Wie »Frauen und Kinder zuerst« auf Befehl von Alexander Seton begann - DER SPIEGEL
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Untergang der »Birkenhead«: Frauen und Kinder zuerst

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Helden zur See »Frauen und Kinder zuerst« – so begann es

Als ein britisches Schiff 1852 ein Riff vor Südafrika rammte, sank es rasch. Inmitten der Panik an Bord gab ein Offizier und Gentleman einen Befehl, der zu einem universalen Gesetz der Seefahrt wurde.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Der Auftrag

Ende des 18. Jahrhunderts herrscht im Süden Afrikas Krieg, seit fast hundert Jahren schon. Die europäischen Kolonisten stoßen nach Osten vor und vertreiben die Stämme der Xhosa aus ihrem Territorium. Die weißen Siedler, Buren und Briten, haben es auf das Ackerland und die Weiden der Xhosa abgesehen. Die Ureinwohner wehren sich, sie überfallen Farmen, die Weißen bilden Milizen und schlagen zurück. 1779 kommt es zum ersten »Grenzkrieg« um die Linie, die Weiß und Schwarz trennt.

Es folgen noch viele Schlachten, und 1850 peitscht ein Xhosa-Prophet namens Mlanjeni sein Volk erneut zum Widerstand gegen die europäischen Eindringlinge auf. Die Krieger, predigte Mlanjeni, seien immun gegen die Kugeln der Weißen. Chronisten verzeichnen den achten Grenzkrieg.

Großbritannien schickt Verstärkung. Am 7. Februar 1852 legt der Truppentransporter »Birkenhead« im irischen Queenstown ab. An Bord sind 130 Mann Besatzung, 491 Soldaten, drei Ärzte, außerdem 25 Frauen und 31 Kinder.

Der Dampfer

Die britische Admiralität hat sich lange geweigert, neue Schiffe in Auftrag zu geben, die aus Eisen gefertigt werden. Doch Holz wird immer knapper, und die ersten Handelsschiffe mit einem eisernen Rumpf bewähren sich. 1845 lässt die Marine in Birkenhead eine erste Fregatte aus dem neuen Baumaterial auflegen: 60 Meter lang, 11,30 Meter breit, mit einer Verdrängung von knapp 2000 Tonnen.

»Vulcan« soll das Schiff heißen, es wird ein typischer Kompromiss seiner Ära, als Segel und Maschine um die Vorherrschaft ringen. Die »Vulcan« bekommt eine Takelage wie eine Brigantine: drei Masten, vorn Rahsegel, hinten Schratsegel. Zwischen den beiden Hauptmasten ragt ein langer Schornstein aus dem Deck, darunter arbeiten zwei Dampfmaschinen, die ihre Leistung von 350 PS auf zwei mächtige Seitenschaufelräder übertragen.

Ursprünglich ist der Rumpf durch wasserdichte Schotten unterteilt, doch als man sich ein paar Jahre später entscheidet, das Schiff als Truppentransporter einzusetzen, werden Durchgänge in die Schotten geschnitten, damit sich Soldaten und Crew unter Deck besser bewegen können.

Keine gute Idee, wie die verhängnisvolle Reise nach Südafrika beweisen wird.

Der Felsen

Mit der neuen Funktion erhält die Fregatte einen neuen Namen. »Birkenhead« heißt sie jetzt, nach der Stadt, in der sie vom Stapel lief. Mitte Februar 1852 macht das Schiff in Kapstadt fest, die Crew bunkert Proviant und Treibstoff, lädt Pferde ein für die Kavallerie und läuft wieder aus. Kapitän Robert Salmond nimmt Kurs auf Port Elizabeth, den großen Hafen am Ostkap Südafrikas. Seine Vorgesetzten haben ihm noch einmal eingeschärft, dass Eile geboten ist. Also fährt Salmond nicht weit raus auf das offene Meer, sondern bleibt dicht unter der Küste; das Land ist nie weiter als drei Meilen entfernt.

Das Wetter spielt mit, die See ist ruhig, die »Birkenhead« kommt mit einer Marschgeschwindigkeit von 8,5 Knoten gut voran. Kurz vor Danger Point, einer felsigen Halbinsel auf halber Strecke, die aus gutem Grund so heißt, lässt der wachhabende Offizier mit dem Lot die Tiefe messen, Routine. 22 Meter nur, so flach!

Der Mann auf der Brücke flucht und lässt die Messung wiederholen. Aber da ist es bereits zu spät. Ungebremst donnert die »Birkenhead« um kurz vor zwei Uhr in der Nacht auf ein Riff, das in den Karten nicht zu finden ist. Der Felsen reißt ein gewaltiges Loch in das Vorschiff, Wasser strömt in den Rumpf, und zwar so schnell, dass etwa 100 Soldaten nicht mehr rechtzeitig aus ihren Hängematten kommen und ertrinken.

An Deck herrscht Chaos. Von acht Rettungsbooten lassen sich nur vier klarmachen, bei Weitem nicht genug für die vielen Menschen an Bord, und dann wird eines auch noch vom einstürzenden Schornstein zerschmettert. Die Crew treibt die Pferde von Deck in die See, wo sie sofort von Haien attackiert werden.

Kapitän Salmond begeht nun einen unerklärlichen wie folgenschweren Fehler. Das Schiff sitzt doch auf dem Riff und läuft voll. Warum bloß befiehlt er »volle Kraft rückwärts«? Glaubt er, dass er es mit seinem Schiff noch bis zum Land schaffen kann?

Wie ein Dosenöffner fährt der Felsen durch den eisernen Rumpf und schlitzt die »Birkenhead« noch weiter auf. 60 Mann kämpfen schon an den Pumpen, doch gegen diese Flut kommen sie nicht an. Das Schiff ist verloren. Salmond weiß das, Lieutenant Colonel Alexander Seton auch. Er ist der kommandierende Offizier der Soldaten an Bord, alles Männer des 74th Highland Regiment of Foot, also Infanterie. Und Seton trifft eine harte Entscheidung.

Der Offizier

Was wissen wir über Alexander Seton? Geboren am 4. Oktober 1814 in Mounie, Aberdeenshire, also im Osten Schottlands. Seine adligen Eltern schicken ihn nicht zur Schule, sie unterrichten ihn selbst, mit 15 geht er zur Ausbildung nach Frankreich und Italien. In Pisa studiert er Mathematik und Chemie, er soll außerdem ein besonderes Talent für Sprachen gehabt haben.

Mit 16 beginnt seine Karriere beim Militär, als Füsilier, sein Regiment wird nach Australien verlegt. Mit 22 Jahren ist er Leutnant, es folgt die Versetzung nach Indien. Dann Studium am Royal Military College in Chatham, weiter zum Dienst in Irland, als Stellvertreter des dortigen Generalquartiermeisters.

1851 bekommt er das Kommando über die Truppen, die den Kolonisten am Kap zu Hilfe kommen sollen, er wird zum Oberstleutnant befördert. Ein undatiertes Gemälde zeigt den jungen Offizier in seiner roten Uniform, ein Mann mit feinen, weichen Gesichtszügen, mehr Kind noch als Mann. Aber auf der »Birkenhead« gibt es keinen, der auch nur eine Sekunde an seiner Autorität zweifelt.

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Es hilft wahrscheinlich, dass er so groß ist, mit seinen 1,92 Metern überragt er die meisten seiner Männer, er behält jedenfalls den Überblick. Überlebende berichten später bei der militärgerichtlichen Untersuchung des Untergangs, er habe seine Befehle auch in allergrößter Not mit ruhiger und klarer Stimme gegeben. Die höfliche, aber bestimmte Aufforderung an seine Leute lautet:

»Gentlemen, would you please be kind enough to preserve order and silence amongst the men and ensure that any orders given by Captain Salmond are instantly obeyed?« – Meine Herren, hätten Sie die Güte, Ruhe und Ordnung zu bewahren und sicherzustellen, dass allen Anordnungen Kapitäns Salmonds umgehend Folge geleistet wird?

Wir wissen nicht, in welchem Maß die Augenzeugen die geschilderten Szenen in der Rückschau geschönt oder überhöht haben, wie viel davon Legende ist und wie viel Wahrheit. Doch es ist auch keine Stimme zu hören, die dieser Darstellung widerspricht.

Nur Minuten später bricht das Schiff in Höhe des Großmastes auseinander, verzweifelt drängen sich die Menschen nun auf dem Achterschiff, und von Kapitän Salmond kommt die Order, auf die alle warten: »Rette sich, wer kann, springt über Bord und schwimmt um euer Leben.« Aber da schreitet Seton ein. Er zieht seinen Säbel, um seine Ansage zu unterstreichen. Achtung, soll das heißen, was jetzt kommt, ist nicht verhandelbar, was ich sage, das gilt. Mit diesem nächsten Befehl wird er zum Helden, mit diesem einen Satz nur schreibt er Geschichte.

Der Befehl

Seton sieht die Panik an Deck, die wenigen Boote, die schnell überfüllt sein und unter der Last der vielen sinken werden. »Frauen und Kinder zuerst«, lautet sein Kommando. Alle anderen stillgestanden, in Reih und Glied. Seine Leute folgen ihm, sie nehmen an Deck Stellung auf, keiner protestiert, keiner schert aus.

Der Kutter mit Frauen und Kindern kommt frei vom sinkenden Schiff, die Riemen fassen Wasser, aber noch sind die Schiffbrüchigen nicht in Sicherheit, das erkennt Seton. Er muss verhindern, dass ihr Boot von Schwimmern erreicht und möglicherweise doch noch zum Kentern gebracht wird.

So bleibt er stehen, den Säbel in der Hand, und seine Männer bleiben stehen. Bis die »Birkenhead« sinkt. Einige wenige können sich in die Reste der Takelage retten, die noch aus dem Wasser ragen, andere schaffen es, an Trümmer des Wracks geklammert, bis ans rettende Ufer. 193 Menschen überleben das Unglück, darunter alle Frauen und Kinder. Hunderte ertrinken, sofern sie nicht von Haien gefressen werden.

Auch Alexander Seton kommt ums Leben. Aber sein selbstloser Reflex, diejenigen zu schützen, die sich nicht selbst schützen können, wird zu einem – ungeschriebenen – Universalgesetz der Seefahrt. Auf dem sinkenden Dampfer muss der schottische Offizier in Sekundenschnelle über Leben und Tod entscheiden und schafft einen moralischen Präzedenzfall.

Fortan gilt auf See nicht mehr »Rette sich, wer kann«, sondern das ethische Prinzip, dass die Starken den Schwachen helfen. Und dass ferner Kapitän oder Befehlshaber unter allen Umständen die Letzten sein sollen, die sich in Sicherheit bringen.

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Als »Birkenhead Drill« geht Setons Order in die Geschichte ein – wobei es im Laufe der Zeit zu einer Verschiebung der Bedeutung kommt, die er kaum beabsichtigt haben dürfte, als er im Angesicht des Todes erkennt, dass er andere noch retten kann mit seinem Befehl. »Remember the Birkenhead« werden künftig Generäle und Admiräle brüllen, wenn sie von ihren Soldaten Kampf bis zur Selbstaufgabe verlangen. »Birkenhead Drill« wird zum Synonym für: Achtung, jetzt geht es in ein Himmelfahrtskommando.

Epilog

Vor einigen Jahren haben Mikael Elinder und Oscar Erixson von der schwedischen Universität Uppsala untersucht, ob und wie sich das hehre Prinzip in der grausamen Realität des Schiffbruchs tatsächlich durchgesetzt hat. Wer hat denn, wenn es zum Untergang deines Schiffs kommt, die besseren Überlebenschancen? Männer oder Frauen und Kinder?

18 Schiffsunglücke haben die Forscher analysiert, bei denen insgesamt 15.000 Menschen in Seenot geraten waren. Ihre Auswertung umfasst die unvergessenen, schlimmsten Katastrophen in der Geschichte der Seefahrt: darunter die Kollision der »Titanic« mit einem Eisberg, der Torpedotreffer der »Lusitania«, das Feuer auf der »Morro Castle« und der Untergang der »Estonia« im Sturm auf der Ostsee.

Das Fazit der Schweden ist einerseits ernüchternd: Männer kommen eher davon; in der Katastrophe sind ihre Chancen, gerettet zu werden, signifikant höher. Auch sind die Aussichten der Crew und des Kapitäns, das Desaster zu überleben, viel besser als die ihrer Passagiere. Was natürlich damit zu tun hat, dass die Besatzung mit den Abläufen auf einem Schiff besser vertraut ist und in der Regel sogar für den Seenotfall trainiert hat. Andererseits, und da kommt Alexander Seton wieder ins Spiel, steigt die Überlebensrate von Frauen und Kindern deutlich, wenn die Schiffsführung – wie beispielsweise auf der »Titanic« – deren Rettung zur Priorität erklärt.

Selbstlosigkeit, postulieren die Wissenschaftler, ist nicht die soziale Norm. Es braucht einen Anführer, auf See also einen Kapitän, der seinen Leuten signalisiert: Ihr müsst jetzt Helden sein.