Treffen mit Michail Gorbatschow - DER SPIEGEL
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Treffen mit Michail Gorbatschow "Er hatte das Charisma eines Superstars"

Als Moderator von MTV traf Steve Blame in den neunziger Jahren die größten Stars der Welt. Auf einestages erinnert er sich an die besten Begegnungen. In Folge zehn: Wie Michail Gorbatschow die Jugend Europas für Politik begeisterte - und warum er am Ende des Interviews die Flucht ergriff.
Steve und Michail: "Als ich Gorbatschow 1992 in London traf, war ich fest entschlossen, ein Foto mit ihm zu bekommen." Doch der ehemalige Präsident der Sowjetunion stand direkt nach dem Interview auf und verließ sofort den Raum. "Also verfolgte ich ihn und bekam mein Bild im Hotelflur."
Steve und Michail: "Als ich Gorbatschow 1992 in London traf, war ich fest entschlossen, ein Foto mit ihm zu bekommen." Doch der ehemalige Präsident der Sowjetunion stand direkt nach dem Interview auf und verließ sofort den Raum. "Also verfolgte ich ihn und bekam mein Bild im Hotelflur."

Steve und Michail: "Als ich Gorbatschow 1992 in London traf, war ich fest entschlossen, ein Foto mit ihm zu bekommen." Doch der ehemalige Präsident der Sowjetunion stand direkt nach dem Interview auf und verließ sofort den Raum. "Also verfolgte ich ihn und bekam mein Bild im Hotelflur."

Foto:

Steve Blame

Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

1994 entschloss sich MTV Europe, eine "Vote Europe"-Kampagne zu starten. Sie sollte junge Europäer dazu ermuntern, zur Europawahl zu gehen. Zuvor hatte MTV Amerika überaus erfolgreich die "Choose or Lose"-Kampagne gefahren, für die Bill Clinton und George Bush Senior interviewt worden waren und die die Wahlbeteiligung unter den 18- bis 24-Jährigen um satte 20 Prozent gesteigert hatte.

So einfach würden wir es nicht haben, das war uns von Anfang an klar. Viele junge Europäer konnten sich mit der Europapolitik kaum identifizieren. Sie fürchteten nach der Wahl eine Entrechtung, dass man also zukünftig über sie in Brüssel entscheiden würde. Und dafür sollten wir werben?

Die meisten Jugendlichen in Europa, das hatten Umfragen ergeben, sorgten sich wegen Dingen, die auch ein vereintes Europa nicht würde lösen können - nämlich Kriminalität, Drogen, Nationalismus, Arbeitslosigkeit, Umweltprobleme und Rassismus. Deswegen wollten wir ihnen mit unserer Kampagne eine Perspektive auf Europa als Ganzes geben - in dem wir mit Menschen sprachen, die nicht im Kerneuropa lebten, sondern eher am Rand. Wir interviewten also Jacques Delors, den damaligen Präsidenten der EG-Kommission, Tansu Çiller, die erste türkische Premierministerin, Gro Harlem Brundtland, die damalige Premierministerin von Norwegen und Michail Gorbatschow.

Kritische Blicke von Gorbatoschw

Das Interview mit Gorbatschow fand im Claridge's statt, einem der besten Hotels Londons. Die Crew baute ihre Kameras in einer Suite auf, dann warteten wir auf Gorbatschow und seinen Übersetzer. Als die beiden ankamen, schüttelte mir Gorbatschow die Hand und setzte sich mir gegenüber, sein Übersetzer nahm neben ihm Platz, so, dass er nicht im Bild war. Dann musterten mich beide ausgiebig. Von oben nach unten. Und dann wieder von unten nach oben.

Offensichtlich waren sie überrascht über mein legeres Outfit. Auf der Journalistenschule hatten mir die Ausbilder, nachdem ich meine Haare einmal lila gefärbt hatte, empfohlen, meinen Dresscode zu ändern. Sie sagten, dass viele Politiker niemals mit mir sprechen würden, wenn ich so aussähe. Gorbatschow hatte mich ganz genau inspiziert, bis hin zu meinen klobigen, unpolierten Schuhen. Aber er sagte mir, dass er sie mochte.

Bevor ich das Interview begann, stellte ich Gorbatschow eine belanglose Frage, damit das Filmteam die Mikrofone richtig abmischen konnte. Wo seine Frau sei und was sie gerade mache, wollte ich wissen. Er sagte, sie sei wohl Haarspray kaufen, denn sie hatte ihres vergessen, wollte sich aber noch schick machen für das Essen bei Margaret Thatcher, zu dem sie am Abend, direkt nach dem Interview, eingeladen waren. Ich musste daran denken, dass mir Margaret Thatcher wahrscheinlich nie im Leben ein Interview in diesem Aufzug gegeben hätte.

Botschaft an die Jugend Europas

Gorbatschows erste echte Antwort beinhaltete gleich die Kernbotschaft, wegen derer er sich auf das MTV-Interview eingelassen hatte: "Ich möchte alle jungen Menschen dazu auffordern, ihre politische Frustration abzulegen und Politik als etwas absolut Notwendiges zu begreifen, etwas, an dem man mit all seiner Energie teilhaben und das man mit seinen Ideen bereichern muss".

Er war ein sehr einnehmender Charakter, freundlich und warmherzig, außerdem konzentrierte er sich wirklich das ganze Interview über auf mich. Er verfolgte noch die kleinste Nuance meiner Reaktionen, während mir der Dolmetscher seine Worte übersetzte.

Wir sprachen über die Gefahr des damals in Russland wuchernden Nationalismus. Der rechtsgerichtete Wladimir Schirinowski hatte bei der Wahl für die russische Duma 23 Prozent eingefahren. Außerdem redeten wir über die wachsenden Belastungen für die einzelnen Mitgliedstaaten, die ein vereintes Europa mit sich bringen würde. Das größte Problem jedoch sah Gorbatschow im Kosovo-Konflikt, der unbedingt beendet werden müsse. Gorbatschow nahm die Europäer in die Pflicht, dafür zu sorgen, dass sich so was nie wiederhole.

Ein Staatsmann ohne Staat

Zum Zeitpunkt des Interviews hatte Gorbatschow die Lebensphase des Staatsmanns erreicht, dem der Staat abhandengekommen war. Er hatte die Auflösung der Sowjetunion überwacht, was zweifelsfrei das größte Ereignis und der größte Einfluss auf Europa seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs war. Gorbatschow hatte die Welt verändert. Doch die hatte einfach weitergemacht und ihn zurückgelassen.

Er verströmte eine Aura, wie ich sie nur bei wenigen Menschen beobachtet habe. In dieser Hinsicht war er wie einige der wirklich großen Stars, die Ihr Charisma wie auf Knopfdruck anschalten konnten. Er hatte eine klare Botschaft und er wusste genau, wen er über MTV erreichen konnte. Er sagte, dass Europa "die Geisel des Kalten Krieges" gewesen sei. Und er war der tiefen Überzeugung, dass sich durch das Wegfallen der Feindseligkeit zwischen Ost und West für Europa eine ungeheure Chance ergab, die noch lange nicht voll erkannt worden war.

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Getting Lost Is Part of the Journey: MTV, Deutschland und ich (Lübbe Sachbuch)

Blame, Steve
Verlag: Lübbe
Seitenzahl: 380
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17.10.2026 15.28 Uhr

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Am Ende des Interviews fragte ich ihn noch einmal nach der Verantwortung junger Leute, sich in der Politik zu engagieren. "Kein Mensch braucht diese ganzen alten, überarbeiteten, ermatteten Bürokraten", sagte er. "Die Jugend in der Politik, das ist wie die Hefe in einem Teig".

Kaum hatte er diesen Satz gesagt, sprang er auf, und während der Übersetzer seinen Ausspruch übersetzte, nahm er sich schon das Mikrofon ab. Er fürchtete wohl, zu spät zu seinem nächsten Termin zu kommen. Noch bevor wir das obligatorische Handschüttel-Foto machen konnten, war er schon aus der Suite entwischt. Der MTV-Pressesprecher schrie mich und den Fotografen an, ihm hinterherzurennen. Auf dem Flur holte ich Gorbatschow ein und ging neben ihm, während der Fotograf vor uns herlief und versuchte, ein Foto zu machen. Niemand traut sich wohl, Margaret Thatcher warten zu lassen, dachte ich bei mir. Noch nicht einmal Michail Gorbatschow.