnittsquartier befindlichen Offiziere und Mannschaften, [...] durch ihr Feuer und sehr großen Munitionsaufwand den Angriff zum Stehen" gebracht hatten.

Als ich begann, das Jahr 1917 zu transkribieren, wurde mir endgültig klar, dass ich etwas Einzigartiges in den Händen hielt. Mein Urgroßvater hatte sogar seine Gefangennahme  und danach täglich die englische Kriegsgefangenschaft dokumentiert. So etwas hatte ich trotz nunmehr intensiver Beschäftigung mit dem Ersten Weltkrieg noch nicht gelesen. Jetzt änderte sich der Ton des Tagebuchs. Der schneidige Oberst von einst hatte sich zu einem Verwalter des eigenen Überlebens entwickelt, der als Gefangenensprecher darauf bedacht war, dass jeder seine Post rechtzeitig bekam und die Wärter mit den Gefangenen gerecht umgingen.

Seine Einträge lassen vermuten, dass er stark darunter litt, sich der Befehlsgewalt der Engländer unterzuordnen. Als sich drei seiner Mithäftlinge am Faschingstag 1918 heimlich betranken und dafür zur Rechenschaft gezogen werden sollten, notierte er einen Tag später fast verzweifelt: "Stellvertretender Kommandant lässt mich kommen. Offiziere sollen bestraft werden. Ich kann es nicht ändern."

Brunner wirkt müde und depressiv. "Regen. So wird wohl der ganze November sein", schrieb er am 24. Oktober 1917. Eine Woche später klagt er: "Heute Kistchen Cigarren von München erhalten, wohl Geburtstagsgabe. Kein Brief, kein Glückwunsch zum und am Tag selbst, wie ja wohl vorauszusehen war." Ihn muss unsägliches Heimweh  geplagt haben - und die Angst, die Familie könnte ihn vergessen. Irgendwann hatte er komplett resigniert. Als er im Sommer 1918 endlich nach Hause durfte, kehrte ein gebrochener Mann heim. Sein Tagebuch endet an dieser Stelle.

Ende einer Militärkarriere

Ich aber wollte nun wissen, wie es weiterging. Ich fuhr ins Kriegsarchiv nach München und forschte nach. Im Sommer 1918 wurde mein Urgroßvater des Hochverrats bezichtigt, da er angeblich "nicht unfreiwillig" in Kriegsgefangenschaft geraten war. Dass ihm nun der Prozess gemacht werden sollte, muss für ihn ein wirklicher Schock gewesen sein. Noch in Gefangenschaft hatte er in gewohnt großspurigen Worten erklärt, er sei in seinem Unterstand überrascht und gefangen genommen worden. Nach seiner Heimkehr gab er schließlich kleinlaut zu, dass sein nervlicher Zustand wohl sehr angeschlagen gewesen sei und er einen so genannten Blackout gehabt hätte.

Der Prozess endete in einem Freispruch, da sich mächtige Militärs für ihn einsetzten. Danach war mein Urgroßvater ein anderer Mensch. Abgestumpft im Krieg, gebrochen in Kriegsgefangenschaft, nach dem Krieg seiner Meinung nach ein Opfer von Intrigen. Hinzu kam, dass sein Lebensinhalt, das bayerische Militär, gemäß den Vorgaben des Versailler Friedensvertrags abgeschafft wurde. Brunner versuchte, auf neuem Terrain Fuß zu fassen und begann Volkswirtschaftslehre zu studieren. Doch von dem Ehrgeiz und dem Elan des einst so selbstbewussten Offiziers war nichts übrig geblieben. Nach nur zwei Semestern brach er das Studium ab und zog sich ins Privatleben zurück, still und introvertiert. Vielleicht kannte mein Großvater, der 1913 geboren wurde, ihn deshalb nur als ruhigen, gutmütigen Mann.

Am 12. September 1929 starb Ernst Ritter von Brunner, 64-jährig, an einer Erkältung. Etliche Offiziere und ehemalige Kameraden kamen zu seiner Trauerfeier - in Uniform. Sein Sarg war mit Helm und Degen geschmückt. Acht Angehörige der Reichswehr hielten daneben Ehrenwache. Obwohl das Bayrische Militär aufgelöst worden war, wurde Ernst Ritter von Brunner am Grab die letzte militärische Ehre erwiesen - so, wie er es sich wohl gewünscht hätte.