Weltkriegsende 1945: »Die Nachfrage nach Gift ist überall groß« - DER SPIEGEL
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Je weiter der Krieg voranschritt, desto mehr verschlechterte sich die Lage. Im Juli 1944 wurde die regelmäßige SD-Berichterstattung eingestellt: Was die Informanten über die Gemütslage innerhalb der Bevölkerung zusammentrugen, war einfach zu negativ. Seither wurden die Stimmungsprotokolle nur noch vereinzelt angefertigt und einem sehr kleinen Kreis vorgelegt.

Collage: Lea Rossa / DER SPIEGEL; dpa

Im Frühjahr 1945 tobten in Europa die letzten Wochen des Zweiten Weltkriegs. Von Westen rückten die Streitkräfte der USA, Frankreichs, Großbritanniens, Belgiens und anderer Verbündeter vor, von Osten die sowjetische Rote Armee. In dieser Serie blenden wir zurück in die Zeit vor 80 Jahren, vermitteln mit Texten, Fotos, Videos und Zeitzeugenberichten einen Eindruck davon, was damals geschah und wie unterschiedlich Menschen diese Zeit erlebten.
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Ein Bericht von Ende März 1945 fasst in sechs Punkten zusammen, wie desaströs es um die öffentliche Meinung im Land bestellt war:

»1. Niemand will den Krieg verlieren. Jeder hat sehnlichst gewünscht, dass wir ihn gewinnen.«

»2. Keiner glaubt mehr, dass wir siegen. Der bisher bewahrte Hoffnungsfunken ist am Auslöschen.«

»3. Wenn wir den Krieg verlieren, sind wir nach allgemeiner Überzeugung selber daran schuld, und zwar nicht der kleine Mann, sondern die Führung.«

»4. Das Volk hat kein Vertrauen zur Führung mehr. Es übt scharfe Kritik an der Partei, an bestimmten Führungspersonen und an der Propaganda.«

»5. Der Führer ist für Millionen der letzte Halt und die letzte Hoffnung, aber auch der Führer wird täglich stärker in die Vertrauensfrage und in die Kritik einbezogen.«

»6. Der Zweifel am Sinn des weiteren Kampfes zerfrisst die Einsatzbereitschaft, das Vertrauen der Volksgenossen zu sich selbst und untereinander.«

Zusammenfassend lautete die Bilanz des zeitgenössischen Berichts: »Es breitet sich der Schrecken aus, dass wir auf dem letzten Loch pfeifen, dass wir im Grunde genommen schon am Ende sind.«

Ein Mann an der Leipziger Straße in Berlin vor dem brennenden Textilkaufhaus Richard Vogel (1945): »Das Volk hat kein Vertrauen zur Führung mehr«

Ein Mann an der Leipziger Straße in Berlin vor dem brennenden Textilkaufhaus Richard Vogel (1945): »Das Volk hat kein Vertrauen zur Führung mehr«

Foto: Archiv Golejewski / ullstein bild

Ein Großteil des Volkes habe sich daran gewöhnt, »nur noch für den Tag zu leben«, so der Stimmungsbericht. Viele Menschen würden an Suizid denken oder diesen gar begehen:

»Die Nachfrage nach Gift, nach einer Pistole oder sonstigen Mitteln, dem Leben ein Ende zu bereiten, ist überall groß. Selbstmorde aus echter Verzweiflung (…) sind an der Tagesordnung.«

Hätten die Menschen früher nur vorsichtig Kritik geübt, halte derzeit niemand mehr mit seiner Kritik hinter dem Berg, heißt es in dem Bericht außerdem. Besonders der »kleine Mann« nehme sich »das Recht heraus, seine Meinung in offenster Weise und mit äußerstem Freimut auszusprechen. Man nimmt sich kein Blatt mehr vor den Mund.«

Die deutsche Bevölkerung sei zutiefst frustriert – zudem wütend darüber, über Jahre belogen worden zu sein: »Nun aber bricht ungestüm, gereizt und zum Teil gehässig die Enttäuschung darüber heraus, dass die nationalsozialistische Wirklichkeit in vieler Hinsicht nicht der Idee, die Kriegsentwicklung nicht den Verlautbarungen entspricht«, hieß es in dem Stimmungsbericht.

Geflüchtete Frauen und Kinder bei Remagen in einer Erdhöhle (1945): »Nun aber bricht ungestüm, gereizt und zum Teil gehässig die Enttäuschung heraus«

Geflüchtete Frauen und Kinder bei Remagen in einer Erdhöhle (1945): »Nun aber bricht ungestüm, gereizt und zum Teil gehässig die Enttäuschung heraus«

Foto: Hilmar Pabel / ullstein bild

Der britische Historiker Ian Kershaw fasste die Lage in seiner 2011 erschienenen Studie »Das Ende. Kampf bis in den Untergang. Deutschland 1944/45« so zusammen: »Die eingespielte Apparatur war machtlos gegen das, was die Menschen mit ihren eigenen Augen sahen. Ihre wild entschlossenen Parolen stießen bei der Bevölkerung, die sich nach dem Ende des Krieges sehnte und sich unversöhnlich gegen das Regime wandte, das so viel Elend über Deutschland gebracht hatte, auf Spott und Hohn.«

Statt sich im Sinne der NS-Führung im Kampf gegen den Feind zu opfern, liefen die Menschen den Alliierten entgegen, wie auf den nachfolgenden Filmaufnahmen zu sehen ist. Gedreht wurden sie Ende März 1945 am Stadtrand von Aschaffenburg während der Kämpfe um den Ort: Ihr Hab und Gut in der Hand, schwenken die Bewohner weiße Tücher, tiefe Erschöpfung liegt auf ihren Gesichtern.

Weiße Flagge für den Feind: Zivilisten am Stadtrand von Aschaffenburg während der Kämpfe Ende März 1945 (US-Aufnahme)

Video: DER SPIEGEL / National Archives

Was in dieser Woche vor 80 Jahren passierte

Sowjetischen Truppen besetzen Danzig.

Rotarmisten in Danzig (1945)

Rotarmisten in Danzig (1945)

Foto: Sputnik / IMAGO

Von der untergetauchten Jüdin über den US-Soldaten bis zum NS-Propagandaminister: Begleiten Sie mit uns sieben Menschen bis zum Kriegsende – in jeder Folge kommen vier von ihnen zu Wort.

Joseph Goebbels bereitete die allgemein schlechte Stimmung größtes Kopfzerbrechen. Die militärische Lage im Westen werde »in der Hauptsache durch das Absinken der Moral der Zivilbevölkerung wie bei der Truppe gekennzeichnet«, so der NS-Propagandaminister in seinem Tagebuch-Eintrag vom 30. März.

Dieses Absinken bedeute »eine große Gefahr, denn ein Volk und eine Truppe, die nicht mehr zu kämpfen bereit sind, werden auch durch noch so große Zuführungen an Waffen und an Soldaten nicht mehr gerettet werden können.«

Sorgen bereitete Goebbels zudem, dass Hitler ihm zunehmend überfordert schien. »Ich habe auch den Eindruck, dass der Führer in den letzten Tagen sich stark überarbeitet hat«, so Goebbels am 31. März. »Er hat beispielsweise während der vergangenen 24 Stunden nur zwei Stunden Schlaf gehabt.«

Nach wie vor war Goebbels der Meinung, dass er mit seinen Hass-Tiraden Gehör bei der deutschen Bevölkerung finden könne: »Die anti-anglo-amerikanische Propaganda ist jetzt das Gebot der Stunde«, so Goebbels.

Nur wenn man den Menschen weismache, »dass die Engländer und Amerikaner mit ihm nichts anderes vorhaben als die Bolschewisten, dann wird es dem Feind im Westen gegenüber eine andere Stellung einnehmen.«

Laut Goebbels wäre es von zentraler Bedeutung, dass Hitler sich öffentlich an die Bevölkerung wenden würde – viel Hoffnung hegte er indes nicht. »Der Führer verspricht mir, baldigst seine Rede an das deutsche Volk zu halten. (…) Ich bin etwas skeptisch, ob er tatsächlich in absehbarer Zeit sprechen will. Der Führer hat jetzt eine mir gänzlich unverständliche Scheu vor dem Mikrophon.«

Seit 1923 führte Joseph Goebbels (1897–1945) regelmäßig Tagebuch, die Aufzeichnungen des NS-Propagandaministers wurden in mehreren Bänden posthum veröffentlicht.

Quelle: Joseph Goebbels: Tagebücher in fünf Bänden 1924–1945, Band 5: 1943–1945, Piper Verlag 2008.


Während Goebbels sich sehnlichst eine öffentliche Ansprache Hitlers wünschte, zeigte sich die untergetauchte Jüdin Alice Löwenthal deprimiert über die phrasenhaften Durchhalteparolen. »Und diese Irrsinnigen faseln weiter vom Sieg mit der Waffe, die es endgültig schaffen wird, den Feind aus Deutschland zu werfen«, schrieb sie in einem ihrer vielen nicht abgeschickten Briefe an ihren Mann Adolf.

Noch immer glomm ein Fünkchen Hoffnung in ihr, dass die Familie zu Kriegsende wieder vereint sein könnte: »Schatzel, es kann ja nun wirklich nur noch Wochen dauern, bis wir alle wieder frei sind!«, so die Hutmacherin und Schneiderin in ihrem Brief vom 4. April.

Für das letzte Aufgebot der Nationalsozialisten, die NS-Untergrundorganisation »Werwolf«, hatte die 35-Jährige nur Verachtung übrig: »Diese Idioten, diese gemeinen Bluthunde, denen es nur darum geht, ihr eigenes Leben, dieses Verbrecherdasein, zu verlängern«, schrieb Löwenthal. »Wie ein kleiner Köter, der einen großen Hund wütend ankläfft, kommen sie einem vor! Zum Lachen und doch so tief, tieftraurig!«

Die jahrelange Verfolgung und Demütigung, Ausgrenzung und Sorge um Mann wie Töchter, zehrte an den Nerven der jungen Frau – Löwenthal sollte dieses Trauma ihr Leben lang nicht mehr loswerden.

Alice Löwenthal (1909–1987) war eine jüdische Modistin aus Berlin. Nachdem ihr Ehemann im Februar 1943 festgenommen und deportiert worden war, tauchte sie mit ihren beiden Kindern unter. Die Töchter aus erster Ehe, Ruth und Brigitte Süssmann, kamen zunächst in Weimar bei der Cousine eines einstigen Polizisten unter.

Quelle: Löwenthals bislang unveröffentlichten Briefe sind teilweise abgedruckt bei: Volker Heise: 1945. Rowohlt 2024. Dass wir ihre ganzen Briefe einsehen durften, verdanken wir ihrer Tochter Eva.


Anders als Löwenthal verlebte die Berliner Sekretärin Brigitte Eicke ein weitgehend sorgloses Osterwochenende. Am Karfreitag, den 30. März, nahm sie den Zug nach Stolzenhagen zu Bekannten, am Tag darauf notierte sie in ihr Tagebuch: »Wir haben angegeben und viel gelacht, Anne, Werner und ich.«

Zudem verbrachte die 18-Jährige das Wochenende mit Ausschlafen, Lesen, Nähen und Spazierengehen. Eicke genoss das Gefühl der Sicherheit außerhalb der regelmäßig bombardierten Hauptstadt. »Hier haben wir nicht solche Angst«, schrieb sie am 2. April.

Zurück in Berlin kam Eicke kaum zum Schlafen. »Fliegeralarm von ½ 11 bis ½ 12 nachts. Kaum waren wir eingeschlafen, kam wieder Fliegeralarm von ½ 2 – 2 Uhr nachts. Wir sind bei uns im Keller geblieben. Ich komme immer kaum zu mir so früh.«

Hunger musste Eicke in dieser Woche nicht leiden, wie sie betonte: »Abends zu Raues und sehr viel gegessen«, schrieb sie am 4. April. Von dem Kriegsalltag lenkte sie sich mit dem Roman »Herz im Osten« von NS-Autor Kurt Eggers ab: »ein doller freier Roman«, lobte Eicke das Buch in ihrem Tagebuch-Eintrag vom 5. April.

Brigitte Eicke (1927–2016) begann 1942 als 15-Jährige mit ihren Stenografieaufzeichnungen. Die Sekretärin lebte gemeinsam mit Mutter und Hund in Berlin. 1945 arbeitete sie im Berliner Warenhaus der Bekleidungsgesellschaft, das vormals den Namen N. Israel trug, dann aber zwangsarisiert wurde.

Quelle: Brigitte: Backfisch im Bombenkrieg. Notizen in Steno, hrsg. von Barbara Felsmann, Annett Gröschner und Grischa Meyer, Matthes & Seitz 2013.


Luftwaffenhelfer Dieter Borkowski wunderte sich derweil über eine Rede von Robert Ley, Reichsleiter der NSDAP und Leiter der Deutschen Arbeitsfront (DAF). Der NS-Politiker habe die Meinung vertreten, Hitler habe die Alliierten bewusst bis in das Reichsgebiet gelockt, »um sie mit grauenhaften Waffen hier besser vernichten zu können«, schrieb Borkowski am 2. April in sein Tagebuch.

Besonders logisch erschien dem Flakhelfer diese Theorie nicht. »Das mit der Lockung des Führers, den Feind vor Berlin zu vernichten, würde ja bedeuten, dass wir vor vier Jahren nicht hätten bis nach Moskau und Stalingrad marschieren müssen«, so Borkowski. Zudem schien ihm Robert Ley (Spitzname: »Reichstrunkenbold«), etwas angeschickert, als der seine Rede hielt – »er lallte manche Worte mehr als dass er sie sprach«.

Auch die Ansprache eines Studienrats, der den jungen Flakhelfern Unterricht erteilte, gefiel Borkowski nicht. Der Mann habe davon gesprochen, »dass es ehrenvoll sei, für unser Vaterland das eigene Leben einzusetzen.« Davon hielt der Teenager jedoch gar nicht: »Und wir sollen so jung sterben, wozu ich mit meinen sechzehn Jahren keine Lust habe! Auch Fred, Udo und Karl-Heinz wollen nicht in der Schlacht um Berlin fallen.«

Dieter Borkowski war im August 1944 als Luftwaffenhelfer zur Wehrmacht einberufen worden, der 16-Jährige erlebte das Kriegsende in Berlin. Sein Tagebuch rekonstruierte er nach dem Krieg aus dem Gedächtnis.

Quelle: Dieter Borkowski: »Wer weiß, ob wir uns wiedersehen: Erinnerungen an eine Berliner Jugend«, Fischer Verlag 1980.


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