Schock-Weihnachtskarten: Festtagsgrüße aus der Hölle
Schock-Weihnachtskarten Festtagsgrüße aus der Hölle
"Möge dieses Weihnachtsfest ihre Träume erleuchten!" prangte in geschwungenen Lettern auf den Weihnachtspostkarten, die Jorge Santini zum Fest 2011 einen handfesten Skandal bescheren sollten. Eigentlich hatte der Bürgermeister des puerto-ricanischen San Juan mit den Karten im Dezember nur etwas festliche Stimmung verbreiten wollen - aber irgendwie war das mit dem Motiv völlig aus dem Ruder gelaufen.
Dabei hatte Santini sich alle Mühe gegeben, auf dem Foto besinnliche Stimmung zu verbreiten. Mit freundlichem, zuversichtlichem Blick hatte er für den Fotografen im Kreis seiner Lieben posiert: Zwischen seiner siebenjährigen Tochter Amanda, herausgeputzt im Kleidchen, ihrer großen Schwester Odette, die ihr strahlendstes Lachen zeigte, Jorges gütig lächelnder Ehefrau Irma - und dem Filius Jorge Andres, festlich gekleidet im frisch gebügelten Hemd. Voll Eintracht standen sie auf dem Kartenmotiv beisammen, während die großen, weißen Schneeflocken um sie herumschwirrten, die der Fotograf nachträglich ins Foto montiert hatte. Ein perfektes Bild der Harmonie, der Eintracht und Besinnlichkeit - passend zum Fest der Liebe.
Schock-Weihnachtskarten: Festtagsgrüße aus der Hölle
Wäre da nur nicht dieser Leopard zwischen ihnen gewesen, der gerade einer Gazelle die Kehle zerfetzte.
Santini hatte es offenbar für eine hervorragende Idee gehalten, die Fotosession für das Weihnachtsbild im Museo de Vida Silvestre, San Juans Wildtiermuseum, abzuhalten - und ein besonders grausiges Exponat des Museums als Requisit zu nutzen. Zwar hatte das Museum auch weit weniger blutige Ausstellungsstücke zu bieten, die auch auf den anderen Aufnahmen des Shootings zu sehen sind: etwa einen ausgestopften Pinguin, der friedlich auf Sohn Jorge Andres zuwatschelt, oder einen ausgestopften Truthahn, der über den Kopf des Bürgermeisters hinwegflattert. Aber am Ende hatte Santini aus all diesen Aufnahmen ausgerechnet die mit dem Todeskampf der Gazelle im Maul der Raubkatze ausgewählt.
Viele Bürger zeigten sich entsetzt über das brutale Motiv. Santini reagierte überrascht. "Ich mache gern auf unsere Einrichtungen aufmerksam - und welche von ihnen ist besser als unser Wildtiermuseum?", entgegnete er am 12. Dezember 2011 dem Nachrichtenportal "Remezcla" zu dem Vorfall. Doch es war zu spät, den Skandal noch abzuwenden. "Remezcla" beklagte, das "grässliche Bild" sei eine "fragwürdige Wahl" gewesen, die "Huffington Post" machte sich über das "absonderliche" Foto lustig, und die "Daily Mail" bezeichnete die Weihnachtskarte des Bürgermeisters als "unerklärlich bizarr" und erklärte, politische Konkurrenten Santinis würden die Inszenierung als unterschwellige Drohung bezüglich der Wahl im kommenden Jahr verstehen. Leser beschimpften Santini als "Irren", als hoffnungsloses "Alphamännchen" und wünschten ihm, der Leopard hätte statt der Gazelle einem seiner Familienmitglieder die Kehle durchbissen.
Auch wenn die Weihnachtskartenaffäre Santini nicht sein Amt kostete: Die Gemüter kochten erstaunlich hoch. Erstaunlich deshalb, weil die Leoparden-Karte, die 2011 Puerto Rico schockierte, rein historisch betrachtet alles andere als ein Sonderfall ist. Überall in der Welt haben Menschen sich seit der Erfindung der "Correspondenzkarte" durch Emanuel Herrmann im Jahr 1869 Menschen nicht nur besinnliche, herzerwärmende und festliche Weihnachtskarten zugeschickt - sondern auch beunruhigende, gruselige und brutale.
So taucht etwa auf österreichischen Weihnachtskarten traditionell kein pausbäckiger St. Nikolaus mit Rauschebart auf, sondern ein gehörnter Dämon, der lachend kleine Kinder in Ketten legt, an ihren Haaren reißt und sie in Körbe stopft - der "Krampus". Auf mexikanischen Postkarten kommen dem Betrachter mitunter vermummte Heranwachsende mit langen Schlagstöcken entgegengerannt - die jedem, der mit der lateinamerikanischen Weihnachtstradition des Piñata-Zerschlagens nicht vertraut ist, ziemliche Angst einjagen können.
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