Wie würden die berühmtesten Ärzte der Antike Ihren Geisteszustand durchleuchten? Die Antwort könnte Sie überraschen – denn die Krankheitsbilder von damals haben mit unseren heutigen Diagnosen wenig gemein.
Die Medizinhistorikerin Chiara Thumiger hat einen Fragebogen entwickelt, der einen Einblick in die Gedankenwelt von Hippokrates und Co. geben soll. »Die alten Griechen und Römer hatten faszinierende Theorien über den menschlichen Geist«, erklärt die Wissenschaftlerin, die derzeit am Exzellenzcluster Roots in Kiel forscht. »Ihre Diagnosen spiegelten nicht nur medizinisches Wissen wider, sondern auch kulturelle Vorstellungen über Geschlecht, Gesellschaft und das, was als ›normal‹ galt.«
Wahnsinn! Wie sich der Umgang mit psychischen Problemen über die Jahrhunderte verändert hat
Psychische Probleme zuzugeben fällt heute vielen Menschen leichter als noch vor wenigen Jahren. Doch bis dahin war es ein weiter Weg. Lange wurden psychisch Erkrankte stigmatisiert und aus der Gesellschaft ausgeschlossen. Diese Ausgabe von SPIEGEL GESCHICHTE zeichnet nach, wie massiv sich das Verständnis psychischer Störungen seit der Antike gewandelt hat.
Manche Fragen und Antwortmöglichkeiten wirken heute seltsam – aber zu allem gibt es Theorien oder Fallbeispiele in den alten Schriften.
Also, lassen Sie sich in diesem fiktiven Anamnese-Fragebogen von den Ärzten der Antike untersuchen. Aber denken Sie daran: »Der Fragebogen ist spielerisch gedacht und ersetzt keine medizinische Beratung«, betont Thumiger. Es gehe darum, zu entdecken, wie anders die alten Griechen über Geist und Psyche dachten.
Viel Spaß!
Für die Entwicklung des Fragebogens hat Thumiger Texte unter anderem von Hippokrates, Galen und Caelius Aurelianus ausgewertet, die einen Zeitraum von etwa 500 vor bis 500 nach Christus umfassen.
Die Krankheit Satyriasis ist demnach nach den mythologischen Waldgöttern mit ihrer notorischen Geilheit benannt; Patienten hätten unter unkontrollierbarem Sexualdrang gelitten. Das Stomachikon befiel nach Meinung der Mediziner besonders Astronomen, weil sie zu viel grübelten und deswegen zu wenig aßen. Andere antike Leiden haben sich bis heute in unserem Sprachgebrauch gehalten, wenngleich mit teils anderem Sinn: Melancholie, Manie oder Hysterie.
Vermeintliche Seelenleiden in der Antike
Phrenitis galt in der Antike als gefährliche Krankheit. Selbst bis ins 19. Jahrhundert verwendeten Ärzte diesen Begriff für Diagnosen. Typisch waren hohes Fieber, geistige Verwirrung, Halluzinationen und zwanghafte Handbewegungen. Dazu kamen Schlaflosigkeit, Nervosität und intensive Träume. Zunächst hielt man Phrenitis für eine Entzündung von Brust und Zwerchfell, später dann für eine Entzündung der Hirnhäute. Die moderne Medizin kann dagegen kein Krankheitsbild ausmachen, das der Phrenitis entspricht – die Diagnose und der Begriff wurden verworfen.
Vielleicht haben Sie sich gefragt, was Ihr Geschlecht mit Ihrer Diagnose zu tun haben soll. Zwar gibt es auch heute Tendenzen: Bei Frauen werden häufiger Essstörungen, Depressionen und Angststörungen, bei Männern häufiger Suchtprobleme und Verhaltensstörungen wie ADHS diagnostiziert.
Doch den – ausschließlich männlichen – Ärzten der Antike ging es um mehr als Häufigkeiten. Manche Krankheiten wie Stomachikon, Lethargie oder Melancholie betrafen ihrer Ansicht nach fast nur Männer. Für Hysterie waren dagegen vermeintlich vor allem Jungfrauen und alte, unverheiratete Damen empfänglich.
»Heiße« und »kalte« Seelenleiden
Ebenso wichtig war für die antiken Ärzte die Frage nach dem Fieber. Sie unterschieden zwischen »heißen« Seelenleiden wie Phrenitis und eher »kalten« wie Lethargie. Wenn Fieber allerdings mit sexueller Erregung einherging, sprach das eher für Satyriasis oder Manie.
Auch wer »unsichtbare Staubkörner« wegzuwischen versuchte, zeigte laut Texten aus dem Umfeld des Hippokrates ein typisches Symptom der Phrenitis. Die Krankheit galt früher als sehr gefährlich. Heute ist die Phrenitis allerdings weitgehend vergessen, weil sie keiner modernen Diagnose eins zu eins entspricht.
Schwarzer Speichel, Urin oder Erbrochenes deuteten dagegen auf einen Überschuss schwarzer Galle hin – das vermeintliche Hauptsymptom der Melancholie.
Besonders bizarr erscheint die Idee einer »wandernden Gebärmutter«. Viele antike Ärzte glaubten fälschlicherweise, der Uterus könne sich durch den Körper bewegen und Erstickungsgefühle verursachen. Vor allem Jungfrauen und unverheiratete Frauen galten als gefährdet für diese »hysterische Erstickung«.
Wer sich dagegen für ein unerkanntes Genie hielt, zeigte ein typisches Muster für Phrenitis oder Manie.
Psychische Krankheit war nicht nur Stigma
Schämen musste man sich für viele dieser Diagnosen kaum in der Antike. Im Gegenteil: Manche Melancholiker galten als geniale Künstler, manche Arten der Manie als von den Göttern inspiriert, und selbst das angebliche Stomachikon traf nur die Gebildeten. Seelenleiden waren nicht nur Stigma.
Anlass zur Sorge hatten jene Patienten, denen Hydrophobie diagnostiziert wurde – diese entspricht nach aktueller Forschungsmeinung der Tollwut. Heute wissen wir, dass sie durch Viren ausgelöst wird und damit kein Seelenleiden im engeren Sinn ist. Meist endet sie tödlich, sobald sich einmal die ersten Symptome gezeigt haben. Glücklicherweise gilt die Krankheit heute in Westeuropa als weitgehend ausgerottet. Wer in Risikogebiete reist, kann sich vorher impfen lassen.