Sturmflut 1962 Die Nacht, in der Hamburg unterging
Dieser Artikel gehört zum Angebot von SPIEGEL+. Sie können ihn auch ohne Abonnement lesen, weil er Ihnen geschenkt wurde.
Filmausschnitt der Baubehörde Hamburg 1962:
»Februar 1962. Gewaltige, über mehrere Tage andauernde West- und Nordstürme mit Orkanstärke peitschen große Wassermassen in die Deutsche Bucht und gegen die ost- und nordfriesische Küste. Am 16. Februar drehte der Sturm auf Nordwest und presste die in der Nordsee aufgestauten Wassermassen in die Elbmündung. Dieser Nordweststurm, der über 45 Stunden anhielt, trieb die Sturmflutwelle elbaufwärts bis nach Hamburg.«
Helmut Schmidt, Polizeisenator Hamburg 1962:
»In der Nacht vom 16. zum 17. Februar hat Hamburg die höchste Sturmflut seit Menschengedenken erlebt.«
Das Wasser der Elbe steigt und steigt – so hoch, dass es nicht mehr ablaufen kann. Eine Katastrophe beginnt. Sie ist bis heute tief im Bewusstsein der alteingesessenen Hamburger verankert.
Karl Pries, 1962 Polizist in Hamburg-Wilhelmsburg:
»Mein Name ist Karl Pries. Ich war zur Zeit der Sturmflut 24 Jahre alt und war Polizeioberwachtmeister.«
Er hat Spätschicht, als er aus Hamburg-Altona in den südlich der Elbe gelegenen Stadtteil Wilhelmsburg geschickt wird. Die Pegelstände steigen: Sturmflut. Das Fatale dabei: Die Warnungen erreichen nicht viele Menschen.
Karl Pries, 1962 Polizist in Hamburg-Wilhelmsburg:
»Die haben das gar nicht mitgekriegt, dass das Wasser kam. Über Radio wurde eine Hochwasserwarnung rausgegeben. Aber nachts schlafen die Leute, die haben kein Radio an. Solange es ging, wurden ja auch noch Lautsprecherdurchsagen von der Polizei und von der Feuerwehr getätigt. Mit Megafon wurde dann gerufen: ›Verlassen Sie Ihre Häuser, verlassen Sie Ihre Häuser!‹ Solange das Wasser noch nicht so hoch war, ist ja versucht worden, an die Häuser ranzukommen.«
Renate Dornecker, wohnte 1962 in Hamburg-Wilhelmsburg:
»Wir sind wach geworden durch das starke Klopfen von einem Nachbarn aus dem Haus, aber ganz massiv, richtig mit der Faust hat der gegen die Tür gehauen, sodass man das auch wirklich… Man sprang aus dem Bett raus und wusste im Moment gar nicht, was los ist. Und er schrie nur: ›Wasser, Wasser kommt!‹ Und dann stand man am Fenster. Das sehe ich immer heute noch, wie das Wasser in Massen… Es waren wirklich Massen, unvorstellbare Massen an Wasser, die da auf das Haus zukamen. Mir kam das meterhoch vor. Und dann habe ich nur noch geschrien.
Ich bin Renate Dornecker. Zur Zeit der Sturmflut war ich 16 Jahre alt und bin in Hamburg zur Schule gegangen.«
Was sie am Fenster beobachtete, war die unmittelbare Folge der ersten Deichbrüche. In der Nacht wurden es immer mehr. Dornecker konnte sich mit ihren Geschwistern zu Nachbarn in höhere Stockwerke ihres Mietshauses in Wilhelmsburg retten. Binnen wenigen Stunden wurde ein Sechstel des Hamburger Stadtgebiets überflutet. Ungehindert strömte das Wasser durch die Straßen, walzte alles nieder, auch Strom- und Telefonleitungen. Es war dunkel. Es gab keine Kommunikation, keinerlei Koordination von Polizei, Feuerwehr und anderen Hilfskräften. Von einem Katastrophen- oder Evakuierungsplan ganz zu schweigen.
Polizeifunk Hamburg 16./17. Februar 1962:
»Ich kann nichts verstehen, das Gespräch ist verzerrt. Bitte noch mal wiederholen!«
Karl Pries, 1962 Polizist in Hamburg-Wilhelmsburg:
»Das ist ja in dem Moment ein Chaos. Hilfskräfte von allen Seiten. Die spärlichen Informationen, die man bekam. Dann versuchen sie dort, Leute zu retten, Leute rauszuholen.
Telefonisch kam man nicht durch. Denn in der Nacht brachen dann die Telefonleitungen zusammen, und dann wurde versucht über Funkgeräte. Die hatten wir natürlich auch nicht. Das behinderte natürlich auch die Rettungsmaßnahmen, weil die sich ja untereinander nicht verständigen konnten.
Die haben geweint und haben geschrien: ›Wo ist meine Frau, wo ist mein Mann, wo sind meine Kinder?‹ Das ging ja alles durcheinander. Jeder versuchte irgendwo, sich verständlich zu machen. Dann wurde auch gesagt: ›Ja, da hinten auf den Behelfsheimen, da sind Menschen auf den Dächern, die müssen da runtergeholt werden.‹ Und das hat man dann weitergegeben. Mehr war eigentlich nicht möglich. Man hat also die Informationen, die man selbst bekam, wieder anderen weitergeben, die das noch nicht wussten.«
Die Behelfsheime befanden sich in mehreren Kleingartensiedlungen. Hier lebten auch fast 17 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs noch viele ausgebombte Hamburger Familien und Flüchtlinge aus dem Osten.
Johannes Tönnies, lebte 1962 in Hamburg-Waltershof:
»Irgendwann gegen Mitternacht. Ich weiß die Uhrzeit nicht genau. Elf Uhr oder danach. Wir waren schon im Bett. Klopft mein Vater bei uns am Schlafzimmerfenster: ›Oma und Opa saufen ab.‹
Mein Name ist Johannes Tönnies. Zum Zeitpunkt der Flut 1962 war ich 23 Jahre alt. Mein Beruf war Postbeamter.«
Tönnies' Familie wurde während des Krieges nach einem Bombenangriff obdachlos und lebte seitdem in einer Siedlung aus Behelfsheimen in Hamburg-Waltershof. Heute stehen hier Containerterminals, Hafenindustrie. Die Siedlung gibt es nicht mehr, allein hier ertranken 44 Menschen.
Filmausschnitt der Baubehörde Hamburg 1962:
»Mit vernichtender Gewalt schlug die Flutwelle in das Wohnlaubengebiet im Mühlenberger Grund auf Waltershof.«
Johannes Tönnies, lebte 1962 in Hamburg-Waltershof:
»Die Kolonie lag tiefer als die Straße. Ich konnte also mit dem Wagen noch auf dieser Straße fahren. Bin dann zu meinen Großeltern, da war das Wasser 1,30 m. Die saßen in ihrem Behelfsheim. Einer in der Stube auf dem Tisch, Stuhl auf dem Tisch und Oma war in der Küche, einen Stuhl auf dem Tisch. Und dann bin ich da rein. Dann habe ich den Fernseher oben auf den Küchenschrank gestellt. Habe mir Oma genommen. Das war so eine korpulente Frau, Arm hinten am Nacken. Und dann bin ich durchs Wasser zur Straße hin zu meinem Käfer.«
Die Kleingartenkolonien wurden zu Todesfallen – sie lagen meist sehr tief und liefen schnell voll Wasser. Die Hütten waren eingeschossig und hatten flache Dächer.
Karl Pries, 1962 Polizist in Hamburg-Wilhelmsburg:
»Deshalb haben die Menschen ja die Tür nicht aufgekriegt, weil der Wasserdruck von außen war. Das Einzige ging dann noch durch die Fenster, aber das war auch nicht immer möglich. Die meisten haben versucht, aufs Dach zu kommen, und haben von da aus um Hilfe gerufen.«
Johannes Tönnies, lebte 1962 in Hamburg-Waltershof:
»Es stand alles unter Wasser. Die Kolonien, das war Wasser, rundherum Wasser. Man weiß natürlich, wo man hin will, und dann geht man da rein und sagt ›Okay, ist das Wasser so hoch oder so hoch – scheißegal, da musst du durch.‹ War so.«
Die Leute haben zum Teil auf den Dächern ihrer Lauben gesessen, die haben in Bäumen gesessen, die haben geschrien, und die sind alle bei uns vorbei. Wir waren oben und die sind unten vorbeigeschwommen mit ihren Häusern, um sich zu retten. Die haben um ihr Leben gebangt.
Babette Schulz, Überlebende der Sturmflut 1962:
»Ich heiße Babette Schulz, war bei der Sturmflut 1962 damals fünf Jahre alt. Ich habe zu der Zeit schon geschlafen, wie der Deich brach. Gerettet hat uns unser Hund, der meine Mutter geweckt hat, die sich gewundert hat, wieso der so nasse Pfoten hatte. Dann ist sie aus dem Bett gesprungen, hatte schon bis zu den Knien Wasser. Hat uns geweckt – meine Schwester und mich. Schnell noch eine Jacke übergeworfen und raus aufs Dach. Wo wir allerdings nach einer Weile Pech hatten, weil der Ölofen anfing zu brennen. Und dann hat meine Mutter meine Schwester und mich sich an den Leib gebunden und ist dann auf den Birnbaum, der direkt am Haus stand, damals geklettert.«
Die kleine Babette Schulz, ihre Schwester und ihre Mutter konnten in Sicherheit gebracht werden. Mit Schlauchbooten und kleinen Booten versuchten Helfer, die verängstigten und durchnässten Eingeschlossenen aus der Eiseskälte zu retten. Doch viele ertranken.
Am nächsten Morgen übernimmt der damalige Polizeisenator Helmut Schmidt die Leitung des Krisenstabs und koordinierte die groß angelegte Rettungsaktion.
Karl Pries, 1962 Polizist in Hamburg-Wilhelmsburg:
»Der ist ins Lagezentrum gegangen. Mittlerweile hat sich ein Lagezentrum gegründet. Und dann hörten wir, Helmut Schmidt hat die Leitung des Lagezentrums übernommen. Später haben wir natürlich gehört, da hat es wohl Mängel gegeben und er hat sich darüber hinweggesetzt.
Helmut Schmidt, Polizeisenator Hamburg 1962:
»Die Deiche sind an vielen, vielen Stellen überspült worden. Wir haben 60 Deichbrüche. Leider.«
Karl Pries, 1962 Polizist in Hamburg-Wilhelmsburg:
Als es dann hell wurde, da sah man ja erst, was überhaupt los war.«
»Das Stadtgebiet von Wilhelmsburg. Auf den Dächern warteten die Menschen auf die Hubschrauber, von denen sie mit Lebensmitteln aller Art versorgt wurden.«
Helmut Schmidt, Polizeisenator Hamburg 1962:
»Die Bergung von vielen Tausend Menschen aus unmittelbarer Lebensgefahr und die Evakuierung von über 18.000 Menschen aus dem Katastrophengebiet wäre ohne die tatkräftige Hilfe der Bundeswehr gar nicht möglich gewesen.«
Renate Dornecker, wohnte 1962 in Hamburg-Wilhelmsburg:
»Am nächsten Tag kamen dann die Soldaten schon mit Suppe und hielten vor unserem Fenster. Mit Schlauchbooten sind die rumgefahren und haben immer bei den Parterrewohnungen gehalten. Da waren die Fenster weit auf. Und dann haben sie reingereicht. Essen und dann Suppe gab es meistens und für alle aus dem Haus.«
Viele Wilhelmsburger blieben noch tagelang in ihren Wohnungen, abgeschnitten durch die Wassermassen. Und während das Wasser langsam zurückging, wurden die Ausmaße der Flutkatastrophe immer deutlicher. Zerstörung, Tausende obdachlos und viele Tote.
Filmausschnitt der Baubehörde Hamburg 1962:
»Taucher bergen die Opfer. Große Verluste waren zu beklagen. 315 Todesopfer hat die Flut auf Hamburger Gebiet gefordert.«
Karl Pries, 1962 Polizist in Hamburg-Wilhelmsburg:
»Das muss man sich mal vorstellen. In einer Nacht. Später hat man die ja noch gefunden, teilweise in den Häusern. Das hörte man dann.«
340 Menschen verloren durch die Sturmflut im Februar 1962 ihr Leben, allein 315 in Hamburg. Zur Trauerfeier für die Opfer versammelten sich über 150.000 Menschen auf dem Hamburger Rathausmarkt.